Bauen (wie) in Entwicklungsländern

26. Juli 2017 Mehr

Die Bezeichnung „Entwicklungsland“ ist bereits von einem kolonialistischen (Selbst)Verständnis geprägt. Sie trägt den Gedanken eines Positionsdenkens in sich: Wir und die anderen, die nicht so gut sind und entwickelt werden müssen. Warum nicht den Prozess des Bauens in diesen Gegenden der Welt einmal andersherum betrachten und als ein Lernen von Entwicklungsländern sehen? Deshalb soll in diesem Artikel auf keinen Fall die westliche Exportarchitektur (als Bauen in Entwicklungsländern) behandelt werden. Vielmehr ist das Hauptaugenmerk auf ein Bauen im Kontext des jeweiligen soziokulturellen Umfeldes gerichtet.

Das Einfügen und Entwickeln von architektonischen Projekten in Ländern, die nicht mit einem westlichen Maßstab zu messen sind, hängt von einigen maßgeblichen Faktoren ab. Es ist, wie bereits erwähnt, immer eine Frage des Kontextes als auch der möglicherweise noch lebendigen Traditionen eines Bauhandwerkes. Außerdem spielt die Verfügbarkeit von Baumaterialien eine Rolle, sowie die klimatischen Bedingungen. Jene sind überhaupt maßgeblich, ist die Architektur doch von ihrem Ursprung her eine Kulturtechnik zur Bewältigung des Klimas. Sie ist eine „schutzgebende“ Kunst. Dieses Wissen ist in vielen Ländern bereits verloren gegangen. Zum Beispiel in Südafrika, wo die sogenannten „Shacks“, Wellblechhütten in denen die Bewohner der Townships leben, neben aus Lehm errichteten Hühnerställen stehen: Slumarchitektur neben traditioneller ökologischer Bauweise.

Natürlichkeit statt Beton
Die Stichworte Baumaterialien und Lehm sind bereits gefallen. Eine Architektin, die durch hervorragende aber bescheidene Projekte in Bangladesh, Marokko, Zimbawe und auch Österreich auffällt, ist Anna Heringer. Ihre bevorzugten Materialien sind Lehm, Stein und Holz oder Bambus. Mit einem kongenialen Partner, dem Vorarlberger Lehmbauspezialisten Martin Rauch, hat sie in Baoxi in China eine Jugendherberge aus Bambus, Steinen und Lehm errichtet. (In Anbetracht der Tatsache, dass China von 2011 – 2014 mehr Zement verbraucht hat als die USA im ganzen Jahrhundert, ist eine Ökologisierung des Bauens zur CO2 Vermeidung in diesem Land eine Notwendigkeit.) Die drei Baukörper in Baoxi zeigen, dass traditionelle, natürliche Materialien durchaus in einer zeitgemäßen Architektur verwendet werden können. Im Gegensatz zu vielen Bauten, bei denen der Lehm hinter einer Scheinfassade verborgen wird, zelebriert man hier die Natürlichkeit und Schönheit des Materials. Die architektonischen Formen sind von den traditionellen Keramikgefäßen aus Baoxi inspiriert.

Das Projekt war Teil der Longquan International Biennale, bei der mit Bambus gebaut werden sollte. Zwölf Architekten waren eingeladen, bleibende Strukturen zu errichten. Das Studio Heringer sollte zwei Jugendherbergen und ein Gästehaus bauen. Die Struktur der Herbergen ist in ihrem Kern aus Steinen und gestampfter Erde/Lehm. Hier befinden sich die Stiegen und die Nasszellen. Außen angehängt sind Schlafeinheiten. Letztere sind wie chinesische Lampions konstruiert, die in der Nacht leuchten. Als Außenhaut des Gesamten findet man eine expressive Struktur aus geflochtenem Bambus.

Das Energiesystem beruht hier auf unmittelbaren, „archaischen“ Energiequellen wie Sonne und Feuer. Beschattung und Pflanzen minimieren die zu klimatisierenden Bereiche. Statt Geld und Energie zu verwenden, um das gesamte Volumen der Herberge zu klimatisieren, wird nur der Kern thermisch kontrolliert, der die Waschräume und die Schlafkokons beherbergt. Sie sind regensicher und haben Heiz- und Kühlmöglichkeiten auf einem technisch sehr niedrigen Niveau. Ein Ofen erwärmt – unterstützt von Solarzellen – das Warmwasser für die Duschen, gleichzeitig entsteht so durch das Feuer eine kommunikative Atmosphäre in den Gemeinschaftsräumen.

Heringer meint, dass unser Denken generell Nachhaltigkeit mit der Verknappung der Ressourcen in Verbindung bringt. Aber der Grundgedanke der Natur beruht nicht auf Limitierung. Die Baumaterialien, wie Bambus und Lehm, gibt es im Überfluss und es macht sowohl in ökonomischer wie auch in ökologischer Hinsicht durchaus Sinn, sich ihrer zu bedienen. So sieht sie ihre Bauten als ein Statement, dass Nachhaltigkeit Lebensqualität bedeutet und aus den immensen natürlichen Ressourcen entstehen kann und sollte.
Natürlich sind die Techniken des Bambusflechtens und der gestampften Erde zeit- und arbeitsintensiv. Sie sind eine Herausforderung für die örtlichen Arbeitskräfte und lassen aber gleichzeitig den größten Teil des Profits in der Gemeinschaft.

 

 

TOIGETATION
Eines der Jahrhundertziele der UNO ist die Versorgung aller Menschen mit Trinkwasser, WCs und Wasch­gelegenheiten. Das Erreichen dieser Ziele wird als Menschenrecht betrachtet. In Vietnam haben 88 % der Schulen keine ausreichend sauberen Toiletten für die Kinder. Ein Viertel haben überhaupt keine WCs. Gesponsert von UNICEF Vietnam haben die H&P Architects das Projekt Toigetation (eine Wortkreation aus Toilet + Washing + Vegetation) ins Leben gerufen. Die zwei Bauprojekte in der Son Lap School mit ihren 485 Schülern beruhen auf drei Kriterien: eine schnelle Konstruktion, geringe Kosten und eine breite, allgemeine Zugänglichkeit.
Bei beiden bedecken Pflanzen und Kräuter die Außenwände, spenden Schatten, geben Sichtschutz, regeln auch die Ventilation und geben Nahrung. Verwendete Materialien waren Bambus, Ziegel und gebrauchte Kanalrohre. Beide sind komplett natürlich belüftet und belichtet, zusätzlich verwendete man Solarpaneele zur Energieerzeugung und spart Brauch- und Fließwasser. Die Menschen sollen durch dieses Projekt angeleitet werden, in Eigenregie weitere Toigetation-Projekte zu errichten. Mit nur 3.000 USD lassen sich so Waschanlagen und WCs in Gebieten, die abseits jeder Infrastruktur liegen, realisieren.

 

Ein schnelles Projekt
Auf den Galapagos Inseln errichtete das „The Scarcity and Creativity Studio“ (SCS) innerhalb von zwei Wochen einen schattenspendenden Unterstand mit öffentlichen Duschen am Strand von Playa Man. Eigentlich hätte ein ganz anderes Projekt realisiert werden sollen, aber dieses wurde kurzzeitig abgesagt. Und da die Finanzierung des ursprünglichen Vorhabens bereits organisiert und auch das Baumaterial bereits gekauft und bezahlt war, beschlossen die Architekten, diese Verbesserung der Strandumgebung zu realisieren. Bambus wächst vor Ort und kann nach bereits vier Jahren als Baumaterial benutzt werden. Und obwohl es auf den Galapagos Inseln als das Material der armen Leute betrachtet wird, war das SCS-Team überrascht, wie viele Menschen in den Bambus ihre Hoffnung in ein nachhaltiges, starkes Baumaterial legten.

 

Bambusbrücke
Mit nur 10.000 Euro haben „Architecture Sans Frontières Indonesia“ in Solo, Java, eine Brücke erbaut. Aus Bambus natürlich! Sie überspannt einen Kanal vor einer alten Festung mit einer Weite von 18 Meter, die Gehbreite der Fußgängerbrücke variiert zwischen 1,8 und 2,3 Meter. Ausgebildete Zimmerleute aus Yogyakarta haben das Projekt in nur drei Monaten erledigt – es ist die erste Brücke aus Bambus in Indonesien und die Bevölkerung der Stadt Solo hat sich bereit erklärt, für den Schutz und die Pflege der Konstruktion zu sorgen. Bambus soll hier als vielversprechendes Baumaterial der Zukunft gezeigt werden.

 

Technik, Tradition und Design
Das italienische Büro Luca Poian hat für das „Camboo-Festival“ – das internationale Bambus Festival in Kambodscha, Phnom Penh – einen Pavillon entworfen. Er ist fast ausschließlich aus Bambus, integriert in seiner Konstruktion die in der Tradition tief verwurzelten, örtlichen Konstruktionsmethoden des Handwerkes und der Kultur und experimentiert mit den technischen und mechanischen Möglichkeiten des Materials. Das Resultat ist eine faszinierende Mischung aus Technik und Design, die keine einzige zufällige Komponente enthält. Die Form beruht auf der sogenannten Enneper-Minimalfläche, eine mathematische Kurve der 9. Ordnung. Die Struktur berührt nur an vier Punkten den Boden und ist selbsttragend, obwohl sie den Anschein hat – aufgrund der Spannung der Bambusstäbe – jeden Moment auseinander platzen zu müssen.

 

Transparente Hülle
Im April 2016 fand in Saigon, Vietnam, eine Architekturausstellung in einem temporären Pavillon statt, der nur aus Bambus und Poonah-Papier (Reispapier) bestand. Das a21studio war für diese luftige und attraktive Konstruktion verantwortlich. Als Resultat einer Zusammenarbeit mit Architekturstudenten war die Form der Architektur von den Kokons der Insekten inspiriert. Der Grundriss maß 9 x 18 Meter, auf denen sieben lokale Firmen ausgestellt waren. 800 Bambusstäbe und 1.200 Blatt Reispapier waren notwendig, um die Hülle zu fertigen. Das Papier war in der Art von Pappmaché-Arbeiten auf die Tragstruktur aufgeklebt und bedeckte die Innen- und Außenseite. Diese Klebetechnik wird von Generation zu Generation von Künstlern weitergegeben und hat bis in die heutige Zeit überlebt.

 

Bambuskunst
Ebenfalls eine Verbindung von Hightech und traditionellem Handwerk stellt die Installation „Recon­struction of the Universe“ des chinesischen Künstlers Sun Xun während der Miami Art Week dar. Sie wurde von der MA3 Agency produziert. Eine Demonstration von Architektur aus einem billigen, aber nachhaltigen Material in einem hochtechnisierten, westlichen Land. Ein Dach in einer Sinuskurvenform aus 1.300 Bambusstäben reckt sich über einer – leicht vom Erdboden angehobenen und zum Ozean orientierten – Plattform in die Höhe. Sie bildet einen Schutz über dem Ausstellungsbereich. In der Nacht ist die Bambusstruktur beleuchtet und bietet einen Leuchtturmeffekt für die Strandzone.

 

Text: ©Peter Reischer

Fotos: ©Studio Anna Heringer, Jenny Ji

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Kategorie: Projekte

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