Interview: Jahr des Lichts

21. Mai 2015 Mehr

 

2015 begehen die Vereinten Nationen das „Internationale Jahr des Lichts“. Das Jahr soll an die Bedeutung von Licht als elementare Lebensvoraussetzung für Menschen, Tiere und Pflanzen und daher auch als zentraler Bestandteil von Wissenschaft und Kultur erinnern. Wissenschaftliche Erkenntnisse über Licht erlauben ein besseres Verständnis des Kosmos, führen zu besseren Behandlungsmöglichkeiten in der Medizin und zu neuen Kommunikationsmitteln. Mit dem Lichtplaner Dipl.-Ing. arch. Reinhard Vedder von VEDDER.LICHTMANAGEMENT unterhielt sich Peter Reischer über Notwendigkeiten bei der architektonischen Planung und einiges, das die Industrie nicht gerne ausspricht.

 

IMG_5895_Ausschnitt01_kl
Worauf müssen Lichtplaner achten, wenn sie Licht in moderne Architektur bringen wollen?

Da gibt es eine ganze Reihe von Herausforderungen. Vor allem haben wir eine sich beschleunigende Entwicklung in der Arbeit mit Licht, mit dem Medium LED an vorderster Stelle. Das ermöglicht uns, sowohl technische wie auch gestalterische Dinge zu realisieren, die in der Vergangenheit nicht möglich waren.
Was wäre das zum Beispiel?

Die Möglichkeit der Inszenierungen in Gebäuden, die früher nur über standardisierte Strahler machbar gewesen wären. Feine Lichtlinien, vielfältige Formen und große Lichtflächen lassen sich mit LED sehr einfach realisieren. LED erweitert also das Kreativitätsspektrum der Architekten deutlich.
Wie sieht es bei LED mit der Nachhaltigkeit, speziell mit der Entsorgung aus?

Da sprechen Sie einen Punkt an, den man in der Vergangenheit nicht so beachtet hat, er ist auch in den Auswirkungen noch nicht richtig bekannt. Wir hören von der Lichtindustrie, dass es kein Thema ist, aber es ist nicht ungewöhnlich, dass Problembereiche erst nach und nach bekannt und in der Öffentlichkeit nicht so deutlich erklärt werden.
Die Industrie will ja verkaufen!

Natürlich, aber wir haben auch bei LED elektronischen Schrott. Der sollte – wie bei einem Computer – ordnungsgemäß entsorgt werden.
Heißt das: Zerlegen in Einzelteile und recyceln? Ist das überhaupt möglich bei LED?

Ich denke schon, dass es möglich ist. Aber Retrofitlampen können leicht mal im Hausmüll verschwinden, im Gewerbe ist man da hoffentlich stärker sensibilisiert, weil die Mengen größer sind. Die Architekten und Planer müssen sich in der Regel keine großen Gedanken darüber machen, wie das passieren kann.
Wenn wir heute eine Nachhaltigkeitsdiskussion ernsthaft führen, muss doch jeder Architekt, Planer usw. sehr wohl darüber nachdenken, welche Produkte er verwendet und wie die recycelt werden können? Wenn die Industrie keine Informationen an die Planenden liefert, ist das nicht verantwortungslos?

Was wir (Lichtplaner) bisher darüber wissen ist, dass wir bei den herkömmlichen bis jetzt zur Verfügung stehenden Leuchtmitteln – Entladungslampe, Leuchtstofflampe – im Grunde genommen ähnliche und zum Teil dramatischere Fragestellungen haben.

Bei der Kompaktleuchtstofflampe, die als der Strom- und Energiesparer dargestellt wurde, tauchten auf einmal Informationen auf (nachdem sie im Handel war), dass Schadstoffe wie Quecksilber darin enthalten sind. Die Industrie hatte dann ziemliche Mühe, das zu entschärfen – aber endgültig ist das noch nicht vom Tisch.

Da muss man dann mit anderen als den Industrievertretern sprechen, um zu erfahren, wie hoch das Restrisiko ist.

Bei LED haben wir ein definitiv geringeres Risiko als bei einer Kompaktleuchtstofflampe, die einem aus der Hand fallen und zerbrechen kann. Da haben Sie die Giftstoffe dann im Haushalt. Wenn eine LED-Lampe runterfällt, ist sie vielleicht kaputt, aber mit weniger Gefährdung.
Welche Möglichkeiten hat man nun in der Architektur, mit 100 % reinem Gewissen, Licht hineinzubringen? Bleibt uns nur mehr Tages- und Sonnenlicht übrig?

Bei der Halogenlampe ist ja nach den Verbesserungen tatsächlich ein Einspareffekt gegenüber der konventionellen Glühlampe zu bemerken. Man hat eine Klassifizierung vorgenommen. Diese Leuchtmittel kann man also dort einsetzen, wo sie wirklich Sinn machen, das ist der klassische Privatbereich. Aber auch hier und in Krankenhäusern, Hotels etc., bekommen wir mit LED ein relativ risikoarmes Leuchtmittel, mit zunehmend schönem Licht.
Sie sagen ‚relativ risikoarmes Leuchtmittel‘. Da läuten bei mir die Alarmglocken, was heißt das?

Das heißt nur, dass ich mich vorsichtig ausdrücke und hoffe, demnächst nichts Negatives über LED-Leuchtmittel sagen zu müssen.
Warum ist man dann nicht bei der guten Halogenlampe geblieben?

Das ist eine gute Frage. Die Glühlampe hatte keine Lobby.
Hat sie zu wenig Gewinn gebracht?

Ja, das kommt noch dazu. An anderen Dingen verdient die Industrie einfach mehr. Also hat man die Leuchtmittel, von denen man wusste, dass sie in erster Linie Hitze und in zweiter Linie Licht erzeugen, politisch abgeschafft. Und moderne Leuchtmittel eingesetzt, mit denen man auf Dauer wirklich Energie einsparen kann. Erst im Nachhinein hat man umfassend über die Folgen dieser Entscheidung diskutiert. Schon alleine, um das Gesicht nicht zu verlieren. Von den Lichtdesignern hat kaum jemand – außer Ingo Maurer – den Unsinn des vollständigen Verbots von Glühlampen öffentlich angeprangert.
Es gibt in der Architektur bereits Bauten, die die Abwärme von Menschen, Computern und auch Lampen zum Heizen benutzen. In dem Sinn wäre die Glühlampe doch prädestiniert weiter zu leben?

Wenn man diesen Aspekt betrachtet, haben Sie recht. Ich habe solche Impulse in Seminare eingebracht und mit Experten aus dem Handel, Industrie und Planung darüber gesprochen. Dafür habe ich nie eine Zustimmung erhalten. Die Verteufelung der Glühlampen als Energieverschwender hat so gut funktioniert, dass das unmöglich war.

Die Industrie hat bis heute kein Leuchtmittel produziert, das mehr Licht als Wärme erzeugt und allgemein verwendet werden kann. Man kann auch mit LED nicht so einfach Energie sparen, da muss man Vorkehrungen treffen, damit die Abwärme des Chips entsorgt wird, bevor sie das Raumklima beeinflusst.
Heißt das, dass im Hintergrund eine Menge Technik notwendig ist, um Energie zu sparen, diese Technik aber im Endeffekt die Bilanz der Einsparung zunichtemacht?

Bisher konnte man eigentlich mit der Energiebilanz von LED nicht so zufrieden sein, wie es in der Öffentlichkeit geglaubt wurde. Erst in diesem Jahr leistet LED den Einsparungseffekt, der uns lange versprochen wurde, das heißt, die Lumen/Watt Leistung ist jetzt endgültig besser als bei allen anderen allgemein üblichen Leuchtmitteln. Allerdings nur bei hochwertigen Systemen und kluger Haustechnik. Deshalb müssen wir lernen, mehr interdisziplinär zu arbeiten. Es ist heute nicht Standard, den Lichtplaner frühzeitig in die Bauplanung mit einzubeziehen.
Leider! Genauso wie der Facility Manager nicht rechtzeitig beigezogen wird.

Es ist von Architekt zu Architekt verschieden. Deshalb weisen wir in Seminaren immer wieder darauf hin, wie wichtig es ist, beim Planen alle Fachplaner mit einzubeziehen.
Gibt es einen Zeitpunkt in der Architektur, in dem die größten Synergien zwischen Lichtplaner und Bauherr möglich sind?

Es gibt Architekten, die sehr frühzeitig eine Vorstellung davon haben, wie ihre Räume nicht nur bei Tageslicht, sondern auch mit Beleuchtung erscheinen sollen. Und welche Außenwirkung sie haben sollen. Diese Seite der Gestaltung sollte Allgemeingut werden.
Woran liegt das, mangelnde Information oder mangelndes Interesse?

Ich glaube nicht, dass es mangelndes Interesse ist. Es gibt ein System in unserer Wirtschaftswelt, bei dem zwei Jahre bevor der Grundstein gelegt wird, alle Budgets bereits festgelegt sind. Meistens wird das Bauen von der wirtschaftlichen Seite her betrachtet. Man nimmt einen Generalunternehmer und sagt: „Kalkulieren Sie ein Bürogebäude mit 10 oder 20 Stockwerken mit soundso viel Arbeitsplätzen. Machen Sie ein Angebot, wie so ein Gebäude billig herzustellen ist und über die Nutzung in den nächsten Jahren Gewinn erwirtschaftet.“

Wenn man so denkt, hat man eine ganze Reihe von Dingen nicht im Fokus. Deshalb passieren sie auch nicht. Es sei denn, der Bauherr sagt: „Wir wollen ein möglichst energiesparendes Gebäude haben und es soll auch unser Image nach außen vertreten, wir wollen ein ‚grünes‘ Unternehmen sein und wir brauchen ein gutes Licht. Deshalb machen wir uns Gedanken über solche Dinge!“
Treffen da Kurzsichtigkeit beim Planen und das Gewinn-Maximierungsdenken zusammen?

Zunehmend sagen verantwortungsbewusste Unternehmer – wir wollen einen Kompromiss erzielen. Es ist ok, ein Gebäude mit möglichst geringen Baukosten zu erstellen. Wenn wir als Lichtplaner jetzt Leuchtmittel zur Verfügung haben, bei denen auf einfachstem Weg die Abwärme recycelt und genutzt werden kann und wir Leuchtmittel verwenden, die möglichst wenig Strahlungswärme produzieren – dann haben wir ein tolles Instrument, um kostengünstig zu arbeiten, und dann finanziert sich die Investition von selbst.

Wir brauchen eine Kultur der qualifizierten Beratung, die neben allen wirtschaftlichen Interessen die gestalterischen Möglichkeiten für eine gesunde und lebendig schön gestaltete Umwelt – im Öffentlichen wie im Privaten – einbringt und ausschöpft.
Vielen Dank für das Gespräch!

 

Tags: , , ,

Kategorie: Kolumnen, Licht

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen