Planen für Hitler – aus der Vergangenheit lernen!

20. Mai 2015 Mehr

 

„Wenn jemand im Laufe des Lebens ein KZ geplant hat, wollte er dies natürlich nicht an die große Glocke hängen.“ Dieses Zitat des Architekten Klaus Steiner verrät, warum die Öffentlichkeit bisher sehr wenig über die Architektur und Raumplanung von 1938 bis 1945 weiß. 

 

OK_archiszene_04

 

Tatsächlich blickt diese Disziplin im deutschsprachigen Raum auf eine eher düstere Vergangenheit zurück. Bis vor wenigen Jahren wurde das Planungsgeschehen zur Zeit des Dritten Reiches weitgehend ignoriert. Dies lag nicht zuletzt daran, dass viele Beteiligte auch nach Ende der nationalsozialistischen Diktatur weiterhin in der Planung tätig waren – oftmals sogar als Lehrer an Universitäten. Immerhin stellte die Raumplanung laut Steiner bis in die 1980er Jahre ein Umfeld dar, in dem es „nur so von alten Nazis gewimmelt“ hat. Mit der Ausstellung „Wien. Die Perle des Reiches.“ Planen für Hitler, will Architekt Steiner erstmals eine Lücke in der deutschsprachigen Architekturgeschichte schließen.

„Rasse und Raum“ – die Ideologien der Wiener Raumplanung im Nationalsozialismus

Mit der Ausstellung im Architekturzentrum Wien wird Interessierten ein Einblick in das Planungsgeschehen des Dritten Reichs gewährt. Dieser zeigt Details zur Baugeschichte des Nationalsozialismus auf, wobei die durch Klaus Steiner gesammelten Dokumente als Grundlage dienen. Die vom 19. März bis zum 17. August 2015 laufende Veranstaltung gliedert sich in neun Themenbereiche, wobei neben Fotos und Plänen auch Videos zu sehen sind. Auf diese Weise soll Besuchern ein ganzheitlicher Blick in die Vergangenheit der Stadt Wien ermöglicht werden.

Mit seinen historischen Aufzeichnungen will Steiner aber nicht nur auf das Baugeschehen der 1930er und 1940er Jahre aufmerksam machen, sondern auch mit dem Gerücht aufräumen, dass Wien beim Planungsvorhaben der Nationalsozialisten nur eine untergeordnete Rolle spielte. Die Stadt selbst hatte bei der Umsetzung der Pläne von Adolf Hitler nämlich einen besonders hohen Stellenwert – vom Diktator selbst wurde die Stadt als „Perle des Reiches“ bezeichnet, was eine regelrechte Planungseuphorie auslöste. Wien sollte demnach während der Nazizeit die Rolle einer Kulturhauptstadt einnehmen.

 

OK_archiszene_03

 

Tatsächlich war die Großstadt an der Donau nach einer Ausweitung auf 26 Bezirke nach Berlin die größte Metropole des damaligen Deutschen Reiches. Anhand der Industrie- und Baukonzepte lässt sich erkennen, dass die Hauptstadt Österreichs als bedeutender Transitraum nach Süd- und Osteuropa angesehen wurde. Daher sollte der Ort auch in puncto Architektur als Aushängeschild der Ideologien der Nationalsozialisten dienen. Hierfür bedienten sich die Planer politisch motivierter Architektur sowie des Baus sogenannter Monumentalachsen.

Doch auch im Wohnbau wollte die Diktatur unter Hitler ihre politischen Überzeugungen umsetzen. Als ideale Wohnsituation galt damals das Einfamilienhaus, welches in eine Siedlung eingebettet sein sollte. Hiermit wollte die Diktatur nicht nur die Entstehung der als optimal angesehenen Vierkindfamilie fördern, sondern auch für gegenseitige soziale Überwachung sorgen. In diesem Kontext machte sich die Raumplanung der Nationalsozialisten gleichermaßen eine rassistisch gestützte Trennung der „Rassen“ zum Ziel. So sollte die Mehrzahl der gut erschlossenen, komfortablen Wohnformen lediglich den Angehörigen des „Deutschen Volkes“ zur Verfügung stehen.

 

OK_archiszene_01

 

Kann die Raumplanung aus der Vergangenheit lernen?

Deutlich wird bei der Ausstellung, dass auch die Zeit des Nationalismus großen Einfluss auf das heutige Aussehen der Stadt Wien hat. Laut Steiner sind aber nicht alle Planungsmaßnahmen des Dritten Reiches von Grund auf abzulehnen. Durch die Konzepte der damaligen Diktatur wurde beispielsweise der Grundstein für das Aussehen des heutigen U-Bahn-Netzes von Wien gelegt. Außerdem errichteten die Planer unter Adolf Hitler in Wien mehrere Wohnkomplexe, die heute noch immer genutzt werden. An einem bestimmten Baustil lassen sich die Gebäude aus der Zeit des Nationalsozialismus aber nicht erkennen. Kennzeichnend für den damaligen Städtebau war vielmehr das Zusammenspiel von Rasse und Raum – charakteristisch hierfür waren Pläne, welche auf Kosten kultureller Minderheiten umgesetzt wurden. Unter anderem wollte das Regime mit einer Erweiterung der Ringstraße, die sich durch die gesamte Wiener Leopoldstadt ziehen würde, den jüdischen Teil der Bevölkerung aus jenem Bezirk verdrängen. Als typisch für die Architektur des Dritten Reiches galt zudem die Konstruktion von Bauwerken sowie die Verwirklichung von Raumkonzepten, welche dem Zweck der Kriegsführung dienen sollten. Die Stadtplanung wurde somit in erster Linie zur Instrumentalisierung nationalsozialistischer Ideologien eingesetzt.

Diese Entwicklung verdeutlicht, dass Planungsvorhaben stets auch den Spiegel des politischen Geschehens eines Landes darstellen. Aus diesem Grund haben die Fachkräfte bei der Umsetzung ihrer Projekte ein großes Maß an Verantwortung. Nachdem die Architektur dieser Anforderung selbst heutzutage nicht immer gerecht wird, ist zweifelhaft, ob die Durchsetzung einer politisch unabhängigen, gemeinwohlorientierten Planung überhaupt möglich ist.

 

OK_archiszene_02

 

Lässt sich der Missbrauch der Raumplanung verhindern?

Für die Planung ist eine Dokumentation der Vergangenheit von erheblicher Bedeutung. Nur durch eine ausführliche Auseinandersetzung mit den Fehlern zur Zeit des Zweiten Weltkrieges lässt sich eine Wiederholung dieser Fehler vermeiden. Doch nicht nur in Anbetracht der Vergangenheit, sondern auch bezüglich gegenwärtiger Entwicklungen stellt sich die Frage, ob Fehlentscheidungen großen Ausmaßes überhaupt verhindert werden können. Damit lediglich ethisch vertretbare Projekte umgesetzt werden, bedürfte es neben verstärkten Kontrollen einer politischen sowie finanziellen Unabhängigkeit sämtlicher Architekten und Planer.

Aktuelle Ereignisse zeigen auf, dass Planer auch heute noch zum Durchsetzen politischer Anliegen instrumentalisiert werden. Zu erwähnen ist in diesem Kontext insbesondere das 2008 durchgesetzte Minarettverbot in Kärnten. Um religiösen Minderheiten den Bau von Gebetshäusern zu untersagen, bedienten sich rechtspopulistische Politiker der Planungsgesetze: Mit der Begründung, dass die Gebäude nicht ins einheimische Ortsbild passen, wurden Minarette im südlichsten Bundesland Österreichs verboten. Auch in puncto Bodenspekulation werden Architekten und Stadtplaner oftmals zum Erfüllen rein privater Interessen eingespannt – Beispiele hierfür stellen vor allem kostenintensive Großprojekte wie der Wiener Eislaufverein dar. Nicht selten stehen Planer bei der Umsetzung von Konzepten sowie beim Anwenden von Gesetzen also auch heute noch vor einem ethischen Dilemma. Entwicklungen dieser Art können Experten nur durch vermehrte Transparenz bei der Umsetzung von Planungsgeschehen sowie dem Einbeziehen der Öffentlichkeit entgegenwirken. Wie aktuelle Tendenzen jedoch deutlich machen, ist Österreich von einer adäquaten Bürgerbeteiligung noch weit entfernt.

 

Text: Dolores Stuttner

Buchtipp: Die Wiener Ringstraße — Hatje Cantz Verlag

 

Tags: , , , ,

Kategorie: Architekturszene, Kolumnen, News, Veranstaltungen

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen