LAAC Architekten – Konzepte für Architektur und Landschaft

4. Februar 2013 Mehr

LAAC Architekten 

LAAC Architekten sind ein Büro aus dem Westen Österreichs, aus Innsbruck, die mit Projekten wie der Aussichtsplattform ‚Top of Tyrol‘ auf dem Stubaier Gletscher oder der Neugestaltung des Landhausplatzes in Innsbruck Aufsehen erregt haben. Ihre Konzepte und Strategien für Räume und Landschaft sind bemerkenswert. Peter Reischer führte ein Gespräch mit Architektin Kathrin Aste über die Themenschwerpunkte ihres Büros, sowie ihren Zugang zur Architektur.

LAAC Architekten

Frau Architekt Aste – wenn Sie träumen, von welcher Architektur träumen Sie dann?

Wenn ich von Architektur träume, gibt es immer zwei Varianten: Die eine ist ein Albtraum, er handelt von Dingen, die – bei Projekten die wir machen – schiefgehen könnten. Da werden im Traum der Stress und die Belastung des Berufslebens verarbeitet.
Die guten, angenehmen Träume handeln von Räumen, die sich erweitern. Man betritt einen Raum, findet Türen und das Haus fängt an sich zu vergrößern, auszuweiten, es wird immer komplexer und spannender.

Sind das ,fließende‘ Räume?

Ja sie sind durchaus fließend, sie verschränken sich gegenseitig. Sie bauen zueinander Beziehungen auf, sie interagieren miteinander.

Was interessiert Sie an der Architektur?

Architektur ist für uns die Grundlage, die Plattform auf der das Leben stattfindet. Zum Beispiel beim Landhausplatz ist es eine städtische Bühne. Diese Bühne schafft Möglichkeiten. Wir versuchen mit unserer Architektur nichts einzuschränken, sondern Spielfelder zu erweitern.

Beziehen Sie die Architektur stark auf den Menschen, den Benutzer?

Ja, und auf den Kontext. Es ist ein kontextuelles Generieren von Architektur mit unterschiedlichen Schwerpunkten oder Fokussen.
In der Natur oder am Berg ist der Kontext natürlich stark auf die Landschaft bezogen, er setzt sich mit der Topografie und der Geomorphologie auseinander. Da ist der Nutzer weniger im Fokus.
In der Stadt ist es der soziologische Zusammenhang, der uns interessiert und damit auch in erster Linie der Benutzer und der Kontext, den der Ort fordert.

Sie stellen Architektur in einen Kontext mit dem Umraum und der Zeit?

Ja, im Fall der Landschaft ist das ganz eindeutig. Bei der Aussichtsplattform ‚Top of Tyrol‘ sind die Wettereinflüsse, die Jahreszyklen ein wichtiges Thema. Sommer unterscheidet sich vom Winter wie Tag und Nacht. Damit steht das Bauwerk im Wandel der Zeit und verändert seine Physiognomie.

Diese Jahreszyklen gelten doch auch für Architektur im urbanen Raum?

Schon, aber sicher nicht in dem Ausmaß. Man kann auch nicht in jedem architektonischen Projekt oder Konzept jedes Schwerpunkthema unseres Büros verwenden oder bedienen.

Was sind die Schwerpunkthemen Ihres Büros?

Mein Vater ist Konstrukteur, dadurch hatten wir von Anfang an einen intensiveren Zugang zu Ingenieursbauten, zu konstruktiven Bauten.
Ein Thema ist ,build in velocity‘, da geht es darum, eine geometrische Annäherung an vorgegebene Sprungprofile, an Ideallinien von eben entsprechenden Sportbauten zu erzielen.
Das zweite Thema ist ,active landscape‘. Die Landschaft ist selbst szenografisch genug, man muss sie nicht inszenieren aber man kann ihre Qualitäten unterstreichen und sichtbar machen. Es geht da um eine Sensibilisierung, um Phänomenologie, um diese zyklischen Auseinandersetzungen. Hier sehen wir Architektur als geomorphologische Annäherung.
Ein drittes Thema ist ,new environments‘. Das ist zum Beispiel der Landhausplatz, da gehen wir sehr stark auf den sozialinhaltlichen Kontext ein. 
Ein viertes, ein neues Thema ist ,sustainable design of alpine infrastructures‘. Hier handelt es sich um Kraftwerksbauten. Es geht um Energieressourcen und -gewinnung. Das ist ein Forschungsprojekt, das wir gemeinsam mit alpS, einem Institut der Universität Innsbruck entwickeln. Es geht von der Annahme aus, dass in naher Zukunft Regionen energieautark sein müssen. Wir müssen Energiegewinnung in die Landschaft integrieren, aber so, dass die Bevölkerung und der Tourismus noch eine intakte Landschaft vorfindet.

Was ist eine intakte Landschaft?

Beschäftigt man sich mit Landschaftswahrnehmung wird klar, dass die Landschaft vor allem ein ästhetisches Phänomen ist. Die Natur soll als solche noch erkennbar sein.
Die divergenten Strategiepläne der Tourismusexperten, der Umwelt- und Energiepolitik spielen dabei eine zentrale Rolle.

Wozu brauche ich da einen Tourismusexperten? Seit jeher besitzt der Mensch die Fähigkeit, das ,Schöne‘ einer Landschaft wahrzunehmen, warum gebe ich meine Kompetenz an einen (selbsternannten) Experten ab?

Die Politik hört leider nur auf solche Menschen. Wir als Architekten können nur einen Beitrag leisten, damit auch weiterhin das ,Erkennen‘ der Landschaft gewährleistet ist und die Landschaft nicht mit Kraftwerken jeder Art zugepflastert wird.

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Wenn ich jetzt von der Landschaft wieder zurück zum ,Gebauten‘ komme – kann man Architektur ‚machen‘, warum machen Sie Architektur?

Architektur ist eine Disziplin. Das bedeutet, sie ist eine Einzelwissenschaft. In diesem Zusammenhang hat sie einen Forschungs- und Entwicklungsauftrag. Architektur ist das, was unser bauliches Umfeld generiert. Man kann Raum gestalten und das ist Architektur – egal, ob städtische oder landschaftliche.
Architektur ist auch, Kommunikation zu ermöglichen und Sozialräume zu definieren.
Es gibt auch die Auffassung, dass der öffentliche Raum möglichst einfach, möglichst eine gerade Fläche sein soll. Damit er ,frei bespielbar‘ ist. Das ist für mich keine Architektur.

Das ist dann eigentlich die Förderung des Wildwuchses in der Architektur?

Genau! Wenn wir das zulassen, wenn wir die Architektur als Säule unserer Kultur vernachlässigen, entstehen eben Szenarien, wie es in vielen amerikanischen Städten längst der Fall ist.

Wie lebt man denn als Architekturbüro im Westen Österreichs, in Innsbruck?

Genau so schlecht wie im Osten!

Welches Thema ist in der Architektur in Tirol für Sie wichtig? Was fehlt in der heutigen, modernen Architektur in Tirol?

Die Aufgeschlossenheit zur Innovation und zum Experiment. Es gibt eine Stagnation im Suchen nach Neuem.

Sind die Architekten satt geworden?

Ja, in den letzten Jahren sind drei wichtige Architekten gestorben: Niemeyer, Domenig und Lebbeus Woods. Sie waren im Hinblick auf das Suchen, auf die Erneuerung, das gedankliche Experimentieren sehr wichtig für die Szene. Sie haben sehr weit in die Zukunft gedacht und das ist verloren gegangen. Für Neuerungen im Wohnbau zum Beispiel, findet man keine politischen Plattformen und auch keine Finanzierungsmöglichkeiten um das machen zu können. Man wird im Bestreben etwas verändern zu wollen, weiter zu kommen, permanent gebremst.

Was bedeutet die Überpräsenz der sogenannten Stararchitekten für die ‚Kleinen‘?
Wie sehen Sie die Tatsache, dass z. B. Chipperfield das Kaufhaus Tyrol in Innsbruck baut oder das Festspielhaus in Erl von Delugan Meissl gebaut wurde? Die ,Kleinen‘ kommen dadurch zu kurz?

Ich sehe das nicht ganz so. Die Überpräsenz ist massiv im asiatischen Raum vorhanden, in Tirol bauen sehr viele andere auch. Ich finde es gerechtfertigt, dass bei wichtigen Projekten die Stars eingeladen werden. Dass die dann manchmal nicht das beste Projekt liefern, weil sie sich nicht richtig engagiert haben, passiert relativ häufig. Stars sind keine Qualitätssicherung, aber tatsächlich sind sie so bekannt, weil sie bereits international ihren Beitrag geleistet haben.
Wichtig ist, dass in den Jurys Leute sitzen, die zur Diskussion bereit sind und dass sie heterogen besetzt sind.

Wie gehen Sie mit der Öffentlichkeit, mit den Medien um? Ist es Ihnen wichtig, in den Medien zu erscheinen?

Mir persönlich ist es nicht wichtig. Wir als Büro, als Unternehmen brauchen natürlich Aufträge und die Öffentlichkeit. Das ist unsere Art Werbung zu machen.

Halten Sie Zurückhaltung oder Zielstrebigkeit für den richtigeren Weg zur Öffentlichkeit?

Es benötigt eine Strategie, die sehr gut überlegt ist – das ist Zielstrebigkeit. Es geht immer darum die Architektur zu kommunizieren, die Herangehensweise.

Das heißt, es geht darum Inhalte, nicht Bilder zu vermitteln?

So ist es!!

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Sehen Sie den Stellenwert der Architektur in der Gesellschaft über oder unterbewertet?

Absolut unterbewertet, ja 100 % unterbewertet! Die Entscheidungsträger unserer Gesellschaft sind Juristen und Wirtschaftsleute, das ist die Katastrophe. Es ist kein Spielraum für Architektur mehr vorhanden. Die Architektur als Disziplin gerät immer mehr in Bedrängnis.

Kommt bei Ihnen der Entwurf eher aus rationellen, ingenieurbaumäßigen oder wissenschaftlichen Kriterien zu Stande? Oder spielt die Intuition, der Bauch auch eine Rolle?

Das ist eine inhaltliche Auseinandersetzung. Jeder Architekt hat ein gewisses Repertoire an Formen. Architektur ist präzises Formulieren von Raum. Unsere Formensprache setzt sich aus gewissen Parametern zusammen. Wir glauben, dass diese Formensprache die Fähigkeit zur Thematisierung hat.

Neigen Sie zum Perfektionismus?

Ich eigentlich nicht, mein Partner eher schon.

Ich habe mir den Landhausplatz in Innsbruck sehr genau angesehen.
Er ist perfekt, jedes Detail ist durchkomponiert, nirgends ein Fehler zu entdecken. Es wirkt fast unmenschlich (obwohl er sehr gut von der Bevölkerung angenommen wird) in seiner Perfektion. Ist das Kalkül oder ist das passiert? Wieso erscheint alles so glatt?

Der Landhausplatz ist funktional sehr präzise formuliert. Er ist überhaupt nicht durchdesignt. Nur die Oberfläche, die Bühne, die Plattform sind präzise entwickelt. Es ist ein Platz für Jugendliche geworden.

Mit dem ‚Top of Tyrol‘ Projekt haben Sie eine sehr zweischneidige Sache geschaffen: Zerstörung der Umwelt oder Aufklärung zum Umweltschutz und zur Nachhaltigkeit?

Im Winter sieht man eine hochgefahrene Tourismusmaschinerie und im Sommer werden die letzten Eisfelder des Gletschers mit Planen geschützt. Man kann da sehr gut das Thema des Klimawandels verfolgen. Die Bergstation der Seilbahn und das Restaurant sind wesentlich gravierendere Eingriffe in die Natur als die Aussichtsplattform, die ja fast einen pädagogischen Aspekt beinhaltet.

Sehen Sie in diesem Fall die Architektur als künstliche Landschaft, als eine Erweiterung der Landschaft?

Ja!

Stellen Sie da einen direkten (oder indirekten) Zusammenhang mit Sustainability her?

Wenn Baulichkeiten in der Landschaft notwendig sind, dann haben sie mehr Nachhaltigkeit, wenn man sie mit einer Formensprache konzipiert, die die Herausforderung der Topografie wahrnimmt. Wenn sie mich nach der Nachhaltigkeit von Bauwerken in der Natur fragen, so finde ich Brückenbauten, Lawinenverbauungen und Verkehrswege wesentlich nachhaltiger und angenehmer als das Meiste, das so in der Landschaft aufgestellt wird.

In welcher Position oder Rolle sehen Sie sich als Architektin im Bezug zur Gesellschaft?

Der Architekt entwickelt unser Lebensumfeld. Unsere Position in der Gesellschaft ist sehr stark kulturell verankert. Die Architektur als Disziplin und auch als Kulturträger. Unsere Aufgabe ist das Aufgreifen des Zeitgeistes, um ihm die notwendige Plattform zu geben.

Wie würden Sie die Aufgabe der Architektur in der Gesellschaft definieren?

Im Moment hätte sie die Aufgabe, ein Spiegel unserer Gesellschaft, unserer Kultur zu sein und Räume für das Leben zu definieren. Räume in denen Kultur, Kunst, Kommunikation, Sozialisation stattfinden kann. Architektur soll auch neue Aufgaben definieren und vorschlagen. Sie soll Probleme unseres Gesellschaftssystems aufzeigen und lösen. Die Stagnation der Architektur in der momentanen Zeit ist ein Riesenproblem – da wäre eine fast revolutionäre Vorgehensweise notwendig.

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Kategorie: Architekten im Gespräch

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