Architekturmaschine – The Fantoni Plaxil 8 Manufacturing Building

6. August 2018 Mehr

The Fantoni Plaxil 8 Manufacturing Building / Osoppo / Studio Valle Architetti Associati

Auf einer Fläche von 8.500 Quadratmetern ist in der Nähe von Udine, in der Stadt Osoppo eine Fabrik entstanden, die in Europa ziemlich einzigartig ist. Erstens ist sie die zweitgrößte Produktion von MDF (Medium Density Fiberboard) weltweit und zweitens ein Statement für eine selten konstante Entwicklung im industriellen Architektursektor. Die Fabrik mit der Bezeichnung “Plaxil 8” ist vom Studio Valle Architetti Associati entworfen, zusammen mit Architekt Roland Henning, Ingenieur Mario Gallinaro und dem Hersteller Dieffenbacher. Sie fügt sich gut in die italienische Industriearchitektur der Umgebung ein und ist der letzte Schritt in einem ganzen Komplex von Gebäuden der Firma Fantoni, die allesamt aus einer Zusammenarbeit mit dem Studio Valle Architetti Associati unter der Leitung von Gino Valle entstanden sind.

 

Architekturmaschine

Eine neue Kathedrale für Europas größte MDF-Plattenproduktion ist in der Nähe von Udine/Italien von Studio Valle Architetti Associati entworfen worden. Wie eine mächtige Maschine bildet die Industriearchitektur einen symbiotischen Kontrast mit der Landschaft Norditaliens und ist nicht nur Hülle, sondern Architektur und Maschine gleichzeitig.

 

Im Inneren der 300 Meter langen und rund 48 Meter hohen Struktur sitzt eine völlig automatisierte Herstellungsstraße für MDF-Platten. Die 2017 fertiggestellte Anlage ersetzt einige ältere Produktionsstätten (die Pressstraßen Plaxil 4 und Plaxil 5) und ist mit State-of-the-art-Technologie ausgestattet. Die 80 Millionen Euro schwere Investition ist zukunftsweisend für die Holzproduktion auf dem Möbelsektor.
Eine wahrlich majestätische Architekturmaschine, die aus einer Sortieranlage für die Fasern, Formatierung für Holzspäne, einer Heißpressanlage, einer Entnahme und Verladestation und der Transportanlage zu den bestehenden Regallagern besteht. Die höchsten Teile ragen bis zu 50 Meter in den Himmel und die niederen, eher linearen Bereiche sind 14,5 Meter hoch. Die Gebäudestruktur ist hybrid – Umhüllung und Maschine im Inneren zugleich. So entsteht eine Verbindungs- oder Nahtstelle in der Architektur. Das Gebäude ist nicht länger die Umhüllung einer Produktion oder einer Maschinenansammlung, repräsentiert in einem eigenständigen „Umschlag“, sondern ein visuelles Gerüst, welches mit der Maschine in einem Dialog steht. Die Architektur schließt Außen und Innen mit ein, Struktur und Produktion sowie alte und neue Teile der existierenden Fabrikation.

Im höchsten Teil der Anlage werden die getrockneten Holzfasern formatiert und mit einer Harzmixtur getränkt. Dann laufen sie auf Sortierbändern unter Pressköpfen und Gebläsen durch, hier reichen die Abluftanlagen bis zu 50 Meter in die Höhe. In der darauffolgenden Heißpresse mit 75 Meter Länge und einem Gewicht von über 3000 Tonnen werden die Platten auf ihre Dicke formatiert und auf eine Temperatur von 240 Grad erhitzt. Hier erreicht die Architektur konstant 14,5 Meter Höhe. Auf der Entnahmestation werden die Platten zuerst auf Maß geschnitten, dann auf zwei sternenförmigen Kühlanlagen natürlich gekühlt, anschließend gestapelt und in ein automatisiertes Lager mittels eines 400 Meter langen, induktionsgetriebenen Transportbandes befördert.

Diese 28 Meter breite, frei spannende Struktur der Produktionsstraße wird von mächtigen Balken getragen. Ein innerer, seitlich angeordneter Stahlbetonbau beherbergt die notwendigen Neben- und Technikräume und trägt auch die großen Metallrahmen, welche die verschiedenen Ebenen der Spanformatierungsanlagen an der Westseite unterstützen. An den Längsseiten nehmen zwei große Öffnungen Luft von der Außenseite auf, um einen natürlichen Kühlkreislauf zu schaffen. So wird die von den Maschinen erhitzte Luft abtransportiert und über einen Ventilator und Kamin am First der Bandanlage ausgeblasen.

Dieselbe Struktur trägt und bildet die Maschinen und die Architektur. Die Herausforderung für und während des Entwurfsprozesses war, den lastabtragenden Rahmen und die Architektur in verschiedenen Konstruktionsetappen zu errichten. Der Designprozess des Gebäudes musste Schritt für Schritt flexibel erfolgen, entsprechend der Entwicklung und Größe der Maschinen, die in diesem Ausmaß bisher noch nie konstruiert worden waren. Die Entscheidung fiel dahin gehend, dass die einzelnen Bauteile sich nie gegen die Maschine kontrastieren sollten, sondern das Gebäude eher als Hintergrund der Maschinerie wirken sollte – es entstehen diverse Ebenen der Tiefe. Der gesamte niedere Teil der Anlage ist mit vorgefertigten Betonteilen, die auf geriffelten Metallformen gegossen wurden, verkleidet. So wird eine einheitliche, gebraucht wirkende Oberfläche erzielt. Die gebogene Fläche des Daches ist mit spiegelnden Metallplatten verkleidet, sie sind vertikal gerippt, um den Charakter der Silhouette gegen den Himmel zu betonen. Kamine und Ventilatoren der Formatierungsanlage sind teilweise hinter einer gitterförmigen Metallstruktur verborgen und so fügen sich Vergangenheit und Zukunft zu einer dynamischen Qualität und schaffen eine komplexe, architektonische Industrielandschaft in der Ebene von Udine.

Kein Einzelobjekt der Industrieanlage ist gesondert zu betrachten, alles steht in einer Relation zueinander. Die existierenden Strukturen treten in einen Dialog mit den neuen Produktionsstraßen, eine kongruente Skyline zieht sich über den gesamten Campus und bildet einen vielgestaltigen Hintergrund aus Elementen und Szenen.
„Plaxil 8“ überschreitet somit die Idee von unabhängigen Einzelhüllen und suggeriert einen architektonischen Diskurs aus verschiedenen Oberflächen, ergänzt bereits vorhandene Bauteile und schafft Durch- und Ausblicke mittels visueller Transparenz von Gitterhüllen und -strukturen. Mit diesem Neubau und der gleichzeitigen Erweiterung und Renovierung des Firmenrestaurants (ebenfalls von Pietro Valle entworfen) führen Auftraggeber und -nehmer die Tradition eines Experimentierens mit Industriearchitektur auf dem Gelände fort und die unendliche – seit 30 Jahren dauernde – Mutation des Fantoni Campus geht weiter.

 

 

The Fantoni Plaxil 8 Manufacturing Building
Osoppo, Italien

Bauherr: Fantoni SpA
Planung: Studio Valle Architetti Associati
Statik: Mg Progetti

Bebaute Fläche: 8.500 m2
Planungsbeginn: 10/2015
Bauzeit: 04/2016 – 06/2017
Fertigstellung: 06/2017

 

 

Fotos: ©Neva Gasparo, Adriano Ferrara

Text:©Peter Reischer

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