Wenn Bäume aus der Wand wachsen – Künstler Pejac

17. Mai 2018 Mehr

Der Protest gegen die Megalomanie der Großstädte drückt sich in vielerlei Hinsicht aus: Manche demonstrieren mehr oder weniger lautstark, werfen Flaschen oder zünden Autos an, Politiker halten Reden und manche Künstler gehen einen stillen Weg. Der spanische Künstler Pejac ist einer der ganz Stillen.

Vor einiger Zeit besuchte er New York und hinterließ hier zwei Interventionen im Stadtgefüge, eine in Bushwick und eine in Chinatown. Beide befassen sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Beide sind kritisch, aber in einer fast poetischen, zarten Art. Nichts schreit, keine grellen Farben, leise aber nicht weniger selbstbewusst platzierte er seine Arbeiten an Stellen, die normalerweise gar nicht wahrgenommen werden.

 

Pejac

©Ben Lau

 

In New York gibt es, aufgrund der Größe, der Verkehrsdichte und der öffentlichen Infrastruktur, seit Jahren diverse umwelttechnische Herausforderungen. Sie alle spiegeln die Probleme der modernen Zivilisation weltweit wider. Mit dem Wissen über Kultur, Finanz und Medien der Welt im Gepäck, hat Pejac mit „Fossil“ ein Menetekel an die Wandecke eines Ziegelbaus in Bushwick gemalt: Indem er die feste Struktur der Bausubstanz als Grundlage wählte, schuf er ein hypothetisches Bild einer fatalen Zukunft, in der nur mehr „fossile“ Erinnerungen an lebende Natur, „Erscheinungen“ von Bäumen an Ziegelwänden an das Leben erinnern. Wie Röntgenbilder nach einer Apokalypse. Die geisterhafte Silhouette des Baumes entsteht nur durch Betonung von Leerstellen, minimalen (mit schwarzem Spray erzielten) Schattierungen und Betonung von noch existenten Teilen.
Er hat nichts Saftiges, Frisches mehr an sich, durch minimierte sterile Quadrate entsteht die Illusion und gleichzeitig die herbe, nicht gewünschte Erinnerung an die ignorante Haltung des Menschen gegenüber der Natur. Speziell gedacht (vielleicht) für gerade diese hippe Nachbarschaft in Bushwick, die gerade einen intensiven Gentrifizierungsprozess durchläuft.

Das Gegenstück zu dieser dystopischen Vision ist „Inner Strength“ in Chinatown als eine wieder Mut machende Arbeit, die eine andere hypothetische Zukunft visualisiert: Natur durchbricht hier alle Schranken, die ihr der Mensch gesetzt hat und renaturiert verlassene Plätze der Welt. Ein kleiner Eingriff an einem geschlossenen Rollbalken eines Lagers und schon entwickelt sich daraus eines der Lieblingsmotive des Künstlers – die Kirschblüte und kleine Vögel, die unbekümmert herumflattern. Diese faszinierende Stimmung durchbricht die raue Oberfläche von Chinatown und ermutigt die Natur, sich ihren Raum zurückzuholen. Auch ein Symbol des Widerstandes gegen die Macht der Wall Street, die nur um eine Ecke entfernt residiert.

 

Inner Strength

©Pejac

 

Der in Barcelona wohnhafte Künstler berührt mit allen seinen Arbeiten sehr sensibel soziale und Umweltfragen oder -probleme. Die Kraft seiner Werke, sowie deren allgemeine Verständlichkeit, liegt in der richtigen Kombination von malerischen/grafischen Fähigkeiten, originellen und effektiven Ideen und einem breiten Wissen über Klassik und Volkskultur. Seine Themen sind „Botschaft“ und „Adaption“, weitergeben und sich anpassen, seine Arbeiten sind immer kritisch und provokativ, aber nie marktschreierisch. Man kann sie auch übersehen im Trubel der Stadt, man kann kopfschüttelnd vorbeigehen – aber auch dann erfüllen sie ihre Wirkung. Sie sind da als Zeugen einer Realität und gleichzeitig eine Mahnung für die Zukunft, ohne erhobenen Zeigefinger.

Text:©Peter Reischer

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