Holzbau im urbanen Raum – eine Chance für Städte?

22. November 2014 Mehr

 

Die Gesellschaft der heutigen Zeit steht zwei großen Problemen gegenüber: Bei einem schwindenden Anteil fossiler Ressourcen steigt gleichzeitig der Energiebedarf immer weiter an. Diese Tendenz stellt auch Architekten und Planer vor neue Herausforderungen. Viele Fachleute beschäftigen sich mittlerweile mit der Frage, welche Materialien als Baustoff den Ansprüchen der heutigen Zeit gerecht werden.

 

 

Dieser Aspekt bedarf vor allem im Angesicht des Klimawandels einer intensiven Betrachtung. Eine Lösung für die zeitgemäße Architektur kann mit einer verstärkten Integration von Holz in den Städtebau erreicht werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn Gebäude nicht nur soziokulturellen, sondern auch den umweltpolitischen Anforderungen des hiesigen Jahrhunderts genügen sollen. Wird Holz als Baustoff nämlich im großen Volumen verwendet, kann das einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Experten loben das Material vor allem wegen seiner Nachhaltigkeit. Als Baustoff speichert es einen bedeutenden Anteil an CO2 – bis zu einer Tonne Kohlstoffdioxid kann in einem Kubikmeter Holz gelagert werden. In Anbetracht dessen verwundert es nicht, dass die Nachfrage nach Holzbauten im urbanen Raum steigt.

Geht es um die Verwendung von Holz in Städten, stehen Politiker und Planer diesem Unterfangen aber sehr kritisch gegenüber. Dies gilt insbesondere für Österreich, wo vor allem der Verwirklichung mehrgeschossiger Massivholzbauten aus vermeintlich sicherheitstechnischen Gründen noch immer ein Riegel vorgeschoben wird. In der Praxis lässt sich jedoch beobachten, dass Holz anderen Materialien diesbezüglich ebenbürtig ist.

 

Mit Holz in Richtung Nachhaltigkeit

Ballungsräume sehen sich heute dem Druck ausgesetzt, nicht nur sozialen und ökonomischen, sondern auch Nachhaltigkeitsansprüchen gerecht zu werden. Solch hohe Anforderungen sorgen auch in der Architektur für Umdenken. Auch deswegen sind erneuerbare Rohstoffe wie Holz seit mehr als einem Jahrzehnt Forschungsschwerpunkt der Bauwirtschaft.

In diesem Kontext ist insbesondere das vom Büro schluderarchitektur initiierte Forschungsprojekt 8+ zu erwähnen. Im Zuge dessen zeigte sich, dass die Errichtung von bis zu 20-geschossigen Holzhäusern möglich ist. Bezüglich der technischen Eigenschaften ist Holz dem traditio­nellen Massivbau der letzten Jahre nämlich nicht nur gleichgestellt, sondern übertrifft diesen sogar in einigen Punkten. Das erneuerbare Material verfügt über dieselbe Tragfähigkeit wie Stahl und ist von der Druckfestigkeit her mit Beton zu vergleichen. Gleichzeitig handelt es sich um einen äußerst leichten Werkstoff, der auch hohe Zugkräfte aufnehmen kann. Ein weiterer Vorteil des Baustoffes besteht darin, dass er stets nachwächst und somit in vielen Regionen Europas im Überfluss vorhanden ist. Dadurch lässt sich sowohl bei der Produktion von Holz als auch bei den finanziellen Ausgaben eine beachtliche Zeit- und Kosten­ersparnis erzielen.

Nicht zuletzt birgt Holz auch aufgrund seiner Verträglichkeit mit anderen Materialien große Potenziale. Durch diese Flexibilität lassen sich bestehende Bauten ohne Beeinträchtigungen erweitern. Eine Lösung, durch die ökonomische Aspekte sowie Nachhaltigkeitskonzepte gleichermaßen befriedigt werden, stellt daher das Prinzip der Mischbauweise dar. Als Vorbild könnten Planer hier die Bauten der Gründerzeit heranziehen. Die auch heute noch höchst attraktiven Bauwerke wurden zu einem großen Teil in Holzbauweise errichtet. Nachdem diese Gebäude selbst nach über hundert Jahren bewohnbar und für die Entstehung prägnanter Stadtteile verantwortlich sind, stellen die hybriden Konstruktionen ein gutes Beispiel wirtschaftlicher Architektur dar.

Die Vorteile des biologischen Werkstoffes liegen also auf der Hand – trotzdem wurde in Wien bisher nur ein Hochhaus in hölzerner Massivbauweise realisiert. Mit ebendiesem ist Österreich auf den internationalen Trend, Holzbauweise in Form mehrgeschossiger Häuser in den Stadtraum zu integrieren, aufgesprungen. Bei dem Projekt handelt es sich um den Wohnbau von schluderarchitektur und Hagmüller Architekten in der Wagramer Straße des 22. Wiener Gemeindebezirks. Der massive Holzbau besteht aus einem siebengeschossigen Hauptgebäude, welches über filigrane Laubengänge mit drei dreigeschossigen Baukörpern verbunden ist. Insgesamt wurden an die 2.400 m³ Brettsperrholz verarbeitet, was eine Speicherung von 1.900 Tonnen an CO2 ermöglicht. Die Entstehung des Bauwerkes ist auf den Architekturwettbewerb ‚Holzbau in der Stadt‘ im Jahr 2009 zurückzuführen. Doch obwohl der Entwurf für das Wohnhaus als Siegerprojekt hervorging, wurden den Planern bei der Umsetzung große Steine in den Weg gelegt. Ein erhebliches Problem stellte unter anderem die Tatsache dar, dass sich kein Generalunternehmer an die Verwirklichung des Projekts herantraute. Als Grund wurde die erhöhte Brandgefahr der 14 cm dicken Brettsperrholzwände angeführt. Obwohl die zuständigen Architekturbüros die schwere Entflammbarkeit der Massivholzelemente nachweisen konnten, mussten diese zusätzlich mit Gipskartonverkleidungen auf beiden Seiten versehen werden. Das Ergebnis dieses langwierigen Prozesses ist ein Holzbau, der als solcher auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Nichtsdestotrotz stellt er ein Pilotprojekt gut umgesetzter Holzarchitektur in der Hauptstadt dar. Als gelungener Wohnbau zeigt er nämlich auf, dass Bauvorhaben dieser Art auch in einer großen Stadt wie Wien durchaus machbar sind.

 

Baustoff der Zukunft?

Bei Holz handelt es sich nicht nur um einen naturnahen, sondern auch um den ältesten Baustoff der Welt. Noch vor einem Jahrhundert war es durchaus üblich, Elemente aus diesem Material in den Stadtraum zu integrieren. Während die Entwicklung von Holz als Baumaterial im vorigen Jahrhundert als weitgehend ausgeschöpft galt, erweitern Technologien der heutigen Zeit Einsatz- und Verwendungsmöglichkeiten des Stoffes. Neue Studien zeigen auf, dass auch der vom Staat kritisierte geringe Sicherheitsstandard weitgehend der Vergangenheit angehört. In Anbetracht dieser Tatsache stellt sich jedoch die Frage, warum der mitteleuropäische Raum, aber vor allem Österreich der Verwendung dieses Materials im urbanen Kontext noch immer zögernd gegenübersteht. Der Grund für die veralteten behördlichen Auflagen ist zu einem großen Teil in der geschichtlichen Entwicklung des Städtebaus zu finden. Da ab der Zeit der Industrialisierung vor allem auf Massenproduktion gesetzt wurde, lösten Materialien wie Eisen, Guss und Stahl, welche für die schnelle und intensive Bearbeitung als besser geeignet galten, den Holzbau ab. Mitverantwortlich für diesen Trend war auch die Tatsache, dass Planer nur zaghaft nach Wegen suchten, Holz an die spezialisierten Anforderungen der neuzeitlichen Technik anzupassen. Das Ergebnis war, dass der ehemals bewährte Baustoff immer mehr in den Hintergrund rückte.

Während die österreichische Bürokratie Gebäuden, welche zur Gänze aus dem nachhaltigen Material bestehen, auch heute noch eher skeptisch gegenübersteht, stellen Bauten in Teilholzbauweise im urbanen Raum jedoch keine Seltenheit mehr dar. Ein gelungenes Projekt, das nur teilweise über hölzerne Elemente verfügt, ist der Bauteil C der 2006 errichtete Wohnhausanlage am Mühlweg im 21. Wiener Gemeindebezirk. Ein charakteristisches Merkmal dieses Projekts der Architekten Dietrich/Untertrifaller sind die Loggien aus Vollholz, welche den städtischen Charakter der Fassade auflockern. Ein ähnlicher Baustil wird auch im Sonnwendviertel beim neuen Hauptbahnhof Wiens Einzug finden. Auf dem Areal ist die Errichtung von Passivhäusern mit teilweisem Holzbau geplant. Nicht weniger als 419 Wohnungen sollen die Gebäude der Architekten Riepl Riepl, Vlay und Kada beinhalten. Somit stellen diese zukünftigen Wohnstätten zurzeit eines der größten Projekte in Mischbauweise dar.

Obwohl sich durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Österreichs Städten ein Trend zum Holzbau hin abzeichnet, hat der Staat in diesem Bereich noch Nachholbedarf. Insbesondere, wenn es um die Errichtung nachhaltiger Hochhäuser geht, erschweren die veralteten Sicherheitsbestimmungen eine Bewilligung innovativer Konzepte. Folglich könnte durch eine Überarbeitung der behördlichen Auflagen ein bedeutender Schritt in Richtung eines zukunftsorientierten Orts- oder Stadtbildes gemacht werden.

Ein Vorbild für die zeitgemäße Verwendung von Holz als Baustoff könnte Österreich unter anderem in der skandinavischen Architektur finden. In diesen Staaten werden im Stadtraum nicht nur einzelne Häuser, sondern auch ganze Viertel aus diesem Material gebaut. Zudem entwickelten die Planer Nordeuropas in den letzten Jahren neue Ansätze zur Holzarchitektur. Ein Bild solch innovativer Konzepte konnten sich Interessenten von 9. bis 31 Oktober 2014 bei der Ausstellung des Architekten Kinno Kuismanen ‚Holz: Nachhaltiges Bauen in Finnland‘ in Linz machen.

 
Text & Fotos: Dolores Stuttner

 

 

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Kategorie: Architekturszene, Kolumnen

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