Masterplan Licht – im Großen wie im Kleinen

20. Oktober 2011 Mehr

Beleuchtung der MA33 - Wien leuchtet

Ob im kleinen oder im großen Maßstab – es ist wichtig, strategische Ziele zu definieren und in Form von Masterplänen festzuhalten. Dies gilt gleichermaßen für große Städte, aber auch für kleinere Ortschaften oder einfach nur klar definierte, abgegrenzte Bereiche im Ortskern. Es gilt, die Identität eines Ortes herauszuarbeiten, die verschiedenen lichttragenden Elemente aufeinander abzustimmen und seine ihm ganz eigene Geschichte zu erzählen.

Masterplan Licht Wien

Die Bedeutung von Licht als Element in der Ortsbildgestaltung wird mittlerweile erkannt, es ermöglicht Orientierung, erweckt Aufmerksamkeit und leitet intuitiv. Immer mehr wird nach der eigenen Identität im nächtlichen Stadt- oder Ortsbild gesucht – meist im Alleingang einiger kühner Firmen oder Hauseigner, die im Wettbewerb mit ihren Nachbarn allzu oft weit über das Ziel hinausschießen. Doch Licht muss im Zusammenspiel und darf nicht isoliert gesehen werden, ein Ort sollte immer als Ganzes betrachtet werden. Sparen (Wirtschaftskrise) und Energieeffizienz (Kyoto-Protokoll) werden heute immer wichtiger und sind schon fest im öffentlichen Bewusstsein verankert, und der Druck auf die Entscheidungsträger ist damit stark gestiegen. Das Thema Light Pollution ist inzwischen in aller Munde. Aber sollte letztlich nicht der Mensch im Mittelpunkt stehen?

Nightscape

Die nächtliche Identität eines Ortes

Die Kunst, einem Ort seine nächtliche Identität zu verleihen, liegt im gelungenen Zusammenspiel der verschiedenen Beleuchtungskomponenten. Gelingt es, ein attraktives Ortsbild zu schaffen, können die Identifikation der Bewohner mit ihrem Zuhause gestärkt und touristische Aktivitäten unterstützt werden. Zuerst ist es wichtig, sich klar zu machen, welche erfahrungstopografische Strukturen einem Ort zugrunde liegen:

Die Gemeinde als Zuhause …

  • Identifizierung mit dem Ort; der vertrauteste Platz der Welt
  • Der Platz der verschiedenen Lebensabschnitte (Kindheit, Jugend, Erwachsenensein, Alter)
  • Stimmungsvolles Ambiente (Lichträume zum Wohlfühlen)

Unsachgemäße Lichtplanung

… und als attraktiver Ort für Touristen

  • Unverwechselbarkeit, Einzigartigkeit, Wiedererkennungswert (Spezielles hervorheben …)
  • Wofür steht der Ort? (Besonderheiten, Geschichte …)
  • Marketing mit Licht (Bilder, die sich im Gedächtnis einprägen …)
  • Saisonale Aspekte (Weihnachtsbeleuchtung, Straßenfeste …)

Unausgeglichenes Gesamtbild

Die Rahmenbedingungen wie Sicherheit, Orientierung (Verkehrssicherheit, Vermeidung von Angsträumen), Umweltschutz (ökologische Ausrichtung, Energiehaushalt, Lichtemission), energietechnische und wirtschaftliche Aspekte (Investitionen und Betriebskosten), Gender Mainstreaming (Berücksichtigung der Bedürfnisse von Kindern, Senioren oder Behinderten) oder architektonische und gestalterische Belange (Identifikationszeichen, Wohlfühlfaktor) geben vor, wie mit den örtlichen Strukturelementen umzugehen ist:

  • Topografie (Hügel, Grenzlinien, Uferkanten, Gewässer)
  • Bewegungslinien (Hauptstraßen, Einkaufsstraßen)
  • Brennpunkte (Knotenpunkte, Tore, Bahnhöfe)
  • Identitätsstiftende Bereiche (Ortskerne, Grätzeln, Märkte)
  • Identifikationszeichen (Landmarks, nationale und lokale Identifikationszeichen)
  • Grün- und Erholungsräume (Parks, Erholungsgebiete, Uferzonen)

Neue Beleuchtung der MA33 - Wien leuchtet

Hilfreich bei der Erstellung eines funktionierenden Masterplans ist der unvoreingenommene Blick von außen: externe Lichtplaner können in workshopartiger Zusammenarbeit mit den Ortskundigen die Bedürfnisse und Ziele der Gemeinschaft erfassen und diese in einem Konzept mit Übersichtsplänen und Visualisierungen präsentieren. Daraus werden Planungsstrategien und Richtlinien für die Umsetzung entwickelt, erst dann wird über konkrete Projektausarbeitungen nachgedacht, die möglichst mit fundierter technischer Kenntnis in Verbindung mit künstlerischem Fingerspitzengefühl umgesetzt werden sollten.

Villach

Light Pollution

Grundlegend bei der strategischen Planung ist die Minimierung von Light Pollution. Wird die Straßenbeleuchtung nach zeitgemäßen Standards geplant, werden längst anstatt der Kugelleuchten Beleuchtungskörper mit effizienter Reflektortechnik eingesetzt, wobei der Lichtaustritt die horizontale 180°-Grenze nicht überschreitet. Fassadenbeleuchtungen sollten ebenfalls von qualifizierten Lichtplanern geplant werden, die darauf zu achten haben, dass das Streulicht in den nächtlichen Himmel minimiert bleibt. Die Festlegung auf Schaltzeiten für die Effektbeleuchtungen erlaubt, dass zum Beispiel ab Mitternacht wirkliche Nachtruhe für Mensch und Tier einkehren darf. Ganz wichtig ist, die Geschäftsleute davon zu überzeugen, dass auch die Firmenlogos und Auslagen in der Regel mit geringeren Beleuchtungsniveaus ausreichend zur Geltung kommen können.

Kulturträger

Vorteile eines Masterplanes Licht

Man mag sich fragen: was bringt denn so ein Masterplan Licht eigentlich? Neben der gemeinsamen Findung einer grundlegenden „Lichtsprache“ für einen Ort steht der wirtschaftlich/ästhetische Aspekt der effizienteren Beleuchtung durch Abstimmung der Lichtniveaus und der Vermeidung von Wildwuchs und Wettrüsten im Vordergrund.
Doch auch die Berücksichtigung des Wachstumspotenzials der Gemeinde (steigendes Verkehrsaufkommen, wachsende Bevölkerung) spielt eine ebenso wichtige Rolle wie die Planungs- und Budgetklarheit für einen festgelegten, mittel- oder langfristigen Zeitraum.

Marienbrücke

Es geht nicht darum, den Tag in die Nacht fortzusetzen, sondern bewusst die Identität des nächtlichen Lebensraumes zu kreieren. Zu oft werden die funktionelle Straßenbeleuchtung und die Beleuchtung von Landmarks getrennt behandelt. Will man jedoch eine „Nightscape“ schaffen – wie es der französische Lichtplaner Roger Narboni nennt – muss der nächtliche Raum als Ganzes betrachtet werden, in dem alle mitspielenden Elemente ausgewogen in Beziehung zueinanderstehen. Nach dem Motto „Weniger ist mehr“ sollte die Zielvorgabe sein, mit aufeinander abgestimmten, durchkomponierten Lichträumen ein Wettrüsten mit immer höheren Lichtniveaus zu vermeiden.

Salztorbrücke

Ein Masterplan ist nicht nur etwas für die großen Städte. Gerade in kleinen Gemeinden kann damit die Vision vorgegeben werden, in die sich das nächtliche Ortsbild hineinentwickeln kann. Quasi ein konzeptionelles Rankgerüst im Interesse der gesamten Gemeinde, das erst im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte mit umgesetzten Projekten besiedelt wird. Das festlegt, welche visuelle Gewichtung die Stadtbildelemente kommunaler Bedeutung gegenüber privaten Anstrahlungen erhalten sollen und das die Monokultur des (wirtschaftlich) Stärkeren verhindert.

Foto: podpod design
Text: podpod design

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Kategorie: Licht

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