Architektur im Norden – Skandinavien

9. August 2017 Mehr

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren Gebäude und die meisten Architekturen relativ leicht in einen geografischen Kontext einzuordnen. Besonders in den ländlichen Regionen waren Häuser von den klimatischen Bedingungen, funktionalen Anforderungen, sowie materialmäßigen Gegebenheiten geprägt und wiesen jeweils unverwechselbare Eigenheiten und Identitäten auf. Heute haben sich diese Parameter stark verändert, beziehungsweise fallen oft gänzlich weg.

Gibt es trotzdem im heutigen Bauen so etwas wie eine moderne Regionalität, in der sich die soziokulturelle Eigenart einer Gegend widerspiegelt? Diese Frage richtete architektur am Beispiel der skandinavischen Architektur, der ja eine gewisse Eigenständigkeit nachgesagt wird, an einige der bedeutendsten Architekten des Nordens.

Der Direktor des Nordic Office of Architecture, John Arne Bjerknes, meinte auf die Frage nach den typischen Merkmalen nordischer Architektur:
Im historischen Kontext ist dies das Fehlen von Ressourcen, die starke Verwendung von Holz und natürlichen Materialien. Ebenso bedingt der niedrige Sonnenstand viel Tageslicht in der Architektur und große Glasflächen ermöglichen den Ausblick in die Natur, von der es ja genug in unseren Ländern gibt. Auch die geringe Bebauungsdichte ist typisch.

Wohin wird sich Ihrer Meinung nach die nordische Architektur der Zukunft entwickeln?
Architektur wird mehr und mehr international, aber der Gebrauch des Materials und die Handhabung des natürlichen Lichtes werden immer ein typisches, signifikantes Merkmal der „nordischen Marke“ bleiben. Auch die Verwendung von Freiflächen und die „Demokratie“ sowie das Vertrauen in die Stadtplanung.

Ivan Brodey

©Ivan Brodey

 

Und wie sehr prägt die Identität Skandinaviens die Architekten heute noch?
Da gibt es große Unterschiede, von den ausgesprochenen Internationalisten (BIG usw.) bis zu den örtlichen und ländlichen Trends verpflichteten Architekten.

Welche Einflüsse auf die Architektur des Nordens sehen Sie durch den Klimawandel und die Forderung nach Nachhaltigkeit?
Dieser Prozess läuft schon seit vielen Jahren und ich glaube, dass – mehr als in der Architektur von Gebäuden – er hauptsächlich die Stadtplanung beeinflussen wird.

Stimmt die Aussage der Kuratoren des nordischen Pavillons in Venedig von der „unbreakable glass ceiling“ für skandinavische Architekten?
Diese gläserne Decke kann ich nicht wirklich erkennen. Es stimmt allerdings, dass nicht viele skandinavische Büros weltweit arbeiten und an der globalen Szene beteiligt sind. Meiner Meinung nach hat das weniger mit einer imaginären Decke zu tun, als mit den großartigen Möglichkeiten, die sich in Skandinavien für die Architektur bieten.

Der sowohl in Norwegen als auch in Italien ausgebildete Architekt Snorre Stinessen war sehr vorsichtig und zurückhaltend mit seinen Aussagen zu den Fragen von architektur. Er sei generell sehr behutsam beim Theoretisieren, sowohl über seine eigenen Arbeiten wie auch über diejenigen anderer Kollegen.

Herr Architekt Stinessen, was ist nordische Architektur?
Obwohl ich den Ausdruck „Nordische Architektur“ kenne, bin ich mir nicht sicher, ob mir auch all die Zusammenhänge und Hintergründe bewusst sind.
Mein Herangehen an ein Projekt ist immer eine Kombination aus dem Verstehen der Wünsche des Klienten, der funktionalen Anforderungen und dem Kontext, der Topo­grafie. Um eine Chance auf ein konzeptuelles Design zu haben, versuche ich bewusst alle Verbindungen und Anklänge an einen „Stil“ oder ähnliche Faktoren zu vermeiden. Das würde meine Intuition behindern.
Die Verwendung von ursprünglichen Materialen bemerke ich überall auf der Welt, egal wohin ich reise. Aber meine eigene Materialpalette ist vielleicht der stärkste „nordische“ Faktor in meiner Arbeit, ich kenne sie am Besten und fühle mich mit ihr heimisch.

Bent Raanes

©Bent Raanes

 
Interessant ist seine Aussage zu den Bemühungen um Nachhaltigkeit in der Architektur:
Auf dem Gebiet der Bauordnung und der Gesetze ist der Drang zur Nachhaltigkeit oft zu politisch motiviert, zu sehr auf einzelne Elemente fokussiert. Oft gibt es Lösungen, die innovativ an das Problem herangehen. Die Schwierigkeit ist immer, diese in die bestehenden, spezifischen Bestimmungen zu integrieren. Ich glaube, dass man von der historischen und traditionellen Architektur viel lernen kann. Oft wird dies heute übersehen.

Ist die skandinavische Architektur an einem Punkt der Stagnation angelangt?
Meiner Meinung nach ist jede Entwicklung, jeder Trend oder Ähnliches an seinem Stagnationspunkt, wenn er/sie auf seinem/ihrem Höhepunkt angelangt ist. Es ist eine interessante Frage, aber ich sehe diesen Punkt weder in Skandinavien noch irgendwo anders. Im Moment sind wir doch alle dabei, gerade einen Stil oder eine Sprache (in der Architektur) zu verfeinern. Sicherlich riskieren wir dabei, dass er uninteressant oder langweilig wird. Aber da gibt es andere, die das besser beurteilen können.

 

Steve King

©Steve King

 

Aufschlussreich zu diesem Thema war auch, was ein zwar in Schweden geborener, aber in England ausgebildeter Architekt dazu sagen konnte. Der Direktor von Ström Architects, Magnus Ström hat sozusagen  den Blick von außen auf die nordische Architektur geworfen. Er schafft durch die geografische Entfernung einen distanzierten Blick auf seine Heimat.
 
Herr Architekt Ström, welches sind charakteristische Merkmale der nordischen Architektur?
Ich sehe folgende Unterschiede: In Schweden hat man den Funktionalismus einbezogen, während in England der Modernismus nie so richtig gestartet ist. Das Licht, die Verbindung des Innen- und Außenraumes und auch die Architektur als Teil einer demokratischen Gesellschaft haben sicherlich die skandinavische Nation geprägt. Hier (in England) war der Modernismus die schnelle Problemlösung, aber leider hat dann die Architektur oft versagt. Es gab Größen wie Aalto, Asplund, Lewerentz, Jacobsen, Utzon, Fehn – aber vielleicht mühen sich einige zeitgenössische skandinavische Architekten damit ab, diese zu überbieten?

Wohin wird sich Ihrer Meinung nach die nordische Architektur der Zukunft entwickeln?
Ich glaube, dass zumindest die schwedischen Architekten ein bisschen an Kontrolle von der Bauindustrie zurückbekommen müssten, sodass sie wieder mehr in den Gesamtprozess involviert sind. Damit sie wieder in die Gestaltung eingreifen können – ich hoffe, das ändert sich.

Martin Gardner

©Martin Gardner

 

Wieweit unterliegt die nordische Architektur dem globalen Trend?
In unserer Welt wird alles globaler. Aber die Idee Skandinaviens, die einzelnen Jahreszeiten zu zelebrieren – Ferienhäuser zu haben – ist eine der grundlegenden Verbindungen von Natur und Architektur. Ich liebe diesen Gedanken eines Zurückgehens zur Natur, zum Ausgangspunkt. Das ist einzigartig in Skandinavien.

Was bedeutet Klimawandel und Nachhaltigkeit für die Architektur?
Alles wird mehr und mehr nachhaltig. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis alle Häuser Passivhäuser sein werden. In England gibt es immer mehr hochwassersichere Konstruktionen, da man ja die Städte und Siedlungen nicht wegbewegen kann.

Was sagen Sie zum Kommentar der Kuratoren des Nordischen Pavillons in Venedig zu „The unbreakable glass ceiling“?
Vielleicht ja, aber warum ist das so? Da ich in Schweden und in Großbritannien arbeite, sehe ich einige Auffälligkeiten: Schweden ist ein sozialdemokratisches Land, hat eine gute Design- und eine gute Architekturqualität. Es gibt nichts wirklich Schlechtes und nichts – oder nur sehr wenig – wirklich Exzellentes. Im UK ist der Durchschnitt viel niedriger, aber die Spitzenleistungen mit den zahlreichen UK „Stararchitekten“ häufiger. Ist das ein Einfluss der Politik? Im Zuge der Globalisierung denke ich, werden die skandinavischen Architekten diese gläserne Decke durchbrechen. Es gibt eine Menge von Talenten, die gefördert werden sollen. Wir müssen der neuen Generation erlauben, die Grenzen und Mauern zu durchbrechen!

 

LukeHayes

©LukeHayes

 

Schlussendlich erreichten wir noch Todd Saunders, einen norwegischen Architekten, der sowohl in Skandinavien wie auch auf Fogo Island, Kanada, sehr interessante Bauten errichtet hat. Auf die Frage nach den Charakteristika der nordischen Architektur antwortete er:

Ein Merkmal ist die starke Einschränkung und Zurückhaltung in der Architektur. Sie konzentriert sich auf die Bedeutung des Gebäudes, sie will nicht „mehr“. Sie bezieht sich auf die Menschen, die sie benutzen und sie hat keine „Extras“, keinen dazugefügten Luxus. Es ist eine reine Architektur, sie ist fast scheu. Aber gleichzeitig bietet sie einen schönen Komfort in der rauen Landschaft und Natur. Warme Materialien und das Licht sind wichtig. Im Winter gibt es wenig Licht im Norden und deshalb müssen die Häuser so viel Licht wie möglich in sich hineinholen.

Wohin wird sie sich entwickeln, angesichts der globalen Trends?
Es scheint, als ob sie sich davon nicht beeinflussen lässt, speziell in Norwegen. Die dänischen Architekten sind schon mehr geprägt davon. Hier geht man mehr zu einer „Corporate Architecture“, während in Norwegen und Finnland die Architektur sehr ortspezifisch ist. Es gibt vielleicht zehn wirklich gute Architekten hier und bei keinem sieht ein Objekt wie bei dem anderen aus. Sie verwenden zwar alle die gleichen Materialien, aber die Arbeiten sind immer singulär.

Würden Sie Ihre eigenen Arbeiten als für die skandinavische Architektur typisch bezeichnen?
Ja, sie gehen sehr respektvoll mit den wunderschönen Landschaften um. Diese sind immer zwingend für die Architektur, denn man kann sie sehr leicht zerstören. Wenn man im Dschungel etwas wegschneidet, ist ein paar Monate später alles wieder zugewachsen. Hier braucht die Natur sehr lange, um sich selbst zu reparieren, ein Baum wächst erst in 50 und mehr Jahren nach.
Materialmäßig arbeiten wir mit lokalen Ressourcen, das habe ich immer im Hinterkopf.

Was halten Sie von der „Nachhaltigkeitsdiskussion“?
Ich habe einen Master in „Ecological Design“ gemacht, mir ist die Zufriedenheit des Kunden wichtig und die haben sehr selten nach mehr, als ich anbiete, gefragt. Zum Beispiel sind die Bauten auf Fogo Island alle 100% „off the grid“, sie haben Solarpaneele am Dach, sammeln Wasser und haben Holzöfen.

Wie sehen Sie den Kommentar der Kuratoren des Nordischen Pavillons in Venedig mit „The unbreakable glass ceiling“ für skandinavische Architekten?
Eine sehr interessante Aussage. Wir (als Büro) arbeiten jetzt in zehn verschiedenen Ländern, wir machen in Norwegen eher kleinere Projekte und die komplexeren, größeren im Ausland (mit Ausnahme von einem Museum in Schweden). Es gibt diese gläsern Decke, die es uns nicht erlaubt, hier die Flügel weit auszubreiten.

Text: ©Peter Reischer

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Kategorie: Sonderthema