Arno Ritter – Der Weg nach Venedig

23. März 2012 Mehr

Eva Schlegel, Claudia Schmied, Arno Ritter 

Arno Ritter wurde von Unterrichtsministerin Schmied zum Kommissär der Architektur-Biennale Venedig 2012 ernannt. Peter Reischer traf Arno Ritter im Café Ritter in Wien und führte ein Gespräch über seinen Weg nach Venedig mit ihm. 

Arno Ritter ist 1965 in Wien geboren und studierte Publizistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Wien. Von 1992 bis 1995 war er Sekretär der Österreichischen Gesellschaft für Architektur, seit 1995 ist er Leiter von „aut. architektur und Tirol“ und seit 1999 Mitglied des Landeskulturbeirates für Tirol. Von 2000 bis 2005 war er Vorstandsmitglied der Architekturstiftung Österreich, von 2005 bis 2009 Mitglied des Beirats „Kunst und Bau“ des Landes Vorarlberg. An der Universität Innsbruck hat er seit 2003 einen Lehrauftrag für Architekturkritik, an der Universität für Angewandte Kunst unterrichtete er am Institut „Transmediale Kunst“. Als Autor und Herausgeber publiziert er vorwiegend zu Architektur, Fotografie und Kunst. Peter Reischer traf Arno Ritter im Café Ritter in Wien und führte folgendes Gespräch mit ihm.

architektur: Herr Ritter, wir treffen uns hier im Café Ritter. Mit welcher Absicht haben Sie diesen Ort vorgeschlagen?

Arno Ritter (lacht): Weil ich in der Nähe den ganzen Tag zu tun hatte und ich dieses Café und seine Atmosphäre sehr mag, es gibt also keine tiefere Bedeutung.

Haben Sie eigentlich ein Lebensmotto bzw. welches ist Ihre Lebensphilosophie?

Das ist eine schwierige Frage, aber es gibt zwei Ebenen, das eine ist die philosophische Ebene und das andere ist die praktische Ebene, nämlich das gelebte Leben. Beide Ebenen sind nicht immer in eins zu bringen, aber diese Gespanntheit macht einfach das Leben aus.

Welches ist Ihr Motto auf der philosophischen, theoretischen Ebene?

Die Spannungen des Lebens auszuhalten und diese noch dazu produktiv werden zu lassen. Denn im Prinzip bin ich ein „Anti-Ideologe“ und habe Schwierigkeiten mit Eindeutigkeiten bzw. mit „Entweder-Oder-Haltungen“. Mein Lebensmotto kommt eher aus dem jüdischen Witz und der darin vermittelten intellektuellen Gespanntheit. Er beinhaltet das Aushalten von Ambivalenzen bzw. der Spannungen zwischen Drama und Tragödie und thematisiert letztlich die Komödie des Lebens, die witzig und aufklärend vermittelt wird.

Im griechischen Begriff der Tragödie – Ziegenbockgesang – ist ja auch die Konnotation der Pädagogik, eines Lehrstückes beinhaltet.

Ich bin ein Anhänger der Skepsis und von Denkern wie Michel de Montaigne – er war im 16. Jahrhundert Politiker, Philosoph und Begründer der Essayistik –, der ja mit seinen Essays das Zusammendenken von Theorie und gelebter Praxis „erfunden“ hat. Denn der Essay ist eine eigenständige literarische Gattung, die zwischen Literatur und Wissenschaft oszilliert und gegen die „Wahrheiten“ gerichtet ist, da der philosophische Gedanke durch die eigene Erfahrung, durch das praktische Leben reflektiert wird. Mich interessiert diese logische Unlogik bzw. die unlogische Logik.

Projizieren Sie diese Philosophie auch auf Ihre Ziele, Ihre praktische Arbeit?

Ich habe zumindest in meiner Arbeit im „aut. architektur und tirol“ versucht, keine einseitige Ideologie in das Programm zu bringen, und zwar im Sinn einer dominanten Richtung oder Tendenz.

Wie wirkt sich Ihrer Haltung auf die praktische Seite Ihrer Arbeit aus?

Seit 1995 habe ich versucht – entlang dieser unbewussten Leitlinie – das „aut“ zu einem Ort zu machen, an dem unterschiedliche Haltungen und Qualitäten sichtbar werden.

Was ist Ihre Definition von Qualität?

Das kann ich nicht abstrakt definieren, das kann ich nur anhand von Beispielen entscheiden.

Sind Sie ein Mensch, der lieber voraus- oder zurückblickt?

Wenn man nicht einen Grund hat, zurückzuschauen, bin ich eigentlich aufgrund meiner Arbeit immer in einer Vorwärtsbewegung. Die Vergangenheit ruht, ist aber jenes Kondensat von Erfahrungen – vergleichbar der Essigmutter oder dem Sauerteig –, aus dem man schöpft und das einen auch kreativ antreibt.

Wohin blicken Sie zurzeit?

Derzeit natürlich sehr konzentriert auf die Biennale in Venedig. Gleichzeitig muss ich aber die Zukunft des „aut“ bis Ende 2013 gestalten und das Programm definieren.

In Ihrem CV steht, dass Sie Publizistik, Geschichte und Philosophie studiert haben? Warum haben Sie diese Studien gewählt?

Mit 14, 15 wollte ich Künstler werden, mit 17 Fotograf und mit 18, als ich inskribierte, habe ich gewisse Studienrichtungen wie Medizin, Wirtschaft oder Jus einfach ausgeschlossen, da ich mich darin nicht erkennen konnte. Daher habe ich Fächer gewählt, die mir in ihrer Offenheit eine gewisse Form der Freiheit für die Zeit „danach“ sicherzustellen schienen. Leider habe ich keines der Studien abgeschlossen.

Wie ist in Ihnen die Leidenschaft zur Architektur entstanden?

Schon als Jugendlicher war ich von kreativen Berufen angezogen, ich fand diese Art des Lebens – sicher ein wenig klischeehaft – einfach spannend. Auf der Uni war ich dann eine Zeit lang am Institut für Zeitgeschichte bei Professor Jagschitz, wo wir eine Zeitschrift über Fotografie und Geschichte gegründet haben und ich einen praktischen Einblick ins Machen von Publikationen bekam. Nebenbei habe ich als Schreiberling oder Fotograf für die Wienerin, den Kurier und den ORF gearbeitet, wobei mir dabei klar wurde, dass ich nicht Journalist werden will. Dann bin ich in einen Kreis von Künstlern und Architekten geraten und habe mit einem Freund aus dieser Gruppe, der damals Architektur auf der Akademie studierte, bei einem Forschungsprojekt über die Architektur der 1950er-Jahre in Wien mitgearbeitet. In diesem Kontext habe ich Irene Nierhaus und Margit Ulama kennengelernt, die beide im Vorstand der ÖgfA waren und mich einmal fragten, ob ich jemanden kenne, der den Job des Sekretärs der ÖgfA übernehmen will. Mich haben diese Stelle und das Thema interessiert, und da ich letztlich der einzige Bewerber war, habe ich dann mit 27 in der ÖgfA zu arbeiten begonnen. Daneben habe ich ein paar Semester an der Hochschule für Angewandte Kunst als illegaler Hörer verbracht und bei Friedrich Achleitner, Rudolf Burger, Peter Gorsen, Burghart Schmidt Vorlesungen und Seminare besucht. Für mich war diese Zeit an der Angewandten und die dort vermittelten Inhalte sehr wichtig für mein späteres Leben.

Ich habe eigentlich immer wieder zufällig die richtigen Leute getroffen, die mir Vertrauen geschenkt und mir einen Job angeboten haben. Zu dieser Zeit habe ich begonnen, Texte über Kunst und Architektur zu schreiben, habe mein erstes Buch über Cornelius Kolik im Auftrag von Edelbert Köb gemacht, der damals Direktor vom Kunsthaus Bregenz war und bei einer Ausstellung von Otto Kapfinger in der ÖgfA über Riegler + Riewe mitgearbeitet, die danach auf Wanderschaft geschickt wurde. In diesem Zusammenhang habe ich 1994 den Kontakt zum damaligen „Architekturforum Tirol“ aufgebaut, um die Ausstellung dorthin zu bringen. Das Architekturforum Tirol war gerade neu gegründet worden, und ich bin hingefahren, um mir die Räume anzuschauen. Ein paar Monate später bin ich dann angerufen worden, ob ich mich nicht um die Leitung bewerben will. Meine Bewerbung kam dann in die engere Auswahl, und letztendlich habe ich im Jänner 1995 meinen Job in Innsbruck angetreten. Mein Leben ist bis jetzt immer so gelaufen, dass es sich irgendwie „entschieden hat“. Ich habe mich auch nicht für die Biennale beworben.

Wie ist Ihre Bestellung eigentlich erfolgt? Gelesen habe ich, dass Frau Bundesminister Schmied Sie besucht und gefragt hat, ob Sie es machen? Ist das wirklich so gelaufen?

Ich hatte mich 2010 – das war die erste programmatische Entscheidung in meinem Leben – um die Nachfolge von Peter Noever im MAK beworben. Ich bin es, wie man weiß, nicht geworden, aber scheinbar ist Ministerin Schmied meine Bewerbung aufgefallen und so hat sie mich eines Tages an einem Sonntag um 9 Uhr bei einem Frühstück in Innsbruck gefragt, ob ich die nächste Biennale machen will.

Wenn man vom Büro der Ministerin Schmied auf einmal angerufen wird und zu einem Frühstück eingeladen wird …

… dann bedeutet das auf jeden Fall Arbeit.

Welche Vorgaben haben Sie bekommen?

Bis auf das Budget, das vom Ministerium zur Verfügung gestellt wird, gab es keine Vorgaben bezüglich der Inhalte oder des Konzepts. Nach drei Wochen Bedenkzeit habe ich einfach JA gesagt.

Nach Hans Hollein, Dietmar Steiner, Martha Schreieck, Wolf Prix, Bettina Götz, Eric Moss, wurden Sie 2012 als Kommissär bestellt. Es fällt auf, dass in dieser Reihe der Architekten nun ein Nichtarchitekt an der Reihe ist. Ist das Absicht, Zufall, Politik oder was ist das?

Da müssen Sie die Frau Ministerin fragen. Ich vermute aber, dass man nach einer Reihe von Architekten jemanden aus der Praxis des Ausstellungsmachens gesucht hat. Und da gibt es eigentlich in Österreich wenige Personen, die aus diesem Feld kommen.

Wenn man sowohl die Kommissäre als auch die Ausstellenden der letzten 10 Jahre betrachtet, fällt auf, dass immer wieder dieselben Leute zum Zug kommen: Sei es als Kommissäre oder als Teilnehmer. Da entsteht doch der Eindruck von „Freunderlwirtschaft“? Sind Sie mit dieser österreichischen Praxis der Vergabe einverstanden? Martin Hochleitner, der Leiter der oberösterreichischen Landesgalerie, warf mit der Ausstellung „Proposals for Venice“ in Linz einen kritischen Blick auf die Biennale von Venedig und das intransparente Bestellungssystem der österreichischen Kommissäre.

Sicher ist Österreich noch immer ein wenig „monarchisch“ strukturiert, d. h., die in anderen Ländern wie Deutschland, Schweiz, Belgien seit Längerem geübte Praxis über Bewerbungen, Wettbewerben und Jurien zu Konzepten zu kommen, ist bei uns in diesem Bereich noch nicht üblich. Aber auch bei sogenannten demokratischen Verfahren kann man nicht ausschließen, dass ein Projekt danebengeht.
Es können immer Entscheidungen aufgrund falscher Grundlagen getroffen werden. Der Vorteil der österreichischen Praxis besteht aber darin, dass man Zeit hat, ein Konzept zu entwickeln, ohne dass man schon anfangs genau weiß, wohin die Reise geht.

Wie gehen Sie jetzt an diese verantwortungsvolle Aufgabe heran?

Am Anfang war ich natürlich sehr geehrt und verspürte auch eine gewisse Genugtuung, einer der ersten „Provinzkommissäre“ zu sein. Denn das Vertrauen bedeutet auch eine Anerkennung meiner Arbeit, die ich in Tirol im Windschatten der Metropole Wien geleistet habe. Zuerst begann ich die über 100-jährige Geschichte der Biennale zu reflektieren, dann die österreichischen Beiträge und parallel natürlich meine eigene Geschichte, sowohl meine Ausstellungen im „aut“ wie auch meine Besuche auf der Biennale. Es entstand eine Art Filter: Was habe ich interessant oder nicht spannend gefunden, im Österreich- und in den anderen Pavillons. Es kristallisierten sich Kriterien heraus, vor allem aber kam ich nach einiger Zeit zum Schluss, was ich nicht machen wollte, nämlich keine Gruppenausstellung, keine Retrospektive und keine Personale.

Was werden Sie zeigen?

Es wird ein Projekt mit einigen Personen aus unterschiedlichen Kreativbereichen – aus Kunst, Architektur und Musik – werden, die zusammen an der Umsetzung einer Idee arbeiten. Unter der Regie eines Architekten soll eine Ausstellung entstehen, die Fragen zur Zukunft der Stadt wie der Architektur behandelt. Das Projekt ist ein Wagnis, das entweder scheitern oder aufgehen wird, denn der Beitrag wird eine Science-Fiction Geschichte werden, also eine gewagte Projektion in die Zukunft.

Es gibt eine Menge Pressetexte über Sie, ich zitiere: „Im Mittelpunkt seiner Betrachtung steht der Mensch und seine Wahrnehmung von Architektur und Raum …“, „Qualitätsvolle Architektur setzt er in Verbindung mit Raumerlebnis, Lebensgefühl und Alltagspraxis …“, „Widerschein eines kulturellen Verhältnisses …“, „… das Wesentliche von Österreich spüren“. Fühlen Sie sich dadurch nicht manchmal in ein falsches Licht gesetzt?

Diese Sätze sind natürlich aus dem Zusammenhang gerissen und können sicher auch leicht missverstanden werden, aber sie geben auch einen Widerschein meiner Haltung wider, denn ich versuche, stets Architektur als kulturelles und soziales Phänomen zu sehen und dementsprechend auch Ausstellungen zu machen. Die Biennale in Venedig findet alle zwei Jahre statt, und man spielt dort sicherlich in der Champions League der Ausstellungsmacher. Aber man sollte diese Aufgabe auch nicht zu stark überinterpretieren, denn man macht doch nur eine Ausstellung und ändert damit weder die Welt noch ändert sich danach das eigene Leben wesentlich. Ich kenne keinen Architekten oder Kommissär, der danach Karriere oder das große Geld gemacht hat, ganz im Gegenteil.

Sie sehen das relativ gelassen?

Ja, ich sehe das relativ gelassen. Man soll die Aufgabe nicht über-, aber auch nicht unterbewerten. Man muss schon höchste Ansprüche an das Konzept und die Umsetzung stellen, da man sich im internationalen Kontext bewegt, aber letztendlich sollte man sich auch keinen unnötigen Stress machen, denn das führt nur zu Verkrampfungen und das spüren die Rezipienten.

Auch hier wieder die Ambivalenz? Ist das eigentlich Ihr Lebensmotto?

Man muss Ambivalenzen einfach aushalten, finde ich. Denn die Ambivalenz ist die Triebfeder oder das Energiefeld meiner Kreativität. Deswegen liebe ich Michel de Montaigne und diese Tradition des Denkens und Schreibens. Das sind gespannte und ambivalente Texte und keine Ideologien. Jeder spannende Denker ist vielleicht im Prinzip ambivalent, denn wir können einfach nicht theoretisch oder abstrakt leben!

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Kategorie: Architekten im Gespräch

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