Bücher für die Bildung – Bibliotheken

27. Juli 2017 Mehr

Die vorangehend beschriebene Bibliothèque Alexis de Tocqueville ist aber nur eine von vielen Varianten des Speicherns und Vermittelns von Wissen.  Im Folgenden stellen wir internationale Projekte sowie die verschiedensten Zugänge zum Lesen, zu Büchern und zur Bildung dar. Von Privatbüchereien auf einer alten Garage über Schreine für antike Manuskripte, Internet, kulinarisches Lesen bis zu einem, eigens für eine Bücherei entwickelten, künstlerischen Sonnenschutz.

 

Bildung durch „social media“

In der Stadt Surrey, Kanada, haben die Bing Thom Architects Inc. (BTA) eine mit LEED® Gold zertifizierte Stadtbücherei entworfen und gebaut. Der Bau mit dem leicht sich nach unten verjüngenden Grundriss in der Form eines schlanken, spitzen Schiffsbuges, ist die erste Bibliothek der Welt, von der man behaupten kann, dass sie mithilfe von „social media“ errichtet und geplant wurde. BTA entwickelten nämlich während der Planung zusammen mit dem Betreiber der Bibliothek eine Kommunikationsstrategie mit Blogs, Twitter, Facebook und Flickr, in der sie die Öffentlichkeit aufforderten, Kommentare, Vorschläge und Fotos zum Design der Architektur zu posten. Die nach außen geneigten Wände dienen auch dem Sonnenschutz. Die Betonfassaden sind in Sichtbetonqualität ausgeführt, so war auch keinerlei weitere Verkleidung notwendig.

©Ema Peter

 

Bücher in einer Hülle aus Holz

Durch ein Erdbeben der Stärke 8,8 wurde die kleine Küstenstadt Constitucion in Chile 2010 fast völlig zerstört. Im Zuge des Wiederaufbaus hat Architekt Sebastian Irarrázaval kürzlich die lokale Bibliothek fertiggestellt. Sie liegt an einer Seite des zentralen Platzes, von der aus sie die hunderte Jahre alten Bäume überblickt. Aus diesem Grund liegen die unteren Benutzerebenen auch mindestens 1,6 Meter über dem Straßenniveau.
Drei Bereiche – für Kinder, Jugendliche und Erwachsene – sind in drei verschiedenen „Schiffen“ aus Holz situiert. Diese „Schiffe“ kommunizieren über riesige Glasfenster mit der Öffentlichkeit, laden neue Leser ein und zeigen das Innere nach außen hin. Direkt davor bieten Bänke und Dachvorsprünge Schutz und Aufenthaltsmöglichkeiten für Passanten.
Im Gebäude sind nur die Feuermauern aus Stahlbeton, alles andere ist aus Holz. Die Konstruktion wurde aus verleimtem Pinienholz vorgefertigt und, um ein Verständnis für die Lastabtragung und Konstruktion bei den Nutzern zu erzielen, alle Holzteile unverkleidet belassen. Eine Oberflächenbehandlung aus transparent-weißem Wasserlack schafft Helligkeit und verbindet die Architektur auch mit den vor Ort gefertigten Inneneinrichtungen. Das Grün der Sitzpolster referiert mit den Bäumen im Außenraum.

©Felipe Diaz Contardo

 

Bücher und Kuchen

Die Verbindung  von Konditorei und Bücherei ist eine wohl unerwartete Kombination. Deshalb haben die Schemata Architects auch eine Art Bühnenraum zwischen den Bereichen berücksichtigt. Er dient als Pufferzone, verbindet beide und hält gleichzeitig eine gewisse Distanz. In den Räumen bietet sich mit drei Tischen – kreisförmig, dreieckig und quadratisch – die Möglichkeit zur Interaktion.

©Takumi Ota Photography

 

Bücher in Istanbul

Die Beyazit Public Library in Istanbul enthält eine ganze Reihe seltener Buch- und Manuskriptsammlungen. Die kürzlich abgeschlossene Renovierung wurde von den international bekannten Tabanlioglu Architects durchgeführt. Die augenfälligste Änderung ist das Ersetzen des ehemaligen Betondaches über dem Hof durch eine transparente, faltbare Membrankonstruktion. Sie filtert das Tageslicht und sorgt für eine kontrollierte Atmosphäre. Auch eine Reorganisation der Innenbereiche fand statt. So stehen hier nun schwarze Glasboxen als „Schreine“ für die wertvollen Manuskripte und bieten einen außergewöhnlichen Kontrast zu ihrer Umgebung. Diese Minimalintervention stellt sicher, dass der Geist dieses Ortes trotz moderner Technik erhalten blieb.

©Emre Dörter

 

Bücher hinter Eiscremebehältern

Die Bücherei Bima in Bandung, Indonesien, ist das erste einer Reihe von geplanten Projekten, das bereits realisiert worden ist. Sie wurden vom Büro SHAU angeregt und entwickelt, die Planer sorgten für die Finanzierung durch die Stadt und diverse Charity-Organisationen. Auf dem kleinen Platz, auf dem das Gebäude situiert ist, gab es bereits eine existierende Bühne für allerlei gemeinschaftliche Aktivitäten. Man beschloss, den Platz zu überdachen und ihn durch eine schwebende Box regensicher zu machen.
Die Architektur besteht aus einer ganz einfachen Stahlkonstruktion, der Platz darunter wurde betoniert und eine Stiege als Aufgang errichtet. Das Besondere ist nun die Fassade, sie besteht aus über 2.000 gebrauchten Eiscremebehältern. Diese sind in einem binären Codex angeordnet, welcher folgende Bedeutung transportiert: „Bücher sind die Fenster zur Welt“. Die teilweise offenen Boxen ermöglichen eine Querlüftung und am Abend sitzt die Bücherei wie eine beleuchtete Laterne über dem quadratischen Platz.

©Sanrok Studio

 

Bücher und Sonnenschutz

Befindet man sich in einer Bibliothek, oder auch in einer Buchhandlung und blättert in den gedruckten Werken, so will man nicht durch Sonnenlicht oder störende Außeneinflüsse geblendet werden. Deshalb hat der japanische Künstler Akane Moriyama für den T-SITE Bookstore in der Nähe von Osaka einen speziellen Vorhang entworfen und produzieren lassen. Drei acht Meter hohe Vorhänge können die Nutzer und Besucher des Geschäftes bei Bedarf vor allzu grellem Sonnenlicht schützen. Die Stoffbahnen wirken wie ein Schild vor der Nachmittagssonne und kreieren gleichzeitig eine Bewegung in der Fassade der Architektur. Elegant werden mit ihnen drei große Fenster abgedeckt und am Abend rollen sie sich durch einen elektrischen Antrieb spiralförmig auf.
Der Vorhang besteht aus drei verschiedenfarbigen Lagen eines semitransparenten Organzagewebes. Außen wurde eine graue Bahn mit Silber bedruckt, eine beige Lage in der Mitte blieb unbedruckt und die innere Lage zeigt dasselbe Druckmuster wie außen, nur etwas dunkler. So entsteht der Eindruck von Tiefe und Bewegung.

©Yasushi Ichikawa

 

Bücher auf der Garage

Auf der norwegischen Insel Tjøme haben die NOMA arkitekter AS das Dach einer alten Garage in eine Bibliothek verwandelt. Unter Benutzung natürlicher und unbehandelter Materialien wie Stein, Holz und Beton, schufen sie eine Kombination aus Bücherei, Küche und Arbeitsraum, ohne die ursprünglichen Größenverhältnisse zu ändern. Sämtliche Wände sind mit Bücherregalen belegt und in diesen sind die Fenster integriert. So entstand ein aufregender Innenraum mit ebenso aufregenden Aussichten.

©Jean S. Lorentzen

 

Bücher in China

Hier haben die Van Wang Architects einen baufälligen Verkaufspavillon, der eigentlich nur für eine temporäre Nutzung gedacht war und abgerissen werden sollte, in eine Bücherei verwandelt. Die Architekten wollten mit diesem Projekt einen Kontrapunkt zu der ungeheuren Energie- und Ressourcenverschwendung eines Abbruches setzen. Sie bauten das Innere des Volumens wie mit Bauklötzen zu zwei großen Büchersälen um. Eine Stiege führt freitragend zu einer rundumlaufenden Zwischenebene hinauf. Die Kon­struktion aus Stahlgerüsten ist hinter den Regalen verborgen und nicht sichtbar. Dünne Holzleisten laufen an der Decke entlang und sorgen für eine Strukturierung des Raumes. So ist ein geräumiger, luftiger Raum als Lösung des Pavillonproblems entstanden.

©Van Wang Architects

 

Text: ©Peter Reischer

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Kategorie: Newsletter, Projekte