Die „köstliche Leiche“ – Miami Museum Garage

3. Oktober 2018 Mehr

Miami Museum Garage / Miami / Terence Riley

Ein Gebäude, eine Architektur, die eigentlich nicht einmal eine Fassade benötigt – ist die Garage. Das Auto, unser liebstes Kind, bekommt zwar einen eigenen Raum, meist größer als ein wirkliches Kinderzimmer, aber die Außenseiten dieser Behausung bleiben oft unbehandelt. Für das Projekt der Miami Museum Garage kommissionierte der Design-District-Entwickler Craig Robins 2015 den Architekten Terence Riley und dessen Büro mit der Konzepterstellung. Dieser lud die Künstler und Architekten Nicolas Buffe, Clavel Arquitectos, Jürgen Mayer H. und WORKac ein, zusammen mit dem Architekturbüro die Fassaden dieses Parkhauses für 800 Kraftfahrzeuge zu entwickeln. Der Entwurf dazu entstand nach dem Prinzip des „Cadavre Exquis“ (deutsch: vorzügliche oder köstliche Leiche). Damit bezeichnet man eine im Surrealismus entwickelte spielerische Methode, dem Zufall bei der Entstehung von Texten und Bildern Raum zu geben.

 

Miami Museum Garage

Dass Garagen nicht tote Zonen in der urbanen Umgebung sein müssen, beweist ein Projekt in Miami, USA. Hier haben fünf Künstler und Architekten ein siebengeschossiges Parkhaus nach dem Prinzip des „Cadavre Exquis“ mit einer Fassade gestaltet. Alle Arbeiten gehen ineinander über und zusammen bilden sie einen interessanten Mehrwert für den öffentlichen Raum.

 

Jedem der Beteiligten wurde eine Seite oder eine Fläche des rechteckigen Gebäudes zugewiesen. Damit hatten sie sozusagen die dünnst mögliche Stelle einer Architektur, nämlich nur eine Ebene zur Verfügung. Der Vorschlag, eine tiefst mögliche programmatische Ausdehnung zu finden, um eine vertikale Fläche für den öffentlichen Raum zu gestalten, hat verblüffende Resultate gebracht. Ein architektonisches Objekt, das üblicherweise nur vom Boden her betrachtet wird, nämlich eine mehrstöckige Garage in der Stadt, erhielt durch ihr Design eine Oberfläche, welche wiederum anregt, die Architektur von innen zu erkunden. Das Resultat ist, dass eine Struktur der Alltagsrealität, des Autoparkens oder des „Daran-vorbei-gehens“, plötzlich die Gelegenheit bietet, eine unerwartete soziale Interaktion, Nachhaltigkeit, Kunst, Musik und Stadtlandschaft zu erleben.

An der Ecke NE 1st Avenue and NE 41 Street im Miami Design District beginnt das Konzept von WORKac. Der Titel dieser Arbeit ist „Ant Farm“ (Ameisenhaufen). Sie zelebriert einen ameisenähnlichen Bau, der sich in einer Ausdehnung von nur wenig mehr als einem Meter vor der Fassade des Design-District-Entwickler Parkhauses abspielt. Wie in einer Ameisenkolonie wird die menschliche Aktivität miniaturhaft dargestellt. Die zwischen dem Bau und der Außenhaut entstandenen nutzbaren Räume sind mit einer Serie von Tunnelsystemen verbunden, diese erinnern wieder an den Ameisenbau und so wird das geschäftige Treiben in der Architektur an der Fassade abgebildet. Innen kehrt sich nach außen: Garten, Bücherei, Kunstraum und Spielbereich, Kabinen für einen Autowäscher, Box für einen DJ – alles ist hinter (oder in) der Fassade zu finden. Die Räume sind mittels Leitern, Stiegen und Gängen zu erreichen. Ein Wasserreservoir am Dach sammelt Regenwasser und leitet es über ein Rohrsystem zur Bewässerung in die Gärten. Ein perforiertes Metallgewebe bietet Schatten und schützt die Zwischenräume vor Wind, Wetter und vor der Höhenangst und die Tunnels geben der Fläche Tiefe und Kontraste. Der vertikale öffentliche Raum reicht bei dem Projekt bis zum Erdgeschoss, dort sind Sitzbänke, eine öffentliche Toilette und eine Ladestation für Handys untergebracht. Und da auf den sonnenbestrahlten Dachflächen in Miami relativ wenig Autos abgestellt werden, hat WORKac dort ein schmales Auditorium samt einem „Strand“ geschaffen.
J.MAYER.H.´s Fassade hat den Titel XOX (Hugs and Kisses), sie erscheint wie ein gigantisches, verschränktes Puzzle mit Formen, wie man sie vom deutschen Architekten aus diversen seiner Projekte bereits kennt. Es schließt an der Ecke 41st Street an die soeben beschriebene Arbeit von WORKac an. Die enigmatischen Formen sind mit Streifen und bunten Farben geschmückt, ein bisschen an die amerikanische Pop Art erinnernd. Auch wie Erinnerungen eines automotiven Designs schweben sie über dem Gehsteig an der Wand. Kleinere, mit Metallplatten verziert, ragen etwas heraus und sind in der Nacht beleuchtet.

 

Museum Garage Miami

Erstaunliche Räume tun sich hinter der Fassade und noch vor dem eigentlichen Parkhaus auf.

 

Der nächste Bereich, entlang der 41st Street dient als Ein- und Ausfahrt, hier findet man das Werk von Nicolas Buffe – einem französischen Künstler, der in Japan lebt. Es ist auf einem eher dunklen Metallhintergrund konstruiert. Die Gestaltung besteht aus einer Vielzahl von 2D- und 3D-Elementen, mittels Laser aus Metall und Kunstharz geschnitten. Auf der Straßenebene sind vier in 3D geformte Karyatiden, welche seitlich der Ein- und Ausgänge positioniert sind, zu sehen. So wie diese reflektieren auch die Formen darüber die Kindheitserinnerungen und die Vorliebe Buffe´s für Mangas. Das Resultat ist eine verblüffende Mischung von Anime, Tokusatu und Manga, zusammen mit dem Faible des Künstlers für Barock- und Rokokoarchitektur.
Der nächste Bereich wurde von dem spanischen Architekturbüro Clavel Arquitectos gestaltet: „Traffic Jam“. Sie referiert auf den Prozess der Wiederbelebung alter Strukturen in einer neuen Funktion. 45 schwerelos an der Fassade hängende, in gold und silber gefärbte Autosilhouetten, durchwegs bekannte Automarken, ergeben einen surrealen, vertikalen Verkehrsstau an der Fassade.
Noch etwas weiter westlich in der 41st Street findet man, genau gegenüber des Institute of Contemporary Art, die Arbeit „Barricades“ vom in New York und Miami ansässigen Studi K/R. Sie artikulieren Miamis Verkehrslandschaft. Speziell die in Miami allgegenwärtigen orange-weiß-gestreiften Verkehrsabsperrungen. In diesem Fall sind die Barrieren vertikal gestellt und bilden einen grell farbigen Schild. Die Fassade besitzt 15 „Fenster“, gerahmt von verspiegeltem Stahl – hier brechen jeweils Betontröge für Bepflanzungen heraus und ragen über das Trottoir.

 

 

Miami Museum Garage
Miami, USA

Bauherr: Dacra
Planung: Terence Riley
Statik: Zahner

Planungsbeginn: 2015
Bauzeit: 2 Jahre
Fertigstellung: 2018

 

Museum Garage PLAN

 

Fotos:©ImagenSubliminal

Text:©Peter Reischer

 

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Kategorie: Projekte