Die Verlassenheit von Weihai – Rocknave Teahouse

12. September 2019 Mehr

Rocknave Teahouse / Weihai, Shandong / Trace Architecture Office (TAO)

Die Verlassenheitvon Weihai

Für einen Moment scheint die Zeit im Tashan Park stillzustehen. Die endlosen Betonblöcke der nahe gelegenen Stadt Weihai rücken in die Ferne, der Fokus richtet sich ganz auf die nahezu unberührt scheinende Naturlandschaft im Hier und Jetzt. Die fruchtbare Erde leuchtet in der warmen Sommersonne in den verschiedensten Rottönen und bildet zu dem satten Grün der Baumwipfel einen herrlichen Kontrast. Erst bei näherem Hinsehen nimmt die Mischung aus Farben und Texturen eine erkennbare Gestalt an und vor der Kulisse einer mächtigen Steinwand lädt eine Plattform aus rostrotem Cortenstahl zum unbeschwerten Verweilen ein.

 

Rocknave Teahouse Weihai

Das Rocknave Teahouse lädt Besucher des in der chinesischen Provinz Shandong gelegenen Tashan Parks zum Verweilen ein. In einem ehemaligen Steinbruch schufen TAO (trace architecture office) ein zurückhaltendes Bauwerk, das nicht nur den Stein aus der unmittelbaren Umgebung als authentisches Gestaltungsmittel in Szene setzt, sondern auch in seinen Raumstrukturen auf die Naturlandschaft reagiert.

 

Das eigentliche Funktionsgebäude liegt sozusagen eine Etage tiefer. Das in Peking ansässige Architekturbüro Trace Architecture Office (TAO) steht für die Architektursprache eines sich entwickelnden Organismus, der nicht nur ein formales Objekt, sondern ein untrennbares Ganzes mit seiner Umwelt darstellt. Folgerichtig haben die Architekten ihre Interpretation eines Teehauses bewusst an die bestehende Topografie angepasst. Während die Aussichtsplattform vom Weg aus ebenerdig über einen Steg erschlossen wird, führen mehrere natürliche Steintreppenstufen hinab ins Innere des Pavillons. Teehaus, WC-Anlage und Lounge sind für die Besucher des im Nordosten Chinas gelegenen Naturlandschaftsparks öffentlich zugänglich.

Die besondere Kulisse des Bauplatzes rührt von einem ehemaligen Steinbruch aus den 1970er und 80er Jahren her. Die Gegend wird in China als „Shiwozi“ bezeichnet und die lokale Regierung der Provinz Shandong machte es sich zur Aufgabe, derartige verlassene Felsformationen zu Parks und Naherholungsgebieten für die Bevölkerung umzugestalten. Die Planer von TAO erkannten von Anfang an die einmaligen Möglichkeiten, an dieser Stelle mit der Naturlandschaft und den vorhandenen Materialien zu interagieren. Es ging den Architekten vielmehr darum einen Ort zu bewahren, als ein Gebäude zu errichten. Einen Ort der „Verlassenheit“, den sich die Natur vom Menschen langsam wieder zurückerobert hat. „Verlassen zu sein ist in der Tat ein primitiver und künstlerischer Zustand, der von der Natur geprägt ist und nicht durch künstliche Werke ersetzt werden kann”, beschreiben die Architekten das Wesen ihres Entwurfsgedankens.

Baulich spiegelt sich das in der Positionierung des Gebäudes wider: Das relativ flache Gelände in der südwestlichen Ecke der ausgewiesenen Baufläche schien den Architekten bestens geeignet, um größere Eingriffe in die Landschaft zu vermeiden. Die Raumfolge hingegen ergab sich aus der Horizontalen, entwickelt ganz natürlich aus den bestehenden Felsen und dem Baumbestand, der unbedingt erhalten werden sollte. In der Vertikalen hatte die Topo­grafie des Geländes ein optisches Absenken des Teehauses zur Folge, das nun verborgen zwischen rauen Felswänden liegt und dessen Dach als Aussichtsdeck dient, welches direkt vom Spazierweg begehbar ist.

Aufgrund der Anforderungen einer minimalinvasiven Bauweise wurde die Konstruktion als leichter Stahlbau aus vorgefertigten Elementen errichtet. Alle tragenden Strukturen sind in sechs soliden Baukörpern verborgen, sie bergen alle Funktionsbereiche wie WC-Anlagen, Technik, Ruheraum. So gibt es keine sichtbaren Stützen, was wiederum die Wand zum bestimmenden Element im Raum erklärt. Als Referenz an die Umgebung, die Geschichte und aus Respekt für Ressourcen wurde für die Gestaltung der Wände und Böden der Stein verwendet, der direkt aus dem hiesigen Steinbruch stammt. Sämtliche Fenster und Türen lassen sich in Form von Schiebeelementen unsichtbar in den Boxen versenken. So entsteht eine offene und durchlässige Raumfolge, welche die Grenzen zwischen Innen und Außen, Natur und Gebautem, verschwimmen lässt. Die schützenden, rauen Steinwände scheinen auch vom Innenraum zum Greifen nah und vermitteln einen höhlenartigen, fast archetypischen Charakter.

Zwei Innenhöfe zum Schutz bestehender Bäume verstärken dieses Gefühl des Eins-Seins mit der Natur noch. Gewohnte Denkmuster werden durchbrochen, der Rhythmus des Wechsels von Innen- und Außenräumen konzentriert. In seiner Reduktion steht das Teehaus von TAO für eine moderne chinesische Architektursprache.
Die Kultur des Teehauses an sich kann im asiatischen Raum auf eine lange historische Tradition zurückblicken. In China im 20. Jahrhundert aus politischen Gründen ausgebremst, erwacht dieses kulturelle Erbe langsam wieder zu neuem Leben. Das Rocknave Teahouse stellt in seiner Formensprache eine Besonderheit der Teehausarchitektur dar, die in China – im Gegensatz zu Japan – zumeist üppig verziert zu finden ist. TAO hingegen konzentrieren sich ganz auf die Natur, auf die Geschichte, eben jene Verlassenheit des Ortes und verstärken diese Wirkung noch durch den reduzierten Einsatz von Oberflächen (Cortenstahl, Stein und Holz) und Strukturen. Im gleichen Maße stellt die Materialwahl eine direkte und greifbare Beziehung zur Umgebung dar, die Grenzen zwischen Gebautem und Landschaft verschwimmen: Das verrostete Stahldach fügt sich mit seinen schimmernden Rottönen nahtlos in die leuchtende Erdlandschaft ein, das Holz der Fensterrahmen nimmt Bezug auf die umgebende Bewaldung und der Stein könnte an eben jenen Stellen schon immer genau so als trutzige Felswand gestanden haben.

Während im Inneren des Teehauses geborgene Rückzugsräume gerahmt von massiven Steinwänden und eindrucksvollen Blickwinkeln in den archaischen Steinbruch Schwere und Erdung suggerieren, vermittelt der Anblick aus der Ferne eine gewisse Leichtigkeit. Die klaren horizontalen Linien des Daches verweben sich mit den grazilen Vertikalen des Waldes. Der massive tragende Sockel tritt aufgrund seiner topografischen Lage optisch zurück, das Dach hingegen erscheint nahezu schwebend, wie eine an Fäden aufgehängte Plattform inmitten des Waldes. Das an sich schwere Material Stahl wird so zu einem gewissen Grad entmaterialisiert und das Gebäude erhält eine Leichtigkeit. Dieser Eindruck verstärkt sich noch beim Betreten der Plattform. Wie auf einem fliegenden Deck eröffnet sich urplötzlich ein atemberaubender Blick auf die menschengemachte massive Felswand inmitten der Waldlandschaft des Tashan Parks. Für die nötige Bodenhaftung bei einem solchen Anblick sorgen die Baumwipfel, die durch die Innenhöfe grazil nach oben wachsen und das Aussichtsdeck in Balance halten.

Ein Ort der Verlassenheit ist auch immer ein Ort der Zeitreise. Schließlich bedeutet verlassen zu sein, dass einmal etwas da war. Mit diesem Gedanken im Kopf erscheint der rostrot verwitterte Cortenstahl plötzlich nicht mehr nur als Reminiszenz an die natürliche Umgebung, sondern auch an die Vergänglichkeit oder die Veränderung unserer Umgebung. Genauso wie sich die Palisaden vor Ort nach jahrelanger Winderosion braunrot verfärbt haben, so hat sich die Oberfläche des Decks im Laufe der Zeit verändert. Aber nicht nur die äußeren Schichten durchleben im Laufe der Jahre und Jahrzehnte einen Wandel, auch Orte selbst verändern und entwickeln sich. Und das nicht unbedingt gegen, sondern vielmehr im Einklang mit der Natur. Ein besonders gelungenes Beispiel dafür stellt das Teehaus in Weihai dar, in seiner ganzen Schlichtheit und dabei umso größeren Ausdrucksstärke. TAO geht es eben immer um die Essenz des Ortes, welche die Architektur unter Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten tief in ihrem kulturellen und ökologischen Kontext verankern soll.

 

 

Rocknave Teahouse
Weihai, Shandong, China

Bauherr: Weihai Bureau of Landscape and Forestry
Planung: Trace Architecture Office (TAO)
Mitarbeiter: Hua Li, Jiang Nan, Liang Wenyu, Lai Erxun

Grundstücksfläche: 202 m2
Bebaute Fläche: 141 m2
Planungsbeginn: 2012 – 2013
Bauzeit: 2014 – 2015
Fertigstellung: 2015

 

Rocknave Plan

 

Fotos:©Lua Li

Text:©Linda Pezzei

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Kategorie: Projekte

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