Dynamic Seismic Hotel – Keine Angst vor Erdbeben

7. März 2017 Mehr

Die letzten Nachrichten aus dem erdbebengeprüften Italien ließen niemanden unberührt. Tote und immense Schäden, architektonische Maßnahmen greifen bis jetzt zu kurz, immer wieder kollabieren Gebäude und ganze Orte werden verwüstet.
Dem will nun ein innovatives Konzept von Margot Krasojević Architects zumindest für den Hotelbau entgegenwirken. Unter der Bezeichnung „Dynamic Seismic Hotel“ entwickelte die in London und Beijing ansässige Architektin ein Konzept für einen chinesischen Investor, den Hotelbau in Erdbebenzonen betreffend. Ihre Vorschläge sind vor allem für die Gegend westlich von Neapel, die ja immer wieder von Erdstößen (in zunehmender Heftigkeit) erschüttert wird, gedacht. „Disaster control design“ nennt sich das Konstruktionsprinzip und es soll die Effekte von Beben, Erschütterungen und Verschiebungen in die funktionalen Kriterien von Hotelarchitektur einbeziehen. Fatale und oft tödliche Folgen könnten damit vermieden werden.

Dynamic Seismic Hotel

Die Struktur des Hotels besteht aus drei separaten Elementen, welche sich, wenn Erdbeben vom hoteleigenen Warnsystem registriert werden, unabhängig voneinander verschieben und bewegen können. Die Bauteile sind aus leichtgewichtigen Aluminium-Rahmenkonstruktionen hergestellt, haben aus gehärtetem Sicherheitsglas erzeugte Scheiben (bruchsicher) und Wandpaneele aus recyceltem Plastik (dehnbar und trotzdem leicht). So wird sichergestellt, dass die einzelnen Teile sich entlang ihrer parallelogrammförmigen Struktur, auf der sie ruhen, leicht verschieben können. Die Paneele können sich auch innerhalb ihrer Rahmen verfalten und verformen, je nachdem wie diese sich beim Beben drehen oder rotieren. Die inneren Plattformen (Böden) sind direkt mit seismischen Dämpfern verbunden und verhindern so größere Verschiebungen, um die Fluchtwege im Notfall zu erhalten.

Das gesamte Schema sitzt auf einer Serie parallelogrammförmiger Rahmen, die als Stoßwellendämpfer funktionieren. Dieses Gitter mit stoßabsorbierenden Gummiauflagen ist Teil eines offen liegenden Fundamentes. Indem sich der Gitterraster deformiert und verschiebt, um die Bodenbewegungen auszugleichen, wird gleichzeitig die kinetische Energie des Bebens reduziert. Durch leichtgewichtige Konstruktionsmaterialien sollen die zerstörerischen Momente der einwirkenden Kräfte begrenzt und verringert werden. Die Isolatoren oder Stoßdämpfer sind Stapel von Blei und Gummiplatten, die eine große, abfedernde Wirkung ermöglichen. Flexible Verbindungen in den Wandteilen absorbieren teilweise die von außen einwirkende Energie des Bebens und dämpfen sie, indem sie die Größe der Verschiebung und Beschädigungen an den Aluminiumrahmen und den verkleideten Oberflächen reduzieren.

Die Schienenstrukturen, die rund um das Design in der Landschaft verlegt werden, dienen einerseits als Gestaltungselemente, andererseits sind in ihnen auch seismische Fühler enthalten, welche im Fall einer Grenzwertüberschreitung den „Selbstzerstörungsmechanismus“ der Architektur auslösen. Auch der Flug der Vögel und deren Verhalten in der hoteleigenen Voliere könnten zur Warnung vor Erdbeben herangezogen werden. Natürlich auch frühe Erdbeben- inklusive Tsunamiwarnungen. Das alles wird mit seismologischen Aufzeichnungen und GPS-Empfängern, die in den seismischen Dämpfern der Fundierungen integriert sind, zusammengeführt. Das ergibt ein Gitterwerk aus Informationen, unnatürliche Veränderungen in der umgebenden Landschaft und natürlich auch direkte Bewegungen im Hotel werden aufgezeichnet und Alarm wird ausgelöst.

 

Bei der ersten Aufzeichnung von Erschütterungen in der Erde (alles, was auf der Richterskala über 5 liegt, wird als gefährliche Situation eingestuft) antwortet das Gebäude, indem sich die Dämpfer in der Erdoberfläche/Landschaft verankern und verriegeln. Somit wirken sie dann als Schockabsorber. Die Architektur im Gegensatz dazu, löst ihre Verbindungen und entriegelt sich, „bricht auseinander“. So wird dem Einfluss der Erdbebenkräfte durch eine projektive Maßnahme entgegnet.

Das Aussehen, das Design dieser Hotelarchitektur wird somit nicht von reiner Ästhetik, sondern vom Erdbeben choreografiert. Die Architektur antwortet auf Bewegungen und minimiert den Impakt kinetischer Energie. Die Software, mit der Architektin Krasojević den Entwurf entwickelt und visualisiert hat, beinhaltet auch Parameter, die auf das Erkennen von Massenverschiebungen in der Landschaft aufbauen. Was hier als eher utopisches, als einem Wunschdenken entsprungenes Konstrukt aussieht, sollte auf jeden Fall genauer bedacht werden. Es könnte eine Lösung für das Bauen in erdbebengefährdeten Gebieten unserer Erde darstellen. Vielleicht muss das Fragile, das sich jederzeit Auflösende, ja eine Reaktion der Architektur auf die immer häufiger eintretenden Umweltkatastrophen sein?

Text: Peter Reischer

Grafiken: Margot Krasojević 

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Kategorie: News, Sonderthema

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