Der zerstörerische Reiz des Wiener Umlandes

12. Juni 2014 Mehr

 

Wien gehört zu den am schnellsten wachsenden Metropolen in ganz Europa – in 15 Jahren wird die Bundeshauptstadt um 300.000 Einwohner ‚reicher‘ sein. Grund hierfür ist das Phänomen der Landflucht, welche bereits seit einigen Jahrzehnten für einen rapiden Anstieg der Einwohner von Städten verantwortlich ist. Doch nicht nur Metropolen, sondern auch die Umlandgemeinden von Großstädten verzeichneten aufgrund der Anziehungskraft großer Siedlungsgefüge ein massives Wachstum der Bevölkerung. Befinden sich mehrere solcher Orte im Umkreis einwohnerstarker Städte, wird diese Zone als Speckgürtel bezeichnet. Oft handelt es sich hierbei auch um die Heimat von Berufspendlern.

 

 

Das Umland ist jedes Mal aufs Neue ein Diskussionspunkt der Wiener Stadtentwicklungspläne – im STEP 2025 ist das Schaffen zusammenhängender Ortsteile dezidiert als eine der wichtigsten Visionen vermerkt. Leider hat sich der Umgang mit den Zersiedelungsproblemen Wiens in der Vergangenheit bisher als wenig effektiv erwiesen. Verantwortlich hierfür ist vordergründig die mangelnde Kooperations- und Handlungsbereitschaft der Länder.

 

Wachsende Speckgürtel als Todesurteil für die kompakte Stadt?

Insbesondere in Österreich stellen die sich ausweitenden Umlandgemeinden für größere Orte – darunter fallen neben Wien auch Graz und Linz – ein ernst zu nehmendes Problem dar. Die Substanz der Innenstädte leidet zusehends unter der steigenden Beliebtheit der Speckgürtel. Von den Auswirkungen sind hauptsächlich Lokale und Geschäfte in den inneren Bezirken betroffen. Während die Wiener Innenstadt zwar zur Ausübung des Berufes aufgesucht wird, nutzen die Bewohner der ländlichen Zone vor allem die Lokalitäten in den Außenbezirken zur Gestaltung der Freizeit.

Einen zusätzlichen negativen Einfluss auf die Entwicklung nehmen Einkaufszentren wie die Shopping-City Süd. Vor allem Personen, die in den südlichen Bezirken der Stadt Wien wohnen, unternehmen oft Ausflüge in das Shoppingcenter und verbringen dort ihre Nachmittage.

Auch das Verkehrsaufkommen wird durch das Wachstum der Speckgürtel negativ beeinflusst. Laut einer Studie der Statistik Austria dominiert in österreichischen Städten der öffentliche Verkehr – in Wien, Graz und Linz ziehen die Einwohner das ÖV-Angebot dem eigenen PKW deutlich vor.

Dieser Trend könnte wegen des Wachstums der äußeren Siedlungsgefüge bald der Vergangenheit angehören. Durch die großen räumlichen Distanzen im Umland ist die Bevölkerung gezwungen, das Auto als primäres Fortbewegungsmittel zu nutzen – alleine vom Bezirk Mödling pendeln täglich bis zu 170.000 Personen mit dem eigenen Fahrzeug in die Hauptstadt. Neben Luftverschmutzung, Lärm und Stau ist Parkplatzmangel eine Folge des hohen Verkehrsaufkommens.

 

Wohlhabende Umlandgemeinden als attraktive Alternative zur Großstadt?

Wollen Planer gegen das Problem der sich ausdehnenden Außengemeinden vorgehen, muss ermittelt werden, warum Speckgürtel als Wohnorte so beliebt sind.

Mittlerweile zieht ein großer Anteil der Wiener Stadtbewohner die sogenannte Stadtflucht und somit ein „Haus im Grünen“ in Erwägung. Einen essenziellen Beweggrund stellt dabei die Tatsache dar, dass ein Einfamilienhaus heutzutage als Prestigeobjekt angesehen wird. Vor allem jungen Familien wird diese Wohnsituation als anstrebenswertes Ideal vermittelt. Nachdem Grundstücke im Wiener Stadtgebiet jedoch eher spärlich gesät und nicht für jeden erschwinglich sind, stellt die Besiedelung des Umlandes eine naheliegende Alternative dar.

Als Anreiz dient vielen Personen, welche der Stadt den Rücken kehren, die Nähe zum Grünraum. Ironischerweise führt genau das Bestreben in der Natur zu wohnen erst zum Verbrauch des kostbaren Landschaftsraumes. Ein frei stehendes Einfamilienhaus mit Garten ist nicht nur eine Bauform, welche den größten Anteil an Fläche in Anspruch nimmt, sondern diese stellt auch eine gesellschaftliche Fehlinvestition dar. Bestandsgebäude werden aufgrund fehlender finanzieller Mittel nämlich selten modernisiert und können somit nicht anderweitig genutzt werden. Aufgrund jener Eigenschaften gilt das Einfamilienhaus laut Experten als verschwendete Fläche, welche obendrein Zersiedelungstendenzen begünstigt.

 

Zersiedelung durch Kooperationen aufhalten

Erste Impulse, die räumliche Entwicklung der Bundesländer Wien, Niederösterreich und Burgenland in geordnete Bahnen zu lenken, stellten Bündnisse, wie die im Jahr 1978 gegründete Planungsgemeinschaft Ost dar.

Wer sich die Umsetzung dieser Kooperationsgemeinschaft genauer ansieht, wird jedoch Zweifel an der Effektivität der Pläne haben. Die Mitglieder der Planungsregion Ost formulieren nämlich lediglich raumplanerische Ziele ohne konkrete Instrumente zu deren Umsetzung bereitzustellen.

Angesichts der Tatsache, dass die PGO keine Rechtspersönlichkeit hat, verwundert es bis dato nicht, dass diese Gemeinschaft bisher wenig zur Lösung der misslichen Lage der Außengemeinden beitragen konnte.

Das Problem Speckgürtel sieht sich aber nicht nur planerischen, sondern auch politischen Hindernissen gegenüber. Nachdem die Stadt Wien inmitten eines anderen Bundeslandes gelegen ist, stellt die Suche nach städtebaulichen Lösungen oft ein Machtspiel zwischen Provinz und Großstadt dar. Der Zuwachs an Einwohnern hat nämlich vor allem für kleine Gemeinden massive finanzielle Vorteile – immerhin zieht mit jeder zusätzlichen Familie potenzielle Kaufkraft in den Ort. Aus diesem Grund ergreifen die ländlichen Regionen nur ungerne Maßnahmen, welche den Zuzug wohlhabender Bevölkerung vereiteln könnten.

Auch das Fehlen einer übergeordneten Steuerung von Raumplanungsangelegenheiten der Länder erweist sich für die Entwicklung des Speckgürtels als Nachteil – weder Landeshauptleute noch die Bürgermeister wollen bezüglich dieser Aufgabe auf ihre Macht verzichten.
Eine Stadt, welche das beschriebene Problem allerdings gut lösen konnte und dadurch ein positives Beispiel gelungener Kooperation darstellt, ist Hannover. Obwohl die Lage der Metropole eine große Ähnlichkeit mit der Situation Wiens aufweist, halten sich die politischen Machtspiele in jener Region in Grenzen. Der Grund hierfür ist in der Tatsache zu finden, dass der Großraum Hannover als Einheit gilt und beinahe über dieselben Kompetenzen wie ein Bundesland verfügt. Somit kann dieser übergeordnete Bestimmungen zu Raum- und Verkehrsplanung sowie auch zum Gesundheitswesen treffen.

Um eine ausgewogene Vernetzung im Wiener Stadtgebiet und Umland zu gewährleisten, bedarf es einer höhergestellten Planungsinstanz. Dadurch könnte der Ausbau der Außenzone auf die Entwicklung der einzelnen Bezirke der Hauptstadt abgestimmt und in geordnete Bahnen gelenkt werden.

Soll zusätzlich die Zahl der Pkw-Nutzer in Metropolen und Umland auf einem überschaubaren Level gehalten werden, müssen Experten verkehrsplanerische Anpassungen treffen. Ein Lösungsansatz wäre in diesem Fall nicht nur der Ausbau des öffentlichen Verkehrs in Richtung Wien, sondern auch eine bessere Verbindung der Gemeinden untereinander. Diesbezüglich kann sich die Raumplanung Österreichs an der Stadt Berlin ein Beispiel nehmen. Dort erfolgt die Siedlungsentwicklung in die Region lediglich an den wichtigsten Schienenachsen, sodass jeder Ort über eine Bahnverbindung verfügt. Auf diese Weise können Berufspendler jederzeit problemlos auf den öffentlichen Verkehr umsteigen.

 

Text: Dolores Stuttner

 

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Kategorie: Architekturszene, Kolumnen

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