Archäologie als Entwurfskonzept

20. März 2019 Mehr

Medieval Mile Museum / Kilkenny / McCullough Mulvin Architects

Irland ist geprägt von einer üppigen Natur mit – durch den Golfstrom begünstigten – bis zu 10 Meter hohen Oleanderbäumen und Feigenbäumen wie in Griechenland. Aber auch durch eine Vielzahl imposanter und wichtiger Kulturdenkmäler aus den vergangenen Jahrhunderten. Von den Kelten, Römern und Normannen zeugen eindrucksvolle Beuten und deren Überreste. Es war das erste Land, in dem ein totales Rauchverbot in Gaststätten erlassen wurde und kämpft momentan mit den möglichen Folgen des Brexits.

 

In der irischen Grafschaft Kilkenny liegt in der gleichnamigen Stadt die St. Mary’s Hall – früher nannte man sie St. Mary’s Church – eine im 13. Jahrhundert gegründete Kirche. Nach ihrer Nutzung als Kirche und als Loge der örtlichen Freimaurer seit Mitte des 20. Jahrhunderts kaufte sie das Kilkenny Borough Council im Jahr 2010 mit Unterstützung des Kilkenny County Council und des Department of Environment and Heritage und der örtlichen Verwaltung. Der Plan war, sie in ein Mittelaltermuseum zu konvertieren, welches zukünftig den Ausgangspunkt für die Medieval Mile, eine touristische Wanderroute entlang der vielen Monumente, über die Kilkenny als irische Hauptstadt aus dem Mittelalter noch immer verfügt, darstellen sollte.

 

Medieval Mile Museum

Das Medieval Mile Museum in Kilkenny enthält eine der bemerkenswertesten Sammlungen alter Grabplatten und mittelalterlicher Steinskulpturen der Renaissance in ganz Irland. Erbaut, beziehungsweise die St. Mary’s Church dazu umfunktioniert, haben es die McCullough Mulvin Architects aus Dublin. Es ist ein interessanter und ungewöhnlicher Beitrag eines sensiblen Bauens im Bestand unter Einbeziehung der Archäologie.

 

Das Gebäude ist eine in Kreuzform angelegte Steinstruktur aus dem 13. Jahrhundert, der Turm an seiner Westseite stammt aus einer späteren Zeit. Der Bau befindet sich in einem mit Mauern umgrenzten Friedhof auf der rechten Seite der High Street in Kilkenny. Der Friedhof mit seinen mit Efeu umrankten Gräbern und Denkmälern aus dem 13. Jahrhunderts wurde kürzlich auch für die Bevölkerung als Gartenbereich geöffnet. Die Planung des Museums, die Restaurierung des Baus sowie seine Erweiterung übernahmen und betreuten die McCullough Mulvin Architects aus Dublin. In Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz und Archäologen begannen sie 2010 einen langen Prozess der Grundlagenforschung und Überlegungen, der erst 2017 mit einer Bausumme von 64 Millionen Euro fertiggestellt wurde.

 

Die Kirche hatte ursprünglich eine Raumtiefe und Komplexität von Orten, Achsen und Elementen, die aber in späterer Zeit teilweise abgerissen und beseitigt wurden. Der Chor war zerstört und verschiedene Zu- und Einbauten errichtet, alles in einem eher unsensiblen Vorgang. Im Inneren hatte man Wände und Ebenen eingezogen, um den Raum als Kirche/Versammlungsort funktionieren zu lassen.

Das Konzept der Architekten sah nun vor, in dem zu errichtenden Museum einige der Interventionen aus der letzten Zeit zu erhalten, aber gleichzeitig die Komplexität und Raumtiefe des mittelalterlichen Ursprunges durch die Rekonstruktion des Nordschiffes und des Chors zu betonen. Dieser Vorgang sollte dabei die Fundamente der alten Mauern und deren Materialität – in einer nicht überdeckenden Art – als Ausgangsbasis benutzen. Die Architekten interpretierten die Fundstellen einfach neu. Der Raum des Chors  mit der offenen Stirnseite überblickt heute wieder die ganze Stadt, seine Wiedererrichtung stellt somit auch eine Dominante für die Stadtlandschaft dar. Der Bereich unter ihm wurde zur Krypta, welche durch einen teilweisen Glasboden betrachtet werden kann. Der neu errichtete Chor sowie ein zweiter Zubau an der Nordseite neben dem Turm wurden mit Satteldächern versehen, beide erhielten eine Eindeckung und Wandverkleidung aus Blei und sind somit eindeutig aber doch unauffällig als Neuzufügungen erkennbar. Der Chor führt damit auch optisch den Umriss der Kirche weiter.

Das mittelalterliche Gebäude benötigte einige Erweiterungen,  um die Kunstwerke in einer kontrollierten Umgebung zur Schau stellen zu können: Eine ist der schon erwähnte Zubau mit Satteldach. Er dient auch als Eingang in das Museum.

 

Das Projekt verbindet nun eine sensible Restaurierung mit zeitgemäßem Design in einer exemplarischen Qualität. Es war auch ein Experiment durch die Einbeziehung der Archäologie um die endgültigen, architektonischen Lösungen zu bestimmen. (Man entdeckte dabei zum Beispiel die ursprünglichen Bodenplatten der Säulen circa 80 Zentimeter unter dem derzeitigen Boden.) Der Chor ist ein bisschen in seiner Größe reduziert, die Schiffe bekamen wieder Achsen – dazu haben die Archäologen anhand der unterirdischen Fundamente die Angaben geliefert. Im Außenbereich fand die Archäologin Claire Walsh die Grundmauern des ursprünglichen mittelalterlichen Turmes, der im 19. Jahrhundert eingestürzt war.

 

Man hat eben auch neue Elemente, welche die räumliche Komplexität betonen und eine Folge von inneren Blickachsen schaffen, hinzugefügt. Diese Additionen sind aus Holz und aus dem Material Blei, weil dessen Weiche und Geschmeidigkeit sich wie eine zusätzliche Folie zum irischen Stein und dem grauen Himmel fügt. Die Architekten arbeiteten mit der Natur des Bauwerkes, fügten einen neuen Steinboden (Kilkenny-Stone) ein, reparierten Fehlstellen und ließen einen großen Bereich des hölzernen Dachstuhls als zentralen Fokus des Innenraumes offen. Mit ähnlicher Großzügigkeit sind auch die musealen Ausstellungstücke, Grabplatten und Kreuze vor komplett weißen Flächen inszeniert. Manche lehnen einfach nur an Brüstungen, andere sind auf gitterähnlichen Strukturen aufgehängt wie Bilder in einem Lager.

 

Das Team untersuchte alle Mauern auf Fresken und fand aber nur ein kleines Stück an einer Säule. Die Wandstrukturen wurden in den verschiedensten Bereichen genau analysiert, der Großteil des Verputzes in den unteren Ebenen war Gips und wurde entfernt, dabei entdeckte man Pfeiler, dekorierte Steine und vermauerte Fenster. So kam langsam die ganze, eindrucksvolle Majestätik des Raumes wieder zum Vorschein. Um diese zu unterstreichen, benutzte man die Archäologie als Ideengenerator und so entstand eine, in Irland bisher einzigartige Verbindung zwischen Alt und Neu, zwischen vergangener und neuer Architektur.

Medieval Mile Museum

Kilkenny, Irland

 

Bauherr: Kilkenny County Council

Planung: McCullough Mulvin Architects

Statik: O‘Connor Sutton Cronin

Grundstücksfläche: 654 m2

Bebaute Fläche: 654 m2

Planungsbeginn: 2010

Bauzeit: 18 Monate

Fertigstellung: 2017

Baukosten: 64,1 Millionen Euro

 

Medieval Mile Museum

Medieval Mile Museum

Medieval Mile Museum

Medieval Mile Museum

 

Text:©Peter Reischer

Fotos:©Christian Richters

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Kategorie: Projekte

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