The Bird‘s-eye View – Paradigma

8. Juli 2019 Mehr

Paradigma

Ob mit einem Paragleiter, einer Drohne oder mit Google Earth – der Blick von oben auf unsere Welt ist faszinierend. Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch (1878-1935, Maler und Hauptvertreter der russischen Avantgarde, Wegbereiter des Konstruktivismus und Begründer des Suprematismus), der sich schreibend intensiv mit Ästhetik, Philosophie und moderner Kunst auseinandergesetzt hat, bezeichnete den Blick von oben – als Gegensatz zum üblichen horizontalen Blickpunkt – als ein „geniales, neues und radikalisierendes Paradigma“ der Kunst des 20. Jahrhunderts. Seiner Ansicht nach brachten Flugreisen und speziell die Fotografie von oben einen Bewusstseinswechsel mit sich. Auch die italienischen Futuristen waren von diesen Landschaftsaufnahmen aus der Luft fasziniert.

 

Paradigma Luftaufnahmen

 

Manchmal basiert Kunst nicht auf einer direkten Beobachtung, sondern auf Luftaufnahmen oder Karten, die auf Satellitenfotos beruhen. Diese Gattung der Land-Art existierte vor dem 20. Jahrhundert nicht. Sie entwickelte sich mit dem menschlichen Fortschritt und der Mobilität in die Lüfte. Ein Blick aus 10.000 Meter Höhe kann die Grundlage so mancher Kunstwerke sein. Nicht nur Malewitsch, sondern auch Künstler wie Georgia O´Keeffe, Susan Crile, Jane Frank, Richard Diebenkorn, Yvonne Jacquette und Nancy Graves ließen sich davon inspirieren. Das geografische Layout unserer Erde und der Städte ist voll von Mustern und Formen – aber man benötigt schon das Auge eines Experten (oder einer Drohne) um sie zu identifizieren und zu deuten.

 

 

Die frühesten Darstellungen von Luftbildern sind Landkarten, oder ähnliche Kunstwerke, welche die Landschaft aus der Vogelperspektive zeigen. Die Aborigines in Australien haben schon sehr früh begonnen, Karten ihrer Landschaft zu zeichnen. Darin hielten sie Pfade zu den Wasserstellen und heilige Plätze fest, und zwar Jahrhunderte vor der Luftfahrt. Auch die Europäer entwickelten schon früh Karten der Kontinente, basierend auf mathematischen Kalkulationen, Ergebnissen von Forschungsreisen und astronomischen Kenntnissen.

 

 

Im Gegensatz zu traditionellen Landschaften kann man bei Luftaufnahmen meistens keinen Horizont festmachen, keinen Himmel sehen. Auch gibt es hier nicht den berühmten Blick in die Unendlichkeit. Eine Seelenverwandtschaft tritt allerdings in der Kunst zwischen Luftaufnahmen und abstrakter Malerei auf, nicht nur weil oft keine realen Gegenständlichkeiten mehr zu erkennen sind, sondern auch, weil es bei diesen Bildern kein „oben“ und „unten“ mehr gibt. (Deutlich kann man das bei Werken von Jackson Pollock oder Mark Tobey feststellen.) Es gibt keinen Fokussierungspunkt mehr. Auch werden aus der Höhe betrachtet so manche Teile der Architektur, wie wir sie für selbstverständlich erachten, zu fast nicht mehr begreifbaren Elementen, fast zu Mustern, die sich nach manchmal kaum erkennbaren Schemata erstrecken.

 

 

Dasselbe Phänomen der Orientierungslosigkeit (im Sinne von oben, unten, links oder rechts) wie bei Pollock und Tobey tritt auch bei den fotografischen Arbeiten von Márton Mogyorósy auf. Er hat eine Serie von Luftaufnahmen der Küstenstadt Barcelona gemacht, bei denen er die geometrischen Muster und seriellen Merkmale der Architektur und der Landschaft festhält. Nicht nur die Stadt hat es ihm angetan, auch die Küstenlinie und das Meer geben genug Motive her. Von hoch oben im Himmel ergeben die Fotos eine neue Perspektive. Sie eröffnen einen neuen Zugang zur Umwelt, zur Architektur und man kann zum Beispiel für die katalonische Hauptstadt ganz neue Sichtweisen von kleineren Blockbebauungen im urbanen Gewebe feststellen.

 

 

Mogyorósy hat zuerst mittel Google Earth seine groben Areale fixiert und dann im Jänner dieses Jahres in Barcelona die Aufnahmen mit einer Drohne gemacht. Er wollte absichtlich abseits der touristischen Hotspots fotografieren und eine ungesehene Seite der Stadt aufdecken: die schönsten Muster einer urbanen Landschaft, vergleichbar mit Dekoren. Als freiberuflicher Fotograf aus Budapest gilt sein Interesse schon lange der Architektur aus einer ungewöhnlichen Perspektive.

 

Text: ©Peter Reischer

Fotos: ©Márton Mogyorósy

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Kategorie: Start

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