Cloud Computing: Wolkige Versprechungen oder echter Nutzen?

12. Oktober 2011 Mehr

Cloud Computing: Wolkige Versprechungen oder echter Nutzen?

Cloud Computing ist ein EDV-Trendthema, das sich auch im Baubereich mittel- und langfristig etablieren wird. Wofür steht „die Cloud“, und wie weit ist diese Technik heute? Wo wird sie bereits erfolgreich eingesetzt, und was ändert sich für den Anwender?

(c) Strato 

Immer mit aktuellen Programm-Versionen arbeiten, ohne permanent in neue Hard- und Software investieren zu müssen – welcher Büroinhaber oder IT-Verantwortliche will das nicht? Genau das – und noch mehr – verspricht eine neue Form der netzbasierenden Bereitstellung von Hard-, Soft- und Serviceleistungen. Dabei werden virtuelle Rechnen- und Speicherkapazitäten, Dienstleistungen oder Programme genau dann bei einem Anbieter online angemietet, wenn sie auch tatsächlich gebraucht werden. Kosten sowohl für den Aufbau, die Anpassung und Wartung der eigenen Infrastruktur entfallen.
Cloud-Dienste kommen mit vergleichsweise bescheidener Hardware aus, denn die Anwendung läuft nicht mehr lokal auf dem eigenen PC, sondern auf einem Rechner irgendwo im weltweiten Datennetz. Wer glaubt, mit Cloud Computing versuche die Computerbranche mal wieder – und diesmal fast „buchstäblich“ – das Blaue vom Himmel zu versprechen, um sich neue Einnahmequellen zu erschließen, der irrt. Die „Cloud“ ist längst Realität. Die meisten von uns nutzen schon Teile davon, ohne es zu wissen. Cloud-Vorreiter sind nämlich verbreitete Online-Dienste wie Google Mail für den Versand und die Verwaltung elektronischer Post, Google Text & Tabellen für die Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Grafik, Picasa oder Flickr für die Präsentation und Verwaltung von Digitalfotos etc. Auch Online-Bestelldienste wie Amazon nutzen schon seit geraumer Zeit die Cloud, um ihre IT-Kapazitäten bei Nachfragespitzen schnell hoch- und später wieder herunterzufahren.

(c) Autodesk

Cloud Computing, ASP, SaaS … oder was?

Der Begriff „Cloud“ (englisch für „Wolke“) steht letztlich als Synonym für Datennetze wie das Internet: Programme und Daten sind nicht mehr auf der Festplatte des eigenen PCs gespeichert, sondern irgendwo auf sogenannten Servern (Computer und Programme, die einen Zugang zu speziellen Online-Dienstleistungen ermöglichen) im weltweiten Datennetz abgelegt. Das bietet den Vorteil des plattform-, zeit- und ortsunabhängigen Zugriffs auf Programme, Daten oder Speicherkapazitäten: All dies kann auf mobilen PCs oder Smartphones unterwegs, vom Kunden aus oder im Urlaub abgerufen werden, sofern vor Ort eine ausreichend schnelle mobile Internetverbindung vorhanden ist. Da die gesamte IT-Infrastruktur damit in sehr kurzer Zeit an den aktuellen Bedarf angepasst werden kann und nutzungsorientiert abgerechnet wird, können Stoßzeiten und Auftragsflauten kostengünstig bewältigt sowie veränderte Organisationsprozesse oder Geschäftsmodelle berücksichtigt werden.
Auch die Zusammenarbeit räumlich getrennter Projektteams wird einfacher: Arbeiten mehrere Personen gleichzeitig an einem Auftrag, muss man Dokumente nicht mehr umständlich per E-Mail hin und her schicken. Alle Beteiligten greifen auf dieselben Inhalte zu und jede Änderung wird sofort sichtbar. Mitarbeiter müssen nicht zwangsläufig im Unternehmen anwesend sein, sie können auch vom Home-Office oder von beliebigen Zweigstellen aus an Projekten mitarbeiten, was neue Arbeitsmodelle ermöglicht.

(c) Nemetschek 

Bei der Bereitstellung von Hardware, Software und Serviceleistungen über Netzwerke – das können öffentliche Netze wie das Internet oder das firmeninterne Intranet sein – gibt es verschiedene Ausprägungen: Während beim sogenannten Application Service Providing (ASP) Anbieter eine auf den jeweiligen Kunden zugeschnittene Applikation offerieren, geht Software as a Service (SaaS) einen Schritt weiter, indem Standard-Applikationen via Internet einem breiten Publikum zur Verfügung gestellt werden. Infrastructure as a Service (IaaS) stellt Rechnerinfrastruktur (Rechenkapazität, Speicherplatz) über das Internet bereit, während Plattform as a Service (PaaS) Online-Entwicklungstools zur Verfügung stellt.
Cloud Computing ist quasi alles zusammen. Es verallgemeinert das Prinzip der Online-Bereitstellung auf die komplette IT-Infrastruktur (Rechenleistung, Speicherplatz, Software, Dienste), die bedarfsorientiert zur Verfügung gestellt und nutzungsabhängig abgerechnet wird. Im Gegensatz zum Grid Computing, bei dem Rechner vernetzt werden, um beispielsweise rechenintensive Probleme gemeinschaftlich zu lösen, werden beim Cloud Computing von einem Anbieter zentral gesteuerte IT-Ressourcen für einzelne Nutzer offeriert. Unter Betriebs-, Eigentums- und Organisationsaspekten werden Public Clouds für eine große Anzahl verschiedener Nutzer und Private Clouds für eine geschlossene Nutzergruppe (z. B. ein Unternehmen) unterschieden. Während der Zugriff auf Nutzerdaten bei der Public Cloud über den Anbieter erfolgt, ermöglicht die Private Cloud (auch „Internal Cloud“ genannt) eine gewisse Kontrolle über sensible Nutzerdaten, da die Cloud-Technologie im eigenen Rechenzentrum umgesetzt wird. In der Praxis werden häufig Kombinationen aus Private und Public Clouds sowie traditioneller IT-Umgebung (sogenannte „Hybrid Clouds“) eingesetzt. Sie bieten die Vorteile beider Welten: Mobiler Zugriff, nutzungsorientierte Abrechnung und Wartungsfreiheit der Cloud sowie die Unabhängigkeit und Datenhoheit eines firmeneigenen Rechenzentrums.

(c) Nemetschek

Wo Wolken sind, ist auch Schatten …

Cloud Computing hat auch eine Kehrseite. Viele beschleicht ein komisches Gefühl bei dem Gedanken, sensible Unternehmensdaten nicht mehr auf der eigenen Festplatte zu speichern, sondern in einem externen Netzwerk, bei dem man nicht kontrollieren kann, wer wann darauf Zugriff hat.
Einer aktuellen Umfrage [1] zufolge, nutzt unter den befragten mittelständischen Unternehmen nur jedes zehnte Cloud Computing, 80 Prozent sehen auf absehbare Zeit keinen Bedarf. 70 Prozent der Cloud-Skeptiker argumentieren mit der Sorge um mangelnde Datensicherheit im Internet. Viele wissen aber auch nicht, was Cloud Computing ist und welche Vorteile und Möglichkeiten es gibt. Fast die Hälfte der Cloud-Nutzer sieht als größten Nachteil den Kontrollverlust über die eigenen Daten, die wachsende Abhängigkeit von Fremdfirmen. Von den Unternehmen, die Cloud Computing einführen wollen, versprechen sich die meisten Kosteneinsparungen. Ein weiteres Motiv ist, dass Mitarbeiter zeit- und ortsunabhängig auf Daten zugreifen können. Gegen die Cloud sprechen ganz praktische Hürden: So vereiteln teilweise mangelnde Datenübertragungsraten und die Stabilität mobiler Funknetze ein flüssiges, störungsfreies mobiles Arbeiten. Selbst bei schnellen Datennetzen wie DSL kann es bei komplexen Anwendungen (CAD, Grafik, Visualisierung etc.) zu Beeinträchtigungen im Arbeitsfluss kommen. Hinzu kommt, dass keiner der Anbieter eine 100-prozentige Verfügbarkeit gewährleisten kann. Bei Branchenprogrammen, die in den Unternehmen ohnehin meist pausenlos laufen, entfällt ferner der Vorteil der nutzungsorientierten Abrechnung.
Aus rechtlicher Sicht sollte man ebenfalls einiges bedenken, denn Cloud-Computing-Verträge haben so manche Tücken: Beispielsweise sollte man prüfen, welche Konsequenzen es hat, wenn der Vertrag ausläuft oder beispielsweise durch eine außerordentliche Kündigung beendet wird. Auch aus technischer Sicht ist ein Anbieterwechsel problematisch, denn aufgrund fehlender Standards lassen sich Anwenderdaten nicht ohne Weiteres von einem auf das andere System übertragen.

(c) Strato

Baubrache: derzeit nur leicht „bewölkt“

Auch für Software-Anbieter hat die Cloud Vorteile: Es müssen keine Updates/Upgrades versandt werden, alle Anwender sind auf dem gleichen Versionsstand (was den Support erleichtert), und Einnahmen fließen regelmäßig. Ob angesichts relativ geringer Mietgebühren von wenigen Euro pro Monat das bisherige Modell der Serviceverträge und Updategebühren nicht vorteilhafter ist, bleibt jedoch abzuwarten. In jedem Fall erfordert die Cloud auch bei Anbietern ein Umdenken – insbesondere in den Bereichen Marketing, Vertrieb und Kundenbindung. Tatsache ist, dass Cloud-Anwendungen zunehmen. So stellte Marktführer Microsoft kürzlich mit Windows Azure eine Cloud-Computing-Plattform und mit dem neuen Office 365 eine Cloud-Office-Lösung vor. Hardware-Anbieter Hewlett-Packard ermöglicht mit „ePrint & Share“ die Online-Ausgabe und �Verwaltung von Druckdaten von jedem mobilen Computer oder Smartphone aus auf einen mit dem Web verbundenen HP Designjet. Im Baubereich beschränken sich Cloud-Anwendungen derzeit noch auf Lohn- und Finanzbuchhaltungs- oder Dokument-Management-Systeme. So lassen sich mit der bauspezifischen Dokument-Management-Lösung Stratos Bau von Stratos-Niederlassungen, Baustellen und Geschäftspartner online einbinden. Planerspezifische Standard-Anwendungen CAD-, AVA- sowie Büro-/Projektmanagement-Software sind dagegen noch durchgängig Desktop-orientiert, wobei Aspekte wie Kooperation und Mobilität zunehmend wichtiger werden.
Cloud-Lösungen sind der richtige Ansatz, denn sie erübrigen den lästigen Abgleich von Baustellen- und Bürodaten und vereinfachen die kooperative Projektarbeit. Je nach Ausrichtung und Zielgruppe sind Anbieter wie Autodesk, Nemetschek, RIB und andere unterschiedlich weit mit der Realisierung der Cloud. Während die einen noch in der Konzeptionsphase stecken, offerieren andere schon erste Dienstleistungen und Produkte. So ermöglicht die kostenlose App AutoCAD WS von Autodesk AutoCAD-Anwendern mittels Cloud Computing ihre Entwürfe und DWG-Daten über das Internet sowie mobile Geräte anzuschauen, zu bearbeiten und mit anderen zu teilen. Den nächsten logischen Schritt nach dem 5D-Datenmodell (siehe architektur 2/11 BIM: Der Architekt als Building Information Manager) plant RIB bereits mit einer Cloud-basierenden Business-Medienplattform für die Bauindustrie. Sie soll eine zentrale Plattform für die Interaktion zwischen allen Beteiligten werden und einen Echtzeitzugang zu sozialen Netzwerken, Cloud Computing, e-Commerce und Softwareanwendungen bieten. Mit dem neuen internationalen Portal Allplan Connect von Nemetschek erhalten nicht nur Allplan-Anwender einen Ausblick auf mobiles und vernetztes Arbeiten in der Cloud. Das Portal bietet Download-Möglichkeiten für Software-Updates, CAD-Objekte und Texturen für die Visualisierung sowie einen Zugang zum technischen Support und zu einem internationalen Anwenderforum. Ziel der kürzlich ebenfalls von Nemetschek gestarteten Allplan-Online-Initiative ist es, Planer durch innovative Cloud-Lösungen zu unterstützen und Geschäftsprozesse durch ausgelagerte Software-Infrastrukturen und Services sowie zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten zu optimieren.
Die Mehrzahl der (kleineren) Anbieter hält sich noch zurück. Viele sehen als Haupthindernis – neben der traditionellen Zurückhaltung der Zielgruppe gegenüber Neuem – für konkrete Anwendungen derzeit kaum Möglichkeiten, zumal aktuelle Internetleitungen nicht ausreichen, um beispielsweise komplexe CAD-Anwendungen flüssig auf einem Cloud-Server betreiben zu können. Das High-Speed-Datennetz VDSL ist bisher nur sporadisch verfügbar und Mietpreise für leistungsfähige Cloud-Server sind noch relativ hoch, weshalb sich die Anschaffung eines Rechners eher lohnt. Hinzu kommen rein praktische Erwägungen: So reichen für einfache text- oder tabellenorientierte Anwendungen wie AVA- oder Büro-/Projektmanagement-Software aktuelle Cloud-Kapazitäten zwar aus. Dennoch kauft man sich diese Software lieber, da sie ohnehin ständig im Büro läuft und permanent genutzt wird.

(c) BITKOM

Trendthema mit Knackpunkt Datensicherheit

Dennoch – die „Wolke“ ist fraglos ein Trend. Der neuen Technik sind lediglich psychologische Hürden gesetzt: Sensible Daten will keiner gerne hergeben. Wer seinen Server samt Daten im Betrieb stehen hat, anstatt in irgendeinem Rechenzentrum, hat ein besseres Gefühl. Die Aussicht auf Mobilitäts- und Kostenvorteile wird alleine nicht reichen, um Unternehmen zur Umstellung zu bewegen. Wie komme ich an meine Daten bei einem Serverausfall? Was passiert bei Hacker-Angriffen auf den Server? Was ist, wenn es lokale Netzprobleme gibt? Das sind essenzielle Fragen, die vorher zu klären sind. Es bedarf auch entsprechender Softwarelösungen, leistungsfähiger Datenleitungen, Sicherheitsmechanismen und vertrauenswürdiger Provider. Die neue Technik wird wohl auf eine neue Anwendergeneration warten müssen, bis sich die Cloud als zeitgemäße Form der EDV-Nutzung etablieren wird. Dann werden Anwenderdaten ebenso selbstverständlich dem Netz anvertraut, wie es die junge Anwendergeneration bereits jetzt (häufig allzu sorglos) mit privaten Daten in Sozialen Netzwerken tut …

Weitere Infos/Quellen*

[1] Golkowsky, C./Vehlow, M.: Cloud Computing im Mittelstand. Erfahrungen, Nutzen und Herausforderungen, PwC, Frankfurt/Main, 2011.
Metzger Ch./Villar J.: Cloud Computing – Chancen und Risiken aus technischer und unternehmerischer Sicht, Hanser Fachbuchverlag, 2011.
www.bitkom.org/de/publikationen/38337_61111.aspx 
www.wikipedia.at, Suchwort: „Cloud Computing“
* Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit!

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Kategorie: EDV

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