Transluzentes Experiment – Maggies Centre

8. April 2019 Mehr

Architekt Steven Holl sucht in seinen Projekten stets nach dem Geist und der Geschichte eines Ortes. In Smithfield, England ließ er sich von Musik inspirieren. Vorläufer des uns bekannten Notensystems waren im Mittelalter sogenannte Neumen; ein Zeichensystem, bei dem Melodien in grafische Auf- und Abbewegungen übersetzt wurden.

 

Maggies Centre

 

Dieses Bild hat Holl auf die Fassade des Neubaus des dritten Maggie’s Centre in London übertragen und farbige Felder auf den horizontalen, transluzenten Glasbändern rhythmisiert angeordnet – wie das Auf und Ab einer Melodie. In dieser Einrichtung (einer Stiftung) erhalten krebskranke Menschen und ihre Familien seelische und praktische Unterstützung. Dass bei Heilungsprozessen auch die umgebende Architektur eine relevante Rolle spielt, belegen inzwischen zahlreiche Studien. Deshalb wurde dem Einsatz von Material, Farbe und Licht hier intensive Beachtung geschenkt.

 

Als Teil des Ensembles grenzt der Neubau von Steven Holl direkt an ein imposantes Steingebäude aus dem 17. Jahrhundert. Die gläserne Hülle mit eingestreuten, farbigen Elementen entwickelt mit ihrer sphärischen Anmutung einen spannungsreichen Dialog zwischen Alt und Neu. Besonders wirkungsvoll ist die Ecklösung des Neubaus: Die gebogene Verglasung hält respektvoll Abstand und stellt die detaillierte Eckquaderung des Altbaus wieder frei. Je nach Tageszeit und je nach Standort des Betrachters verändert sich die Fassade. Tagsüber wirken die matten Gläser und die Farbfelder sehr homogen, fast wie Alabaster, sodass die Fassade mit den benachbarten Steingebäuden harmoniert. Abends, wenn das Kunstlicht eingeschaltet wird, leuchtet der Baukörper von innen heraus. Das Neue versucht nicht das Alte zu kopieren oder zu dominieren, sondern verweist mit einer eigenen Architektursprache auf die Materialität und die charakteristischen Eigenschaften des Umfeldes.

 

Maggies Centre

 

Im Innenraum erinnert die Strahlkraft der Farbfelder in ihrer Wirkung an die meditative Ausstrahlung von Kirchenfenstern. Für diese wechselnde Anmutung nutzte man spezielle Funktionsgläser. Im Scheibenzwischenraum integrierte Kapillareinlagen streuen das Tageslicht tief in den Innenraum, leuchten ihn gleichmäßig, weich und atmosphärisch aus und verstärken darüber hinaus die Intensität der farbigen Felder. Für das Projekt des Maggie’s Centre hat man in einem intensiven Austausch mit Steven Holl Architects und dem Fassadenbauer gebogene Isoliergläser mit farbigen Kapillareinlagen hergestellt. Als besonders anspruchsvoll in der Produktion erwies sich die Geometrie der Gläser, bei denen eine gerade Fläche direkt in eine gebogene übergeht. Auch die Vielzahl an Sonderformaten war außergewöhnlich groß.

 

Fotos: ©Raf Makda

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Kategorie: Magazin

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