Planen in der Krise – planen für die Zukunft

25. Juli 2019 Mehr

Planen in der Krise – planen für die Zukunft

„Heute kommt es nicht darauf an, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu reparieren.“ – Elke Krasny

Um den Planeten ist es nicht gut bestellt – und die Architektur befindet sich in der Krise. Durch den Menschen verursachte soziale und ökologische Katastrophen drohen, die Erde in absehbarer Zeit unbewohnbar zu machen. Durch die enge Verstrickung von Architektur und Kapitalismus und damit verbundene starre Strukturen hat sich in die Bauplanung Trägheit eingeschlichen – um ihre Existenz zu sichern, richten sich viele Planer nach den Wünschen der Wirtschaft.
Mit der Ausstellung „Critical Care“ will das Architekturzentrum Wien (AZW) aufzeigen, dass es auch anders geht. Mit welchen Ansätzen der Urbanismus heute zur Rettung des Planeten beitragen kann, verdeutlichen 21 Beispiele, die stellvertretend für das 21. Jahrhundert stehen. Die erfolgreich durchgeführten Maßnahmen zeigen auf, dass sich weder Architektur noch Raumplanung dem Diktat der Ausbeutung unterwerfen müssen, um lebenswerte Projekte zu realisieren. Jedes der gezeigten Beispiele widmet sich der Lösung eines konkreten und lokalen Problems. Sowohl die Herausforderungen städtischer Gebiete als auch die Missstände in ländlichen Regionen werden hierbei beleuchtet.

 

Zukunft

Foto:©Ernesto Robles

 

„Mit unserer Ausstellung wollen wir nicht alarmieren, sondern Lösungswege aufzeigen – es geht darum, einen Gegenpol zu Katastrophendenken und Lethargie zu schaffen“, sagt Elke Krasny, die als Kuratorin „Critical Care“ gemeinsam mit AZW-Direktorin Angelika Fitz ins Leben gerufen hat. Mit greifbaren Projekten wollen die Kuratorinnen deutlich machen, dass Architekten selbst unter marktwirtschaftlich herausfordernden Bedingungen, sozial und ökologisch verträgliche Projekte umsetzen und so ihrerseits zu Aktivisten werden können. Zur anschaulichen Darstellung werden in jedem der ausgestellten Bauprojekte die neu bestimmten Beziehungen zwischen Arbeit, Ökonomie und Ökologie aufgezeigt.

Architektur schafft Zukunft – Zukunft schafft Architektur
„Die Architektur ist eine Disziplin, die auf die Zukunft ausgerichtet ist. Paradoxerweise muss der Planet repariert werden, damit es überhaupt eine Zukunft und damit die Architektur geben kann“, erläutert Krasny. Einer Hauptaufgabe der Planer muss heute in der Reparatur der Umwelt, aber auch der damit in Zusammenhang stehenden, sozialen Komponenten liegen.
Diese Meinung unterstützt auch die Philosophin Donna Haraway, die das aktuelle, durch den Kapitalismus entstandene Zeitalter als Anthropozän betitelt. Dieses ist mit vereinten Kräften und nicht zuletzt mit der Care-Perspektive der Architektur so kurz wie möglich zu halten. Doch was genau beschreibt der Begriff „Care“ in der Bauplanung? Konkret handelt es sich hier um einen Ansatz, der sich für die Bewahrung von Landschaften, Kulturen, Fertigkeiten aber auch baulicher Strukturen einsetzt. Es geht darum, Projekte in Hinblick auf zukünftige Generationen und mit möglichst geringer Ausbeutung vorhandener Ressourcen zu realisieren – auch die Reparatur von Objekten oder Bewahrung von Landstrichen fällt in diesen Bereich. Großen Stellenwert hat hier eine Zusammenarbeit, die eine Kooperation möglichst vieler Disziplinen fördert. „Heute haben wir es mit multiplen Krisen zu tun. Das ist eine große Herausforderung für die Architektur und Stadtplanung“, erzählt Krasny. Zu bewältigen seien diese nur, wenn Inhalte – und nicht die Form – im Vordergrund stehen.

 

Dwellings-Bordeaux-

Foto:©Philippe Ruault

 

Sorge tragen trotz Kapitalismus
„Gute“ Architektur ist also nicht nur umwelt-, sondern auch menschengerecht. Die meisten Fachkräfte sind sich dessen bewusst. Die Ziele, welche die Stadt- und Bauplanung der heutigen Zeit erreichen will, haben hohe Relevanz – jetzt mehr denn je. Paradoxerweise sind sie gleichzeitig in weite Ferne gerückt. Schuld daran ist nicht zuletzt der symbolische „Tod der modernen Architektur“ in den 1970er-Jahren. Groß angepriesene Maßnahmen brachten nicht den gewünschten Erfolg – dem Abriss einiger gescheiterter Projekte folgte die Desillusionierung. Nicht nur die Bevölkerung, sondern auch Fachkräfte verloren den Glauben an das Prinzip: „Form folgt Funktion“. Laut der Architekturkritikerin Krasny resultierte dies letzten Endes in einer funktionsbefreiten Bauweise. Als Konsequenz ist die Architektur ungleich verteilt, wobei Maßnahmen des Sorgetragens – also das Schaffen einer lebenswerten und auf sozialen Ausgleich ausgerichteten Umgebung – viel zu selten Anwendung finden.

Um den Planeten aus der Krise zu holen, ist achtsame, kooperative Planung aber unverzichtbar. Doch wie lässt sich „Sorge tragende Architektur“ heute umsetzen? Die Antwort ist nicht etwa in einer großflächigen Rettungsaktion, sondern vielmehr in kleinmaßstäblichen Projekten zu finden. Insbesondere unter den Bedingungen des Neo-Kapitalismus sind konkrete Maßnahmen gefragt. Vor der Umsetzung einer Idee ist stets auf die spezifischen, lokalen Verhältnisse Rücksicht zu nehmen. Gemäß Krasny gehe es insbesondere darum, ein „Miteinander“ zu schaffen. Denn nur durch Zusammenarbeit, die eine Identifikation von Problemen und Lösungswegen beinhaltet, ist es möglich, die kommenden Epochen zu kultivieren. Es reiche dabei längst nicht mehr aus, den Urbanismus und die Architektur unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit zu betrachten. Vielmehr muss die Bauplanung heute dazu in der Lage sein, neben der ökologischen auch soziale Fürsorge zu betreiben.

 

Zukunft

Foto:©Ana Mello

 

Rettung durch Wiederbelebung
Laut der Kuratorin besteht die zentrale Aufgabe des Planers also darin, Sorge zu tragen. Doch die Faktoren Geld, Zeit und Prestige üben heute viel Druck auf die Architekten aus. Als Konsequenz musste der Leitsatz „Form folgt Funktion“ vielerorts den Gesetzen der Marktwirtschaft weichen. Aus der modernistischen Planung heraus entwickelte sich der Star-Architekt und mit ihm eine Bauweise, die pflegebedürftig und damit alles andere als ressourcenschonend ausfällt. Doch ist es möglich, einen Sektor, der schon seit Jahrzehnten auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, zum Umdenken zu bringen? Gemäß Elke Krasny liege der Schlüssel darin, Architekten und Urbanisten deutlich zu machen, dass sie bei der Rettung des Planeten eine zentrale Rolle spielen. Dies bekräftigt ihrer Meinung nach die Ausstellung im AZW. Sie macht deutlich, dass es bereits mit kleinen Maßnahmen möglich ist, die Bewahrung der Lebensbedingungen auf der Erde einzuleiten. Auch neue Strukturen braucht es hierzu nicht – ein Beispiel aus Spanien zeigt auf, wie durch die Belebung historischer Bewässerungssysteme ganze Landstriche vor dem Austrocknen bewahrt werden können. Mit den richtigen Maßnahmen lassen sich auch soziale Spannungen abbauen. Einige der vorgestellten Projekte verdeutlichen, wie durch die Realisierung durchmischter Stadtquartiere in Metropolen wie London, Wien und Nairobi Vorurteile abgebaut wurden und sich Segregationstendenzen verhindern ließen.

 

Zukunft Medellin

Foto:©Sergio Gómez

 

„Critical Care“ beweist mit seinen erfolgreichen Beispielen, dass Planung und Ethik auch heute nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen. Eine Architektur, die im Dienste des Planeten steht, schafft nicht nur Infrastruktur und Lebensräume, sondern auch soziale Inklusion. Des Weiteren muss sie den Menschen als materielle Stütze ihres Handelns dienen. Es geht darum, Beziehungen zwischen Ökonomie, Ökologie und Arbeit zu überdenken und damit die soziale Verantwortung der Architektur neu zu definieren. Zu sehen ist die Ausstellung im AZW noch bis Montag, den 9. September 2019.

 

Zukunft Tofu Factory

Foto:©Wang Ziling

 

Text:©Dolores Stuttner

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Kategorie: Architekturszene, Newsletter

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