Den BIM-Zug nicht verpassen

5. Mai 2015 Mehr

 

Interview — Auf der BAU in München gab Christian Weiss, Manager EMEA bei Autodesk, architektur-Redakteur Marian Behaneck ein kurzes Interview mit interessanten Einblicken in das Trendthema BIM.

 

 

Weiss: Es ist vielleicht ein ungewöhnlicher Einstieg, wenn ich die erste Frage stelle, aber ich wüsste doch gerne: Wie schätzen Sie mit ihrem Architektur-Background und als langjähriger Beobachter der Szene Building Information Modeling ein?

Ganz ehrlich – vor einigen Jahren dachte ich noch: alter Wein in neuen Schläuchen. Aber dann sind immer mehr Software-Anbieter darauf eingestiegen. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Visualisierung, wie vor rund 25 Jahren. Jetzt wird auch einfacher berechnet, simuliert, in 3D gedruckt oder in virtuelle Realitäten getaucht. Jetzt muss BIM nur noch in den kleinen und mittleren Planungsbüros ankommen… 

Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Große Büros mit großen Projekten können die komplette BIM-Werkzeugkiste nutzen: Renderings und Animationen, um Investoren zu überzeugen, Kollisionskontrollen um Bau- und Montageabläufe sicherer zu machen, Gebäudesimulationen für die Energieoptimierung, Finite-Elemente-Berechnungen zur statischen Optimierung oder CFD-Strömungssimulationen für Windlast- oder Brandschutz-Nachweise. Aber auch kleine Projekte profitieren von BIM: über Visualisierungen, energetische oder bauphysikalische Analysen.

Glauben Sie, für kleinere und mittlere Büros mit ein bis zehn Mitarbeitern, die ja etwa 95 Prozent aller Planungsbüros ausmachen, lohnt sich die Investition in Schulungen und möglicherweise neue Software-Werkzeuge?

Investitionen in neue Technologien lohnen  sich immer! Außerdem kann man ja schrittweise hineinwachsen: erst 3D-CAD, wenn noch zeichnungsorientiert gearbeitet wird, dann die konsequente Nutzung von Bauteilattributen für die AVA- und Kostenauswertung, später der BIM-Austausch mit TGA- und Tragwerksplanern.

Sie meinen, erst Little, dann Big BIM?

Genau – wichtig ist, dass kleine Büros ihre Chancen erkennen, etwa in einer engen Kooperation mit Fachplanern. Noch wichtiger ist, dass man jetzt einsteigt. Jetzt sind BIM-Kenntnisse und Erfahrungen ein echter Wettbewerbsvorteil. Irgendwann wird BIM Pflicht, weil die Bauherrschaft es vorgibt. Dann wird Unwissenheit zum Ausschlusskriterium.

Wo sehen Sie die Rolle des Architekten im BIM-Prozess? 

Er muss entsprechend seines Selbstverständnisses als „Dirigent am Bau“ auch der BIM-Manager werden, bei dem alle Informationen und Daten zusammenlaufen und der alle Projektbeteiligten koordiniert. Sonst verliert er weitere Kompetenzbereiche, wie schon teilweise an Projektsteuerer oder Kostenmanager.

Viele haben Vorbehalte, sehen BIM nicht als Allheilmittel aktueller Probleme am Bau, sorgen sich um die Qualität der Architektur, weil sich Prozesse beschleunigen, Planer sich mehr mit den Werkzeugen und der Technik beschäftigen als mit dem Projekt. 

Auch das BIM-Datenmodell ist nur ein Hilfsmittel, ein Werkzeug. Der Anwender entscheidet, wie es eingesetzt wird. Gerade am 3D-Datenmodell kann man sehr gut an der Architektur und am Detail feilen, besser noch als mit Bleistift und Skizzenrolle. Ich will nur an Zeiten und Diskussionen erinnern, als vor einer „automatischen Architektur“ gewarnt wurde. Heute werden Star-Architekten für ihr „generatives“, mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr planbares Design gefeiert.

Ist die Einstellung gegenüber BIM auch eine Generationenfrage?

Ganz sicher – für Studenten und Berufseinsteiger ist das BIM-Modell wie „digitales Lego“, mit dem ganz selbstverständlich spielerisch und kreativ entworfen und geplant wird. Nicht zuletzt diese Generation macht BIM zu einem immer schneller fahrenden Zug, dessen Dynamik sich schon jetzt nicht mehr aufhalten lässt.

Autodesk hat mit Revit ja quasi ein BIM-Referenzprodukt in seinem umfangreichen Portfolio. Wie steht es um die anderen Produkte aus grauer BIM-Vorzeit wie etwa AutoCAD und wo will Autodesk mittel- und langfristig hin?

AutoCAD und AutoCAD Architecture wird natürlich parallel weiterentwickelt. Schließlich gibt es weltweit, mit länderspezifischen Unterschieden, mehr AutoCAD- als Revit-Installationen. Wer jedoch BIM will, sollte auf Revit umsteigen. Mittel- und langfristiges Ziel ist, unsere Anwender in die Cloud zu bringen. Wenn wir die Software leichter bereitstellen können, Updates und Support durch eine homogene „Versionslandschaft“ effizienter werden, dann profitieren Anwender und Hersteller gleichermaßen. Beim Rendern oder Animieren wird etwa der Bürorechner nicht blockiert oder die Kooperation aller Planungs- und Baubeteiligten wird verbessert. Außerdem haben nutzungsabhängige Lizenzmodelle Vorteile bei saisonal schwankenden Büroauslastungen, in Bezug auf die Kapitalbindung und so weiter.

Wie sieht „BIM 2017“ aus? Wo steht Ihrer Meinung nach BIM zur nächsten BAU? 

Ich glaube, in zwei Jahren wird der aktuelle BIM-Hype ein Stück weit abgeklungen sein. BIM wird sich langsam, aber stetig zum Standard entwickeln, das BIM-Wissen wird besser, Normen und Standards werden die BIM-Ausbildung und den -Einsatz voranbringen und aus Little BIM wird, wenn sich auch Fachplaner und Handwerker beteiligen, irgendwann Big BIM.

Herr Weiss, vielen Dank für das Gespräch.

 

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Kategorie: EDV, Kolumnen

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