Parthenon der Bücher – Kasseler Friedrichsplatz

5. Oktober 2017 Mehr

Am 19. Mai 1933 wurden im Zuge der sogenannten „Aktion wider den undeutschen Geist“ rund 2.000 Bücher von den Nazis verbrannt. 1941 fing das Fridericianum in Kassel – das damals noch als Bibliothek genutzt wurde – während eines Bombenangriffs der Alliierten Feuer und ein Buchbestand von rund 350.000 Bänden ging verloren. Anfang Juni 2017 wurde die dokumenta 14 in Kassel eröffnet. Diese drei Termine verbindet eine rote Linie – das Kunstprojekt „Parthenon der Bücher“ der argentinischen Künstlerin Marta Minujín. Es ist ein aufrüttelndes, ja auch verstörendes Projekt und sicher eines der publikumswirksamsten der dokumenta 14.

 

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Marta Minujín hat in Zusammenarbeit mit der Universität Kassel, der Frankfurter Buchmesse und vielen anderen den „Parthenon der Bücher“, den antiken griechischen Tempel auf der Akropolis in Athen in Originalgröße als ästhetisches und politisches Ideal der ersten Demokratie, nachgebaut. Mit dem spektakulären Kunstwerk auf dem Kasseler Friedrichsplatz schlägt sie auch den Bogen zwischen den documenta-Standorten Athen und Kassel. In Athen hat sie übrigens in einer provokativen Aktion einer Doppelgängerin von Angela Merkel die griechischen Staatsschulden in Form von 400 Kilogramm griechischen Oliven zurückgezahlt. Merkel war zwar eingeladen, aber nicht erschienen. Ob das politische Kunst sei? Oder eine Provokation für die deutschen Steuerzahler? Oder eine künstlerische Ohrfeige für Finanzminister Wolfgang Schäuble? „Nein, das ist mediale Konzeptkunst“, gibt Minujín zu verstehen. Natürlich hat sie ihre eigene politische Meinung: „Griechenland erstickt an seinen Schulden. Dabei hat es gar keine. Die Griechen beglichen ihre Finanzschulden schon vor Jahrhunderten, als sie der gesamten westlichen Welt ihre Kultur und Architektur schenkten“, so die argentinische Konzept- und Performance-Künstlerin.

Wer weiß denn schon, wie viele und welche Bücher irgendwann einmal auf dieser Welt schon verboten waren? Zum Beispiel war Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ in China zu Maos Zeiten verboten, weil die Tiere an der Seite der Menschen intelligent erschienen und dies nicht sein durfte. Die Nazis verbrannten Bücher, weil sie entweder von jüdischen Schriftstellern stammten, oder nicht in das Denkmuster des Regimes passten. Und möglicherweise wird sogar im Amerika der Jetztzeit ein Bericht von Wissenschaftlern über die Gründe der Klimaerwärmung unterdrückt oder verboten, weil dieser dem Präsidenten der USA nicht ins Denkschema passt. Es sind also oft die Politiker, die entscheiden, was andere lesen dürfen und was nicht, meint die Künstlerin.

 

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Der „Parthenon der Bücher“ besteht aus einer Stahlgerüstkonstruktion in den Maßen seines berühmten Namensvetters: 70 Meter lang, 30 Meter breit und 20 Meter hoch. Dieses Gitterwerk der Säulen, Friese und Giebel des griechischen Tempels, der ihr als Mahnmal, als ästhetisches Symbol für Demokratie, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit dient, ist mit ca. 100.000 Büchern – jedes in Plastikfolie eingeschweißt – behängt. Alle Bücher sind oder waren einmal auf der Welt verboten. Verlage und andere Spender haben 42.000 Werke zur Verfügung gestellt. Der Rest wurde in der Aufbauzeit der Ausstellung von privaten Spendern über eine Art Crowdfunding-Aktion aufgetrieben. Jeder konnte also an diesem „Parthenon der Bücher“ mitbauen, sich beteiligen. Zum Ende der documenta 14 sollen die gespendeten Werke abgehängt und an Besucher verteilt werden. Damit will die Künstlerin auch Menschen, die sich selten Bücher leisten können, den Besitz und das Lesen der einst verbotenen Werke ermöglichen.
Die einzelnen Säulen und Teile der Architektur sind mit einer Innenbeleuchtung versehen und so wirken die Bücher nächtens wie kleine Steinchen am Tempel. Bei Tag sieht er wie aus kleinen, farbigen Mosaikteilen zusammengesetzt aus. In jeder Hinsicht spektakulär und eine der Hauptattraktionen des Events!

 

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Diese Aktion Minujíns, diese Installation, drückt eine Haltung, eine Botschaft aus. Sie bedient sich dazu der Architektur als Medium und transportiert die Aussage über die Hülle, das Bild. Im Gegensatz zu schnelllebigen Bildern der Fassaden von Glas-, Stahl- oder Betonbauten wird jedoch hier eine Aussage, die weltweite Bedeutung hat, getroffen. Als Seismograph für den Zustand der Welt ist sie ein Spiegel all derjenigen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen, vor denen die Welt steht: Bücher und Geschriebenes sind für manche Menschen Gift, weil sie das Denken fördern.

Es wird damit ein materielles, gebautes Statement wider den Zeitgeist des Populismus und des sogenannten Liberalismus gesetzt. Sowohl durch die Motivwahl, als auch durch das Buch selbst, das als Grundbaustein jeder Bildung bezeichnet werden kann. Der „Par­thenon der Bücher“ ist gerade in der Zeit der immer weiter schreitenden Digitalisierung, der Verlagerung des Wissens ins Internet ein gewagtes aber gelungenes Kunstwerk. Es ist auch das Ergebnis einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Hintergrund einer Reife, eines Wissens und eines Zeitbewusstseins sowie eine mahnende Geste, dass unsere Freiheit bedroht ist und Werte bewahrt werden sollten. Auch in der Architektur.

 

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Fotos: ©Roman Maerz

Text: ©Peter Reischer

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