Über den Dächern von Wien

9. März 2018 Mehr

Wien hat eine gewisse Hassliebe zu Dachausbauten, doch diese nehmen, aufgrund des Raummangels und der Doktrin zur Stadtverdichtung, zu. Geht man zu Fuß durch die Wiener Innenstadt, so sieht man allerorts Baukräne, Lastenaufzüge und Einhausungen, die offensichtlich der Wohnraumerweiterung in den oberen Ebenen, dem Dachausbau, dienen. Dem Baugewerbe dürfte es also zumindest in der Bundeshauptstadt nicht so schlecht gehen. Zwei Jahre lang haben nun die Stadt Wien, das Bundeskanzleramt und Bundesdenkmalamt daran gearbeitet, einen Kataster der Dächer des ersten Bezirkes zu erstellen.

Insgesamt 1.400 Dächer der Inneren Stadt wurden für die Studie erfasst, 70 Prozent davon sind bereits ausgebaut, vor allem im ersten Bezirk ist das Potenzial fast erschöpft. 180 der 1.400 Dächer wurden von einem Projektteam – bestehend unter anderem aus Experten des Bundesdenkmalamtes und der Boku – auch begangen. (Im Zuge dieser Begehungen fand man allerhand interessante Details: Der älteste Dachstuhl zum Beispiel stammt aus dem Jahr 1229 und ist im Alten Rathaus zu finden.) Wien besitzt damit den einzigen flächendeckenden Dachkataster einer geschützten Altstadt in Europa.
Nicht nur die Baupolizei Wien geht davon aus, dass Dachausbauten für alte Häuser etwas Gutes sind. Abgesehen von Fällen, in denen unsachgemäß gearbeitet wurde und es zu Evakuierungen bis zum Einsturz ganzer Objekte kam, wird niemand bestreiten, dass ein Dachausbau wertvollen Zusatznutzen für die Substanz bringt. Vor allem die Stadtentwickler werben für den Dachausbau – immerhin wächst Wien und Wohnraum muss geschaffen werden.
Im Schnitt gibt es in Wien jährlich 500 bis 700 Bewilligungen für Dachausbauten. Ein Ausbau stellt manchmal nicht nur für die Haussubstanz, sondern auch für die Nerven der Bewohner eine erhebliche Belastung dar. Zu den negativen Folgen eines ausgebauten Daches zählen eine Verschlechterung der Belichtung und dass die Erdgeschosszonen häufig zu Garagen umgebaut werden, was nicht gerade zum urbanen Leben beiträgt. Dazu steigen meist die Mieten im ganzen Haus, weil etwa ein Lift eingebaut wurde und das zu einer Wertsteigerung führt. Die Wohnungen direkt unter dem Dach, die nach 2001 errichtet wurden, unterliegen keinerlei Mietzins-Regelung. Dementsprechend teuer sind sie und werden meist von der Upperclass bewohnt, was von den anderen Bewohnern wenig goutiert wird.

 

KatasterDach

 

Während früher die Ausbauten meist mit einer Stahlkonstruktion realisiert wurden, propagieren manche Architekten, wie auch Martin Treberspurg, für heutige Dachausbauten ein Modulsystem, vor allem für die Ressource der Gemeindebauten aus den Jahren 1950 bis 1970. Um kostengünstig zu bauen, wurde nämlich der Wohnbau in der Nachkriegszeit stark standardisiert. Das bedeutet, dass auch Dachaus- und -aufbauten auf diesen Gemeindebauten heute mit einem einheitlichen Konzept in Vorfertigung und Holzbauweise errichtet werden könnten. Im Forschungsprojekt „Attic Adapt 2050“ (siehe Kasten) entschied man sich deshalb für eine leichte Holzkonstruktion. Einer der größten Vorteile, neben der Speicherung von CO2 im Holz, ist der hohe Vorfertigungsgrad. Dadurch lässt sich auch wirtschaftlicher bauen und es werden vor allem die Nerven der Bewohner geschont.

Anhand der folgenden Beispiele aus der jüngeren Zeit kann man sehen, wie vielfältig und einfallsreich Architekten in den oberen Ebenen beim Bauen agieren. Denn es geht nicht nur um die visuell nach außen auffallenden Dachausbauten, sondern um die Herausforderung, schwierige, als unausbaubar geltende Objekte zu wohnlichen und interessanten Architekturen zu gestalten. Immer mehr sind auch kleine Wohnungen in den Dächern gefragt, womit die 200 m2
Penthousewohnung als Luxusimmobilie wohl zu den Auslaufmodellen gehören wird.

 

Spektakulär unspektakulär
Das Team von HOPPE architekten beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Ein- und Ausbauten von Dächern in Wien und Niederösterreich. Für sie sind hohe Drempel, die verhindern, direkte Sichtverbindungen nach außen in üblicher Höhe zu schaffen, oder beschränkte Raumverhältnisse und geringe Firsthöhen, die den Einbau von Bauteilen mit innovativen und schlanken Aufbauten notwendig machen und so neue bauphysikalische Herausforderungen mit sich bringen immer öfter zu lösende Aufgaben. Sie vertreten die Ansicht, dass der Ausbau eines Daches auf einem im Vollbetrieb befindlichen Gebäude als die Königsdisziplin der Bau- und Planungskoordination zu bezeichnen ist.

DB-Mechelgasse; Wien:
Bei diesem Dachgeschosseinbau in ein Eckhaus in einer Schutzzone wurde ein großzügiger zweigeschossiger Wohnbereich realisiert. Über dem Schlafbereich mit normaler Raumhöhe befindet sich ein offenes Galeriegeschoss. Um die historische Gebäudeansicht zu erhalten, erfolgt die Belichtung in erster Linie über große Fensterflächen zum Innenhof und durch eine fest verglaste Öffnung in der Feuermauer.
Beide Ebenen der Wohnung werden durch unmittelbar anschließende Terrassen ins Freie erweitert. Eine besondere Herausforderung war der Wunsch des Bauherrn, die historische Dachstuhlkonstruktion sichtbar zu erhalten, was dem Wohnraum seine besondere Charakteristik gibt.

DB-Geusaugasse; Wien:
Der hohe Drempel (auch Kniestock genannt) des Hauses ist im außen liegenden Traufenbereich durch eine historische, schmückende metallene Gesimskonstruktion verkleidet. Es war daher nicht möglich klassische Fensteröffnungen zur Straße anzuordnen und somit erfolgt die Belichtung der Dachgeschossebene durch eine eingeschnittene Dachterrasse als zweigeschossige Lichthallen und eine Atelierverglasung in den Innenhof. Durch den zweigeschossigen Einschnitt wurde nicht nur eine dreiseitige großflächige Verbindung nach außen gewährleistet, sondern gleichzeitig auch ein Fluchtbalkon geschaffen.

 

Fotos:©HOPPE architekten, Paolo Zanetta

 

Mittendrin und doch herrlich ruhig
Das Architekturbüro Cziep legt besonderen Wert auf freundliche und sonnendurchflutete Dachwohnungen, auf Wohlfühlräumlichkeiten, die durchwegs nach Süden ausgerichtet sind und die mit Behaglichkeit und Wohnkomfort aufwarten. Bei diesem Projekt kann man sehen, dass „Dachwohnung“ nicht unbedingt mit schrägen Wänden gleichzusetzen ist.

Bei der Planung eines weiteren Dachausbaus im 5. Wiener Gemeindebezirk steht die (digitale) Funktionalität im Mittelpunkt: In der Wohnebene liegt ein besonderer Wert auf der funktionalen Einheit von Küche und Essen. Das darunter liegende Geschoss dient als Privatbereich. Hier sind Schlaf- und Schrank­räume untergebracht, ebenso wie die Sanitärräume und eine Wellnessoase mit Sauna oder Dampfbad. Per Mausklick können in allen Räumen Beleuchtung, Heizung, Jalousien oder die Musikanlage über den eigenen PC – oder auch mobil via Tablet-PC oder Handy – geregelt werden. Eine Wetterstation sammelt zusätzlich Werte von Sonne, Regen, Wind und Helligkeit. Tastsensoren leiten beim Überschreiten der festgelegten Grenzwerte die notwendigen Befehle an das System weiter. So fährt etwa bei zu viel Wind der Sonnenschutz ein oder schließt sich bei zu viel Hitze. Und jede einzelne Wohnung ist mit einer Zentralstaubsaugeranlage ausgestattet, bei der der Saugschlauch auf jeder Wohnebene über einen Auslass angekoppelt werden kann. Im Gegensatz zu herkömmlichen Staubsaugern sorgt die Zentralstaubsaugeranlage für keinerlei Staubaufwirbelungen.

 

Fotos:©Johann Ebner

Text:©Peter Reischer

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Kategorie: Dach, Produktnews

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