Im Garten der Venus

7. Oktober 2014 Mehr

 

Nur einen Steinwurf entfernt von der weltberühmten Venus von Willendorf, einer bloß 11 cm hohen Statuette aus dem Jungpaläolithikum, steht ein architektonisches Kleinod, das auf erstaunliche Weise Vergangenheit und Zukunft in sich vereint.

 

 

Im gleichnamigen Wachauer Ort gelegen, ruht das Haus auf den Resten eines römischen Kellergewölbes aus dem vierten Jahrhundert. Das bestehende Wohngeschoss im Hochparterre wurde von den Architekten Volker Dienst und Christoph Feldbacher nur behutsam renoviert und bauphysikalisch auf Stand gebracht, der darüber liegende Dachboden durch eine in ihrer Eleganz und Schlichtheit bestechende Holzkonstruktion aus Fertigteilen ersetzt. Bei den Oberflächen im Innenraum wurden keine Kompromisse gemacht: bis auf die Fliesen im Sanitärbereich ist alles unbehandeltes Holz. An den Wänden und der Dachschräge glattgehobelt und am Boden sägerauh, was letzterem eine überraschend angenehme textile Teppich-Haptik verleiht.

Vom lichtplanerischen Standpunkt ist der helle und seidenmatte Holzton erfreulich, weil sich auch mit Leuchten geringerer Leistung durch das viele Streulicht ein angenehmer und heller Raumeindruck erreichen lässt. Tagsüber wird ausreichend Tageslicht durch die Dachflächenfenster eingebracht, ein Teil davon durch einen Lichtschacht sogar bis in die darunter liegende Küche geführt.

Trotz aller Modernität und Schlichtheit fügt sich der neue Bauteil nahtlos in das Gebäude- wie auch das Ortsensemble. Straßenseitig gibt er sich verschlossen, am anderen Ende öffnet sich dafür der Innenraum zum Donautal und seinen Marillenhainen hin und bewahrt trotz dieser Offenheit, dank seiner Lage am Ortsrand und der Distanz zu den Nachbarhäusern, seine Intimität und Privatheit auch nachts.
Wie nähert man sich als Lichtgestalter einem formal so radikalen Raum nun an? Wir entschieden uns dafür, das Lichtkonzept möglichst minimalistisch zu halten, und die Leuchten gegenüber der Architektur möglichst in den Hintergrund treten zu lassen. So sind in die Fensterstürze warmweiße schmale Lichtbänder eingelassen, welche die Tageslichtrichtung auch abends blendfrei fortführen und dem Raum mit ihrem weichen Grundlicht einen sanften Rhythmus geben. Ergänzend sind an der Dachschräge kompakte Dreiergruppen aus Niedervolt-Halogenstrahlern unregelmäßig verteilt, die gezielt bestimmte Zonen oder Objekte im Raum beleuchten und akzentuieren. Durch Dimmszenen lassen sich schnell eine Reihe von Lichtstimmungen aufrufen.

Die genaue Position und Abmessung der Leuchten mussten schon in einer frühen Phase der Planung bekannt gegeben werden, weil die Vorfertigung der Bauteile – einschließlich Dämmung und Dampfsperre – spätere Änderungen kaum mehr zuließ, sogar Auslässe für Deckenaufbauleuchten konnten nicht mehr nach Belieben verschoben werden. Die einzigen Leuchten, die sich auch als solche zeigen, sind zwei Leseleuchten im Schlafzimmer und drei futuristisch aussehende Hängeleuchten über dem Ess-tisch. Letztere liefern eine blendfreie Kombination aus direktem und indirektem Licht und markieren diese Funktionszone.

Im Badezimmer wurde besonders Wert auf eine stimmungsvolle Lichtatmosphäre gelegt. In die Fensterbank und den Spiegel bündig eingearbeitete vergossene warmweiße LED-Bänder verbreiten eine kerzengleiche romantische Lichtstimmung. Dazu kann der Raum mit einer formschönen Deckenleuchte bei Bedarf auch auf ein höheres Lichtniveau gebracht werden. Entlang des Weges zwischen den Sanitärräumen und dem darüber liegenden Schlafzimmer sind LED-Akzentleuchten in die Wand eingelassen, die kaum sichtbar sind und doch genug Licht für nächtliche Ausflüge liefern.

Die Außenbeleuchtung wurde auf das Notwendigste beschränkt, einzig der seitliche Zugangsbalkon, samt anschließender Terrasse im Halbstock und der geschützte Balkon zwischen Küche und Bad, werden mit außentauglichen warmweißen LED-Deckenleuchten aufgehellt.
Es ist schön zu sehen, dass in der Wachau mit ihrer atemberaubend schönen Landschaft endlich auch architektonische Impulse gesetzt werden – vor allem, wenn sie mit so viel Feingefühl für die bestehenden Strukturen umgesetzt werden. Wahrscheinlich ist das eher möglich, wenn der Bauherr wie in diesem Fall seit Generationen im Ort verwurzelt ist. Man sieht, moderne Architektur kann auch integrativ gestalten, ohne sich an das Mittelmaß anzubiedern oder, im anderen Extrem, bloß zu provozieren.

 

Text: podpod design Fotos: Jörg Seiler, Volker Dienst

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Kategorie: Kolumnen, Licht

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