Der Sprung der Fünfzig – Arch. Gerhard Steixner

6. November 2019 Mehr

Der Sprung der Fünfzig – Interview mit Univ.Prof.Arch.Mag Gerhard Steixner

Interview mit Univ.Prof.Arch.Mag. Gerhard Steixner

 

Steixner Gerhard

Durch seine Ausbildung in der Meisterklasse von Roland Rainer an der Akademie der bildenden Künste wurde Architekt Gerhard Steixner nachhaltiges Gestalten von Architektur vermittelt. Seit 2009 ist er selbst Universitätsprofessor an der TU Wien und möchte das ebenso den Studierenden näher bringen. Foto:©Gerhard Steixner

 

Herr Architekt Steixner, würden Sie eher behaupten, dass die Zukunft die Architektur beeinflusst oder die Architektur die Zukunft?
Die Architektur der Zukunft ist jene die wir heute bauen.

Befindet sich die Architektur auf einem richtigen Weg?
Wir müssen mehr mit der Natur arbeiten und sie nicht aus den Städten treiben. Das ist schon lange bekannt, das haben wir nur wieder vergessen. Begrünte Dächer und Fassaden sind dafür zu wenig und sind nur Greenwashing mit oftmals beträchtlichem Ressourceneinsatz. Wir sind dabei noch nicht am richtigen Weg. Es geht auch nicht darum, Gebäude mit Schaum einzupacken und dann zu begrünen, sondern für den Wohnbau Gebäudestrukturen nach den Wünschen und Bedürfnissen der BewohnerInnen und den ökologischen Erfordernissen für die grüne Stadt anzulegen. Die Typologie des Terrassenhauses wurde schon in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts „erfunden“ und in den 1960er- und 70er Jahren dann auch europaweit weiter entwickelt und in wunderbaren Beispielen realisiert. Die Leute können dabei auf ihren Terrassen selbst anpflanzen, was sie haben möchten. Die Gebäude mit ihren hängenden Gärten verändern sich dann auch mit der Jahreszeit und durch die Aktivitäten der Bewohner. Das ist nicht nur ein ästhetischer Mehrwert, sondern vor allem auch ein ökologischer für die Stadt und heute im Kontext des Klimawandels wichtiger denn je.

Wann und warum wurde der Weg verlassen, dass man die Natur in die Wohnbaukultur holt?
Harry Glück war nicht der einzige und erste, der diesen Ansatz hatte. Auch zuvor und parallel gab es diesen in ganz Europa, etwa in Frankreich, England, Italien, Deutschland und im ehemaligen Jugoslawien. „Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl“ war ein politisches Bekenntnis. Man wollte allen zugestehen, was sich zuvor nur die Reichen leisten konnten. Gegen Ende der 1970er Jahre ist man dann von diesem Weg abgekommen. Bis dahin waren die Kurven der Produktivitätssteigerung und die der Löhne deckungsgleich. Ab diesen Zeitpunkt haben sie sich voneinander gelöst. Die Produktivität ist enorm angestiegen, im Unterschied zum Lohn, der schon lange stagniert. Es ist eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit. Wir bauen heute schlechter als wir es könnten, weil wir wieder zurück in feudale Strukturen kommen.

Wird sich das in Zukunft ändern?
Es wird sich noch weiter zuspitzen, bis wir die Talsohle erreicht haben. Dann kommt es zu einem Wandel. Wie dieser erfolgen wird, wissen wir nicht, aber wir können uns schon jetzt auf das Neue vorbereiten.

Würden Sie sagen, dass das Grün in der Architektur als Marketinginstrument verwendet wird?
Das ist vollkommen okay, wenn es richtig eingesetzt wird. Nur Kritik daran zu üben, ist zu wenig. Man muss vorgeben, wohin es gehen soll, damit PolitikerInnen ein Verständnis dafür entwickeln können. Dann können sie dieses auch vertreten und die Rahmenbedingungen für eine Weiterentwicklung festlegen.

Werden die Architekten mehr zu Politikern?
Als Architekt muss man ein politischer Mensch sein. Wir sind die Anwälte der NutzerInnen. Es ist seltsam, wenn man das sagen muss, denn es scheint selbstverständlich. Es muss vielmehr ins Bewusstsein rücken, dass wir für Menschen bauen und nicht für kurzfristige Kapital- und Wirtschaftsinteressen.

 

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Ausstellung von Studierendenarbeiten der TU Wien zum Thema „Luxus für alle – Prototypen für die grüne Stadt“ – Foto:©Archiv HB2

 

Was sind weitere Kompetenzen,die ein Architekt braucht?
Der Architektenberuf ist ein Beruf des Generalisten, sozusagen ein Spezialist für alles. Er ist einzigartig. Wir müssen die Gesamtheit der Phänomene in einem Entwurf zur Deckung bringen. Wenn das gelingt, dann ist es gute Architektur. Ein breites Wissen ist also notwendig, ebenso wie Empathie für die NutzerInnen. Wenn wir auf die Bauten der 1960er und 70er Jahre zurückschauen, können wir sehr gut sehen, was angenommen und geliebt wird.

Was ist für Sie Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit ist nur ein Wort. Zu meiner Studienzeit bei Roland Rainer haben wir es nicht benutzt, aber das Denken und Handeln war natürlich ein umweltbewusstes und nutzer­orientiertes. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man mit Ressourcen sparsam umgeht.

Stellen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit für Sie einen Widerspruch dar?
Mit der Ökologie und dem Sozialen gehört auch die Ökonomie zu den Säulen der Nachhaltigkeit. Das ist kein Widerspruch. Harry Glück hat in seiner Dissertation nachgewiesen, dass seine Terrassenhäuser trotz der Schwimmbäder am Dach zu niedrigeren Kosten realisiert wurden als andere geförderte Wohnbauten aus derselben Zeit.

Brauchen wir in Zukunft mehr Vorgaben bzw. Richtlinien, um der Nachhaltigkeit mehr Gewichtung zu geben?
Grundsätzlich haben wir schon zu viele davon. Es braucht aber ein Reformprogramm für die Wohnbauförderung, in dem es klare Richtlinien gibt, welche Maßnahmen gefördert werden, und diese müssen vorrangig die Bedürfnisse und Wünsche der Bewohner reflektieren, da sie es ja sind, die die Mittel dafür in Form von Steuern bereitstellen.

Wie beurteilen Sie die Miteinbeziehung der künftigen Bewohner in die Planung von Wohnbauten?
Das gab es schon in den 1970er Jahren. Damals wie heute ist das aber ein sehr unbedanktes Bemühen, denn bei einem Wohnungsgrundriss von 70 m2 gibt es nicht viel Spielraum und die Klientel dafür ist überschaubar. Es geht heute eher um die Bereitstellung von privaten und gemeinschaftlichen Freiräumen und um Gemeinschaftseinrichtungen, um Aneignungsoptionen. Das Verhältnis von Stadt und Natur muss neu gedacht werden, sonst bleiben die Bewohner Statisten in Architekturkulissen.

Was sind Gestaltungskriterien, auf die Sie viel Wert legen?
Jede Wohnung sollte einen direkt erreichbaren Freiraum in Form einer Terrasse haben und die Möglichkeit, dort etwas anzupflanzen. Wenn wir uns die Qualitätssprünge der 1920er und der 1970er anschauen, dann sehen wir, dass es bald wieder soweit sein könnte für einen Schub in Richtung grüne Stadt, für die Emanzipation der großen Zahl.

Also denken Sie, kommt es wieder zu einem Umschwung?
Ja klar, auf alle Fälle.

 

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Der Architekt Harry Glück möchte mit einem seiner Terrassenhäuser – hier Terrassenhaus Arndtstraße 21 – das Grüne in die Stadt bringen. Foto:©Gerhard Steixner

 

Herr Steixner: „In welchen Bereichen wird sich der am stärksten auswirken?“
Am stärksten wird er sich im Bewusstsein auswirken, dass Wohnen ein Menschenrecht ist. Diesbezüglich gibt es seit einiger Zeit das Problem der Leistbarkeit. Die Wohnkosten sind viel stärker gestiegen als die Haushaltseinkommen. Mittelfristig wird es notwendig sein, die Wohnungsfrage von der Marktlogik zu entkoppeln, zusammen mit der Vergemeinschaftung von Grund und Boden. Ich bin zuversichtlich, dass wir wieder in Bahnen kommen, wo es aufwärts geht. 1968 war das Bild vom Mond aus auf den blauen Planeten ein sehr starkes. Das „Wir“ ist uns dabei bewusst geworden. Die Idee von Gesellschaft ist dann allerdings wieder erodiert bis hin zur Ich-AG. Ein neuerlicher Anlauf in Richtung Demokratisierung und Ökologisierung von Architektur und Städtebau ist notwendig. Der Sprung der fünfzig Jahre steht bevor. Vor allem die Jungen müssen das Gefühl dafür entwickeln, sich einbringen und sich nicht von fragwürdigen Effizienzforderungen einschüchtern lassen. Auch nicht während des Studiums.

Inwiefern beeinflussen Sie die Trends, die es aktuell gibt, bei der Lehre?
In Bezug auf die Digitalisierung zeige ich den Studierenden manchmal, wie wir früher gearbeitet haben. Wie wir etwa auf einen Tisch Papier gespannt und nass gemacht haben. Im getrockneten Zustand war es dann gespannt und eine super Arbeitsfläche. Mit der Reißschiene und dem Lineal wurde dann gearbeitet. Wir brauchten keine Software und auch keinen Strom. Jeder konnte das machen. Das war ein demokratisches Werkzeug. Es ist schon bemerkenswert, wie sehr wir in die totale Abhängigkeit der Softwareindustrie geraten sind, zumal die heutigen Bauten mit diesen Tools ja nicht besser, kostengünstiger oder schneller errichtet werden.

Welche Tipps geben Sie den Architekturstudenten mit auf den Weg für die Zukunft?
Machen Sie nur das, was sie wirklich vertreten können. Das Studium ist nicht nur Ausbildung, sondern auch Bildung, nehmen Sie sich Zeit dafür. Nützen Sie den Freiraum für Ausflüge in die Politik, Kunst und Kultur, Wissenschaft. Nehmen Sie aktiv und auf Augenhöhe am Stadtwerden teil.

Was ist für Sie ein Leitprojekt für die Zukunft?
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit der Architektur zwischen 1958 und 1978 in Europa und auch außerhalb. Da gibt es wunderbare Gebäude, die nicht nur eine gute Ausstrahlung haben, sondern auch sehr benutzerfreundlich sind. Heute wären viele dieser Bauten in Bezug auf Bauphysik, Barrierefreiheit und „Sicherheit“ gar nicht mehr erlaubt. Der Ressourceneinsatz bei diesen Gebäuden ist sehr kontrolliert und minimal. Wenn man das Ganze hochrechnet, stellt man fest, dass sie aber im besten Sinne nachhaltig sind. Für die Zukunft des Wohnbaus sehe ich die Typologie des Terrassenhauses als eine leitende. Mit unserer Ausstellung Luxus für Alle! im Jahr 2017 ist es uns gelungen, die Idee der grünen Stadt zu visualisieren und ein Bewusstsein für das Mögliche zu wecken.

Die Zukunft der Architektur/Architektur der Zukunft ist für Sie, Herr Steixner…
…klar positiv.

 

Text:©Alexandra Ullmann

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Kategorie: Architekten im Gespräch

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