Ein Faden, der verbindet! – Zentrum „Thread“ in Senegal

7. Oktober 2017 Mehr

Thread / Sinthian / Toshiko Mori

Wenn in Europa bzw. im „Westen“ über Probleme wie Wasserknappheit, Hitzewellen, schlecht funktionierende Bahn- oder Busverbindungen oder kaputte Handys geklagt wird, so ist das ein Jammern auf höchster Luxusebene. In vielen Ländern Afrikas und Asiens sind diese Probleme jedoch alltäglicher, existentieller Natur. Vielleicht sollte man deshalb etwas mehr Aufmerksamkeit auf das Leben und die Architektur dieser Gegenden richten.

 

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Das tat jedenfalls der japanische Architekt Toshiko Mori bei dem Bau eines soziokulturellen Zentrums in einer der ärmsten Gegenden der Welt – in Tambacounda, Senegal. In dem Ort Sinthian, 700 Kilometer von der Hauptstadt Dakar entfernt, hat er mit Unterstützung der „Josef and Anni Albers Foundation“ und der „American Friends of Le Korsa“ eine Architektur entworfen und errichtet, die auf den ersten Blick etwas fremd, fast utopisch in diesem Buschland wirkt. „Thread“, so der Name, ist ein Gebäude, das zwei Wohnungen für „Artists in Residence“ beherbergt, gleichzeitig ist es auch ein landwirtschaftliches Zentrum für Sinthian und die umliegenden Dörfer sowie ein Treffpunkt für die lokale Gemeinschaft, um deren wirtschaftliche Stabilität zu stärken.

Architekt Mori ließ sich beim Entwurf von den senegalesischen Gebäudetypologien inspirieren. Vor Ort vorhandene Materialien und die Fähigkeiten der lokalen Arbeiter sind erfolgreich in den Bau eingebunden worden. Diese Herangehensweise hat und wird den Erhalt der Natur und der Natürlichkeit unterstützen. Auch bewirkt sie in der Gemeinschaft der Dorfbewohner einen Zusammenhalt und das Gefühl, Eigentümer zu sein. Das wiederum verhindert, dass Thread als fremde, importierte Konstruktion gesehen und empfunden wird. Die Planer benutzten, zusätzlich zu den traditionellen Baumethoden, eine hochgradig entwickelte Technologie und digital-analytische Werkzeuge für die Formfindung. Man entwickelte eine als sehr „sophisticated“ empfundende Oberflächengeometrie für das Dach. Das bambusgedeckte Dach hat eine größere und stärkere Ausladung als der „footprint“ des Gebäudes. Er besteht aus einer Sequenz von Neigungen, die ein optimales Abfließen von Regenwasser ermöglichen. Dieses wird dann in einer Serie von überdeckten Kanälen gesammelt und in zwei Zisternen geleitet. Die Kanäle sind zwischen 30 und 120 cm tief, die Reservoirs haben eine Maximaltiefe von 2,4 Meter. Durch die Dächer wird so viel Regenwasser gesammelt und in Zisternen gespeichert, dass damit 40 Prozent des Jahresbedarfs des Dorfes während der acht Monate Trockenheit gedeckt sind.

Es wurden ausschließlich Baustoffe aus der nächsten Umgebung verwendet. Die Ziegel für den Bau sind vor Ort hergestellt und traditionell luftgetrocknet. Das ist die landesübliche Methode, um Wände zu errichten. Durch Öffnungen kann die Luft zirkulieren und der Wind in die Innenräume gelangen. Die dicken Wände absorbieren auch die Hitze des Tages und schützen so die Innenräume. Gleichzeitig wird auch der Sand, den der Wind mit sich trägt, draußen gehalten.
Alle Öffnungen im Grundriss sind nach der herrschenden Windrichtung und dem Sonnenstand orientiert, um die Ventilation zu unterstützen. Zusätzlich zu den Lehmziegeln wurde Bambus als strukturgebendes Material verwendet. Seine starken Fasern und die Hohlform bringen die Flexibilität und Tragkraft, welche für die Dachmembran notwendig war. Die großen Überstände des Daches sorgen für den klimatischen Komfort.
Die parametrische Transformation des traditionellen, hochgezogenen Daches wird durch den Prozess der Inversion erreicht. Das Dach schwebt sozusagen über der betonierten, mit keramischen Scherben verzierten, organisch geformten Grundfläche. Unter ihm ist eine Serie von Höfen in den Grundriss eingeschrieben, gleichzeitig entstehen schattige Studios rund um den Umriss dieser Höfe. Die Umkehrung des Daches schafft eine effektive Strategie für die Sammlung und Speicherung des Regenwassers. Mit einer Gesamtfläche von 1.050 m2 bietet das Projekt Platz für die wichtigsten häuslichen und landwirtschaftlichen Bedürfnisse der Gemeinschaft.

Die Aufgaben dieses Zentrums in Senegal sind geteilt: Künstler sollen mit Materialien arbeiten, die in dieser wenig besuchten Gegend der Welt vorhanden sind und so durch die Kunst eine Verbindung zwischen dem ländlichen Gebiet und der Welt herstellen. Daneben bietet sich Thread als Platz für Märkte, Veranstaltungen, Performances und Events an.
Die örtliche Bevölkerung hat die Programmgestaltung des Zentrums bereits übernommen. Es wirkt als Kulturzentrum, gemeinschaftlicher Landwirtschaftsbetrieb, Wasserspeicher, Galerie, örtliche Bibliothek, Kinderspielplatz und als Ladestation für die Handys der Bevölkerung. Es gliedert sich in die bereits bestehenden infrastrukturellen Projekte – Klinik, Kindergarten, Landwirtschaftsschule – des Ortes ein, schafft eine Stabilität und einen öffentlichen Platz in der Gemeinschaft dieser zwölf, in der Region von Tambacounda verstreut lebenden, unterschiedlichen Volksstämme. Die Architektur wiederum zeigt eine ikonische Silhouette in dieser weiten, flachen Steppe. In der Nacht wirkt die gemauerte und von Lichtern erhellte Plattform von Thread wie eine leuchtende Insel in einem Meer aus Dunkelheit.

 

 

Thread, Artists‘ Residence and Cultural Center
Sinthian, Senegal

Bauherr:            Josef and Anni Albers Foundation
Planung:            Toshiko Mori Architect
Statik:                 Dr. Magueye Ba

Grundstücksfläche:   1.050 m2
Planungsbeginn:        2013
Bauzeit:                        2014 – 2015
Fertigstellung:            2015
Baukosten:                  190.800 Euro

 

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Fotos: ©Iwan Baan

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