Luftarchitektur – Dach und Wand aus Luft

1. Oktober 2015 Mehr

Festgemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt.“ So beginnt ‚Das Lied von der Glocke‘, 1799 von Friedrich Schiller veröffentlicht, und mit diesen Worten wird das Materielle, Erdverbundene betont. Was damals undenkbar erschien, wird heute immer mehr zu einer Realität – Architektur und Objekte aus oder mit Luft gebaut. Künstler, Designer und Architekten nehmen sich des billigsten Baumaterials (noch gibt es Luft ja in ausreichender Menge) an und erzeugen so oft beachtliche Projekte.

Aus Luft gebaut stimmt natürlich nicht ganz, einen Rahmen, eine Hülle muss die Luft schon bekommen. Aber Luft oder auch Gas – unter Druck in einer Form gehalten – hält eine Tragkonstruktion stabil, kann als statisch wirksames Element verwendet werden und dank der Entwicklungen der Kunststofftechnik (ETFE Folien) lassen sich heute die schönsten, transparenten Überdachungen damit verwirklichen.

Luftkissendach

Ein gutes Beispiel für solch eine luftgetragene Dachkonstruktion ist der neu gestaltete Bahnhofplatz in Aarau, zugleich das Projekt mit den weltgrößten, luftgestützten Folienkissen. Der großzügige, offene und urbane Bahnhofplatz ist ein angenehmer, heller Ort, strukturiert durch Lichtinseln und einzigartige Materialien. Das – im Zentrum offene –Luftkissendach spannt sich über den Platz, schützt die Passanten, lässt aber genügend Luft, damit der Aufenthaltsbereich nicht wie eine geschlossene Halle wirkt. Entwickelt wurde das Projekt vom Zürcher Büro Vehovar & Jauslin Architektur zusammen mit dem Aarauer Generalplaner suisseplan AG. Die Materialwahl fiel auf ein luftgestütztes Folienkissen aus dem Kunststoff ETFE. Das Großkissen wird in seinem Inneren durch einen frei geformten Stahltisch gehalten. Ein unregelmäßiges Netz aus Stahlseilen auf beiden Außenseiten gibt dem Kissen die Form. Die notwendigen Leitungen für Entwässerung, Beleuchtung, Umluft und Messtechnik verlaufen unsichtbar im Konstruktionsinneren. Dadurch wirkt das Dach nicht wie eine technische Anlage, sondern leicht und luftig. Dank der ausgezeichneten Luftdichtigkeit der Kissenkonstruktion beschränkt sich die Aufgabe der Lüftung beinahe auf die Anpassung des Luftdrucks im Dach an die sich verändernden Wetterbedingungen.

Das windstabilste Zelt der Welt

Das Hamburger Start-up, Heimplanet, hat in Zusammenarbeit mit Statikern und Ingenieuren ein Zelt entwickelt, das Windstärken bis zu 180 km/h standhält und mit einem Durchmesser von 4,5 Metern ausreichend Platz für die Kamera- und Produktions-Teams für Film­aufnahmen bietet. Die Charakteristika des Medienzeltes sind die einfache Handhabung, Stabilität und das puristische Design. Man nutzt die Luft als Tragwerk. Den Rahmen, das IDG (Inflatable Diamond Grid), bilden zehn doppelwandige Luftkammern, die auf dem geodätischen Prinzip basieren. Beim Aufbau fungieren sie als zwei Luftkreisläufe, die – nach dem Befüllen mit einer einfachen Handluftpumpe – in zehn separate Luftkammern unterteilt werden. Diese aufblasbare Gitterstruktur, die inzwischen zum Patent registriert wurde, macht das Zelt so wind- bzw. sturmstabil. Das Zusammensetzen von Einzelteilen oder Einhängen der Zelthülle entfällt.

Unter dem blauen Zeichen

Die blaue Hand, die sich in oder aus einer Vogelsilhouette verwandelt (entworfen von Predrag Stakic), steht für den Schutz der Menschenrechte in allen zivilisierten Gesellschaften. Dieses Zeichen wählte Architektin Yael Reisner, als sie zusammen mit Peter Cook eingeladen wurde, eine Überdachung für den ‚Placa De La Merce‘ in Barcelona zu entwerfen. Der aus dem 13. Jahrhundert stammende Platz wird traditionsgemäß für Hochzeitszeremonien verwendet. Der leicht – zu einer kleinen Plattform – ansteigende Weg wird von der blauen aufblasbaren Skulptur überschattet. Bei bestimmten Lichtverhältnissen verbindet sie sich auch mit dem Himmel – eine doppelte Symbolik für die unten stattfindenden Hochzeiten.

Bulle d‘air

Unsere Zivilisation zeichnet sich durch eine außergewöhnlich hohe Mobilität aus. Das führt auch zu einer neuen, dialektischen Auseinandersetzung mit den Begriffen anwesend – abwesend, Nähe und Distanz. Entsprechend diesen nomadischen Sehnsüchten und Gegebenheiten hat das raumlaborberlin (ein Kollektiv aus Architekten) eine „Luftblase“ entwickelt. Eine minimalistische Struktur für Aufenthalt und auch Wohnen, die jederzeit abgebaut und wegtransportiert werden kann.

Light Cave

Es ist eine eher nebulöse Form, etwas, das eine Mischung zwischen Pop Art, urzeitlichem Lebewesen und ‚Blob‘ Architektur darstellen könnte. Auf jeden Fall ziert es den Eingang des PLAZA Hotels in NY neben dem Publikumsmagnet High Line. Mit Maßen von ca. 18 x 8 x 5 Metern ist es eine der größten Installationen, die das Künstlerkollektiv ‚FriendsWithYou‘ je realisiert hat. Das halbtransparente, mit Luft gefüllte ‚Ding‘ glüht und leuchtet in der Nacht, jedoch auch bei Tag erfüllt es seinen Zweck als Baldachin und Korridor für ankommende Gäste.

Himmelsdach

Eine Nacht unterm Sternenhimmel ist für viele Menschen ein seltenes Erlebnis geworden. Luft- und Lichtverschmutzung in den großen Städten, in denen die meisten Menschen leben, machen einen klaren Blick zum Himmel nächtens unmöglich. Das in London beheimatete Studio Loop pH schuf einen monumentalen, silbernen, aufblasbaren Dom, auf den von innen das Firmament projiziert wird. Ironischerweise errichteten sie ihre Installation direkt unter dem stark befahrenen A13 Fly­over in London. Der optisch unendlich vervielfältigte Raum im Dome ermöglicht es den Zuschauern eine physische Nachbildung des Sternenhimmels mittels Laserstrahlen zu erleben, samt orchestraler Klangkulisse.

Text: Peter Reischer
Fotocredits:
„Titelbild“ © Eduard Hueber
„Das windstabilste Zelt der Welt“ © Heimplanet
„Blaue Hand“ © Marcela Grassi
„Bulle d´air“ © Guillaume Prie´
„Light Cave“ © Alyssa Ringler
„Himmelsdach“ © Loop pH

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Kategorie: Magazin

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