Frauen in der Architektur – Architektin Anna Popelka

2. Mai 2018 Mehr

Alles, was ich mir wünsche, ist Normalität!

In der Architektur dominieren nach wie vor Männer, das wird niemand bestreiten. Das Studium beginnen beide Geschlechter noch zu gleichen Teilen, danach ist es anders. Warum das so ist, ist weniger klar. Geschlechtsspezifische Zuschreibungen über bestimmte Fähigkeiten – Männer können besser räumlich denken, die Farbkarte ist eher Frauensache, Männer planen gerne Türme, Frauen weiche Formen etc. – entspringen einer historisch bedingten, stereotypen Sozialisierung. Sie stimmen so wenig wie, dass alle Farbigen rhythmisch begabt sind.

Allein durch die quantitative Minderheit erfahren Architektinnen im Beruf eine unfreiwillige „Sonderbehandlung“. Sie werden verstärkt wahrgenommen, ignoriert oder überbewertet, jedenfalls kritischer beurteilt als jeder Mann. Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Männer, die auf Prinzipien beharren, beweisen Rückgrat, Frauen sind schwierig. Der schweigende Mann am Verhandlungstisch ist interessant, die schweigende Frau hat wohl nichts zu sagen.

 

Anna Popelka und Georg Poduschka, PPAG architects

Anna Popelka und Georg Poduschka, ©PPAG architects

 

Hinzu kommt: Durch jahrhundertelange Präsenz der Männer in der Gesellschaft sind Männer in der Kommunikation untereinander trainiert. Sie können mit Gegnerschaft umgehen, aber sie fördern einander auch. Frauen haben sich unterdessen in Konkurrenz zueinander geübt. Diese alten Muster in wenigen Generationen aufzubrechen, ist und war viel Arbeit, die ausschließlich einige wenige Feministinnen geleistet haben, wofür ich unendlich dankbar bin.

Vor ein paar Jahren noch hätte ich die Ungleichbehandlung im Beruf standhaft geleugnet, Gegenmittel, wie Seilschaften der Architektinnen, kamen mir wie das peinliche Pendant zur Männerbündlerei vor, eine Kumulierung der Schwachen, eine Reaktion auf einen unausgesprochenen Kriegszustand, das Durchsetzen von Quoten – eine doppelte Schmach.

In letzter Zeit scheint sich das Rad weiter zurückzudrehen. Das hat sicher auch mit der sich zuspitzenden geopolitischen Lage innerhalb eines unbarmherzigen durchkapitalisierten Marktes zu tun, die den Klassenkampf wieder stärker befeuert. Hier geht es in erster Linie um Macht. Qualifizierte Frauen werden als Konkurrenz am Arbeitsmarkt wahrgenommen. Wenn sie jung und hübsch sind, bekommen sie noch eine Rolle innerhalb der gängigen Narrative zugeteilt, sind willkommene Abwechslung im männergeprägten Umfeld, ab einem gewissen Alter greift Misogynie.

Offene Diskriminierung gibt es nicht mehr, das passiert heute alles auf einer perfiden, subtilen Ebene. Männer werden selbst­verständlich in die Kommunikation eingebunden, Frauen werden viel leichter exkludiert. Schon über Ausschluss aus dem Mailverteiler kann man wirkungsvoll in die Schranken weisen.

 

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Neue Wohntypologie für den Wettbewerb Wohnanlage Kafkastraße/Handelskai, Wien 2017, ©PPAG architects

 

Das klingt jetzt alles schlimmer, als es ist. Natürlich lebe und arbeite ich in einem Umfeld, das geprägt ist von gegenseitiger Anerkennung und Respekt. Das nicht nur nicht permanent wertet, permanent vergleicht, wo das schlicht alles keine Rolle spielt. Wo alles ganz normal ist. Im engeren Kreis der Familie, im Büro, mit guten Geschäftspartnern und Auftraggebern ist Ungleichbehandlung meistens kein Thema, wird kaum persönlich erlebt. Aber ein Schritt hinaus, in Gremien, die mit den immer gleichen man­splainenden Silberrücken besetzt sind, die nichts mehr zu lernen haben, zeigt sich die gesellschaftliche Gegenwart.

In der Architektur wird aus Nichts Etwas, Architektur beschreibt eine Art Transformation von geistiger Energie in Materialität, ein komplexer Prozess, selbst bei der einfachsten Hütte. Das ist hoch spannend und schwer genug. Wir befinden uns mitten in einer komplexen Dynamik der Ereignisse, der Phänomene wie rasantes Wachstum, zunehmende Dichte, Digitalisierung, Automatisierung, Klima- und Mobilitätswandel. Diese müssen zugunsten einer positiven Zukunft für uns alle geplant und verhandelt werden. Dafür wünsche ich mir ein produktives Klima der Normalität für alle ArchitektInnen.

Text:©Peter Reischer

Frauen in der Architektur Teil 3

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Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen

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