Wieder aufgenommene Zukunftsvisionen

4. März 2011 Mehr

Seit dem Jahr 2007 leben erstmals in der Geschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Laut UNO soll der Anteil der Stadtbevölkerung bis zum Jahr 2030 voraussichtlich auf über 60 Prozent steigen und im Jahr 2050 rund 70 Prozent erreichen. Es bedarf keiner schwierigen Rechnung, um daraus zu schließen, dass sich die Zukunft unseres Planeten wohl in den Städten entscheiden wird. Hoffentlich nicht nur für die Zeitschrift ARCH+ Grund genug, um sich umfassend mit dem Thema Zukunft der Stadt auseinanderzusetzen.

Wieder aufgenommene Zukunftsvisionen

Mit einem Heft und einer Ausstellung nahm sich die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift für Architektur und Städtebau, welche die Grenzen zwischen den sich wandelnden Disziplinen Architektur, Stadt, Kultur und Medien in Theorie und Praxis auslotet, des Themas an. Nach Stuttgart und Berlin machte die als Kooperation zwischen ARCH+ und dem Institut für Auslandsbeziehungen entstandene Ausstellung „Post Oil City. Die Geschichte der Zukunft der Stadt“, vom 27. Jänner bis 14. Februar auch in Wien Station und wird nun als internationale Wanderausstellung um die ganze Welt ziehen.

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„Die Geschichte der Zukunft der Stadt“ lässt die Ausstellung mit den Stadt-Utopien der 1960er beginnen. Viele Lösungsansätze für städtische Probleme wurden nach dem Ende der ersten Ölkrise auf Eis gelegt und werden heute wieder aufgegriffen, weitergedacht und in die Realität überführt. Teilweise reichen die Ideen zu den vorgestellten, heute vor der Umsetzung stehenden Projekten, aber noch weiter zurück. So entwickelte Norman Foster für das unterirdische Verkehrssystem von Masdar City, einer Stadtneugründung in Abu Dhabi, mit dessen Umsetzung 2008 begonnen wurde, ein Fahrzeug nach dem Vorbild Buckminster Fullers. Dieser entwickelte bereits 1933 sein sogenanntes Dymaxion-Auto.

Neben solchen Hightech-Methoden wurden bei der Konzeption der neuen Ökostadt, aus der alle umweltbelastenden Faktoren verbannt werden sollen, aber auch Lowtech-Verfahren angewandt. So basiert der quadratische Grundriss der Stadt mit seiner dichten Bebauung auf dem Vorbild traditioneller eingefriedeter arabischer Siedlungen. Die damit erreichte Kompaktheit hat zum einen den Vorteil einer optischen Verschattung und zum anderen einer fußläufigen Erreichbarkeit der innerstädtischen Ziele. Der Grundriss der Stadt wurde außerdem so gedreht, dass die kalten Winde
durch gezielte Öffnung von Windtürmen zur Kühlung der engen Gassen ausgenutzt werden können.
Die Gestaltung des Platzes von Masdar City findet hingegen in den Schirmkonstruktionen von Frei Otto ihren Vorläufer. Tagsüber geöffnet dienen diese als Schattenspender und produzieren dank applizierter Solarzellen Energie, während sie nachts zu Leuchtkörpern werden.
Um ein mit Masdar verwandtes Projekt handelt es sich beim 59 Hektar großen Wohn- und Gewerbegebiet Xeritown an den Ausläufern von Dubai, an dessen Masterplan gerade das Architekturbüro SMAQ arbeitet. Die vorwiegende Verfolgung von Lowtech-Ansätzen äußert sich hier in einer an arabischen Bauformen angelehnten Fassadengestaltung.
Diese entspricht sowohl den klimatischen Bedingungen als auch kulturell-gesellschaftlichen Aspekten, durch das Schaffen eines gestaffelten Übergangs zwischen privaten und halböffentlichen Räumen. Die urbane Form Xeritowns wurde ebenfalls im Zusammenspiel mit den örtlichen Bedingungen von Sonne, Wind und Wasser entwickelt. Durch Nord- Süd-Ausrichtung der Gebäude wird deren solare Aufheizung minimiert werden. Die Baumasse ist auf streifenartigen Inseln so orientiert, dass die kühlere Brise vom Meer zwischen den Gebäuden hindurchströmen kann, während die heißen Wüstenwinde durch ansteigende Bebauung über das Gebiet hinweg geleitet werden. Eine Skyline aus niedrigen Gebäuden und Türmen bildet Luftschneisen und unterstützt dadurch die natürliche Belüftung.
Bereits der ägyptische Architekt Hassan Fathy entdeckte die Qualität traditioneller arabischer Bauweisen, welche ihn seit den 1950er-Jahren ganz ähnliche Ideen entwickeln ließen.
Neben den angewandten Lowtech-Ansätzen sind allerdings auch hoch entwickelte Technologien vorgesehen, wie solare Energiegewinnung oder eine bedarfsorientierte Straßenbeleuchtung.

Gegliedert in die drei Schwerpunkte Energie, Mobilität und Stadtsysteme werden nicht nur aus ökologischem Gesichtspunkt innovative, sondern auch in ihrer Art der Planung neuartige und auf Nachhaltigkeit bedachte Projekte vorgestellt. So zum Beispiel das Projekt New Energy Sustainable Town (N.E.S.T.), ein Modell für die eigenverantwortliche Entwicklung energie- und nahrungsmittelautarker Siedlungen in ländlichen Regionen Afrikas, welche immer wieder von Hungersnöten heimgesucht werden. Im Juni 2010 erfolgte in einem Dorf im Nordwesten von Äthiopien die Grundsteinlegung des von einem Team um den Schweizer Urbanisten Franz Oswald initiierten Selbsthilfeprojektes. Dieses versteht sich als „Workshop“ in dem die Bewohner lernen sollen, ihren Lebensraum schrittweise nach demokratischen Prinzipien wie Partizipation und Emanzipation zu gestalten.

Während Stadtneugründungen in China oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten kompromisslos einen sogenannten nachhaltigen Städtebau ermöglichen, werden in europäischen Städten meist nur punktuelle Eingriffe in die bestehende Substanz vorgenommen. So zum Beispiel auf dem Areal des 2008 stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof, für dessen Nachnutzung ein städtebaulich-landschaftsplanerischer Ideenwettbewerb mit
dem Thema „Stadt und Klimawandel“ ausgeschrieben wurde. In Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro Happold entwickelte der niederländische Architekt Raoul Bunschoten (CHORA) den Vorschlag, den Tempelhof durch „prozessuale Stadtentwicklung“ zu einem Energie-Inkubator zu entwickeln. Der urbane Raum wird dabei in seiner Fähigkeit gesehen, sich den konstant verändernden Zukunftsbedingungen anzupassen. Neben der Funktion als zukünftiger Energieproduzent für die umliegenden Stadtgebiete sieht das Energiekonzept von CHORA und Happold auch die Einsparung von Ressourcen und die Verwendung und Förderung regenerativer Energien vor. Es soll in drei parallel zur stadträumlichen Entwicklung des Gebiets verlaufenden Phasen umgesetzt werden.
Zentrale Anlaufstelle und erstes zu realisierendes Gebäude des neuen Stadtteils ist die sogenannte „Urban Gallery“, die als interaktives Diskussionsforum im Zentrum einer prozessualen, partizipativen Planung steht. Dadurch soll Tempelhof nicht nur zu einem Standort für Energieproduktion im materiellen Sinne werden, sondern als synergetische Ideenfabrik im Bereich „Stadt und Klima“ fungieren.
Besonders spannend macht die Ausstellung „Post Oil City“, dass sie sich nahe an der Schnittstelle zwischen Zukunftsvision und schon gebauter Realität bewegt.

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Kategorie: Architekturszene

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