Sauberes Licht – Schmutziges Licht

5. September 2013 Mehr

Wem gehört die Nacht? Muss der Mensch seine Bedürfnisse wieder zurückschrauben und das Feld wieder der Natur überlassen? Ein kleiner Ausflug in die Untiefen der aktuellen Diskussion.


Was wäre das nächtliche Umfeld ohne künstliche Beleuchtung?

Sperrstund is‘

Der Umweltschutz hat schon vor geraumer Zeit Eingang in die Tourismusindustrie gefunden, Nicht-Licht als Besuchermagnet ist hingegen relativ neu. So hat sich die „Dark Sky Route“ in der portugiesischen Provinz zur regelrechten touristischen Attraktion entwickelt. Das Projekt, etwa 230 km östlich von Lissabon in der Nähe von Monsaraz gelegen, macht das Verschwinden der Nacht zum Thema. In vielen Ortschaften am Alquerva-Stausee gehen um Mitternacht die Straßenlampen aus. Wer wünscht sich das nicht, so einmal eine richtig pechschwarze Nacht erleben, mit einem vor Sternen funkelnden Himmel, der Milchstraße und vielen Sternschnuppen. Dazu nachtaktiven Tieren lauschen und sich – je nach persönlicher Veranlagung – geborgen fühlen oder fürchten. Dank dieses Konzepts wurde das Alentejo als Starlight Tourism Destination zertifiziert, vergeben von der auf Teneriffa ansässigen, von der Unesco gegründeten Stiftung namens Starlight Foundation. Eine andere Neuerung: In Frankreich ist es verboten, Schaufenster die ganze Nacht über zu beleuchten, was der Grande Nation beim Stromsparen helfen soll. Laut Dekret müssen Anstrahlungen und Geschäftsportale zwischen 1 Uhr nachts und 7 Uhr früh ausgeschaltet bleiben. Falls das Geschäft später schließen oder früher öffnen sollte, darf das Licht zusätzlich eine Stunde danach bzw. davor brennen. Frankreichs Umweltministerin verkündete, dass die neuen Einschränkungen einen kulturellen Wandel und eine Umkehr des Trends des kontinuierlichen Energieverbrauchs bewirken sollen. Es wird allerdings die Möglichkeit geben, Ausnahmeregelungen zu erlassen: Zur Weihnachtszeit oder in Gebieten mit einer besonders hohen Nachtschwärmerdichte kann das Verbot lokal bzw. temporär lockerer gehandhabt werden. Man wird schauen müssen, wie die Umsetzung der Verordnung in der Praxis aussehen wird.


Was wäre das nächtliche Umfeld ohne künstliche Beleuchtung? Die Scheinwerfer von Autos sind wahre Leuchtdichte-Weltmeister

Streulichter

Zurzeit läuft ein Projekt zur Erstellung eines exemplarischen Lichtkatasters für Wien, eine Kooperation zwischen der Universität Wien und der Kuffner-Sternwarte. In ausgewählten Bereichen wird mobil die Lichtemission aus Schaufenstern und anderen Quellen gemessen, dazu erfolgt mittels auf Hausdächern montierten Sensoren die fortlaufende Messung der Helligkeit des Nachthimmels. Aus dieser zusätzlichen Aufhellung des Himmels wird die Energiemenge des Streulichts und der damit einhergehenden Lichtglocke berechnet. Es wird geschätzt, dass rund 30 % des künstlichen Lichts ungenutzt nach oben entweichen, 15 % durch Reflexion am Asphalt (wo es genaugenommen schon genutzt wurde) und 15 % durch direkte Abstrahlung (weil der ULOR-Wert bei weitem nicht gleich Null ist, jedenfalls bei den meisten Lampen). Dann haben wir eine „Verlust-Stromleistung für Licht“ von 0,3 mal 47 MW = 14,1 MW nach oben (Richtung Nachthimmel). Als Übeltäter werden unter anderem Schaufenster- und private Fassadenbeleuchtungen entlarvt. Das mag oft stimmen, ist aber nur die halbe Wahrheit. Genauer betrachtet ist es nicht nur das ungenutzte Licht, das da entweicht, sondern zu einem erheblichen Maße das schon genutzte und von der Straße reflektierte, gestreut an trockenen Tagen, spiegelnd an Regentagen. Gar nicht zum Handkuss kommt eine der hellsten und am häufigsten vorkommenden nächtlichen Lichtquellen: der Verkehr. Autoscheinwerfer weisen im urbanen (und ländlichen) Lichtraum meist die höchste Leuchtdichte auf, sogar das vom Boden nach oben gestreute Licht der Autos ist in der Regel viel heller als das der Straßenbeleuchtung oder der Schaufenster. In Wien erfolgt um punkt 23 Uhr die bewährte Halbnachtschaltung mit einer Absenkung der öffentlichen Beleuchtung auf 50 % bzw. der Abschaltung von Fassadenanstrahlungen.


Ein ULF mit dem Zyklopenlicht im Anmarsch

Zyklopenauge

Zum Schluss ein kleines Ärgernis: Wiens moderne Niederflur-Straßenbahngarnituren sind ein echter Bequemlichkeitsgewinn für das Leben in der Stadt. Kein beschwerliches Schleppen von Einkäufen und Körper über steile Stufen beim Ein- und Aussteigen mehr und dank Allradantrieb flink wie ein Wiesel. Ursprünglich mit einem konventionellen Scheinwerferpaar ausgestattet, kam jemand auf die glorreiche Idee, eine zusätzliche Lichtquelle, einen LED-Strahler, zu installieren. Dieser sitzt wie das Auge eines Zyklopen oben in der Mitte auf dem Triebwagen. Nicht nur, dass er viel zu hell ist (er blendet sogar tagsüber!), man fühlt sich ein bisschen wie das australische Wild, das von Jeeps mit aufgesetzten Zusatzscheinwerfern gejagt wird. Ob das wirklich der Verkehrssicherheit dient? Wohl eher nicht.


Sogar in der Großstadt sind am Himmel manchmal die gleichnamigen Körper zu sehen.


Und wer macht hier das meiste Streulicht?

 

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Kategorie: Licht

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