Ein Innenhof als Klimamaschine – Social Housing

29. Mai 2019 Mehr

Social Housing at Can Batlló / Barcelona / Espinet/Ubach

Social Housing

Social Housing

 

Der zentrale Innenhof, der von Studio Espinet/Ubach entworfenen Wohnanlage in der Nähe der alten Textilfabrik Can Batlló in Barcelona, ist nicht nur der Kommunikationspunkt und das lebende Epizentrum für die Bewohner. Er reguliert auch – als zentrales Element – die Temperatur der aus 26 Sozialwohnungen bestehenden Architektur.

Das Bauwerk ist das Ergebnis eines Wettbewerbes, der von den Architekten des Studios gewonnen wurde. Auf einer Restfläche neben der ehemaligen Textilfabrik gelegen, richten sich drei seiner Seiten in die urbane Landschaft. Ein schmaler Weg führt am Gebäude vorbei in einen nahen Park. Die Bedingungen des Wettbewerbes mit dem Titel „Opening Roads“ erlaubten eine unterschiedliche Höhenstaffelung in Abstimmung mit den örtlichen Bauvorschriften und Gesetzen. Und so konzentrierten sich die Architekten auf die möglichen Qualitäten eines inneren Hofes, und zwar nicht nur als Belichtungs- und Belüftungsinstrument, sondern auch als ein verbindendes Element der verschiedenen Baukörper. Der Hof arbeitet wie eine Klimamaschine und hat positive Wirkungen auf die bioklimatischen Bedingungen.

Das Funktionsprogramm der Architektur interpretiert das interne Layout des Gebäudes neu. Ein Kranz von Servicebereichen erstreckt sich um den Hof herum, wie eine innere Krone und die flexiblen Wohnbereiche liegen an der äußeren Seite des Baus, an der Fassade. Die Haut der Architektur passt sich auf jeder Seite an die Fassade an. Das Ergebnis sind subtile Brüche in den Ansichten, eine Nichtorthogonalität, der Anordnung der inneren Wandteilungen folgend.

Der Hof ist mehr als ein Verbindungsweg zu den einzelnen Wohneinheiten, mehr als eine Passage. Er wird zu einem Auge, das sich gegen den Himmel öffnet, Tag und Nacht, Winter und Sommer das Licht „ansaugt“. Er ist mehr als die Verbindung, der Kanal zum Umraum, er scheidet unerwünschte atmosphärische Bedingungen aufgrund des ständig von ihm generierten Luftzuges aus. Er wirkt wie ein Kamin. Die durch Sonneneintrag erzeugte Hitze wird in einem ständigen Austausch mit der kühleren Umgebungsluft ohne zusätzliche Energiezufuhr ausgetauscht. Er ist aber auch ein Ort für soziale Aktivitäten und optische Stimulation. Seine Begrenzungen, die als Licht- und Schattenfilter wirken, sind aus galvanisierten Metallplatten, die senkrecht zu der Linie der Geländer angebracht sind. Sie wirken wie ein Vorgang, anregend, schützend, begrenzend und immer durchlässig. Im ersten Stock ruht der Hofboden auf dem Erdreich und erlaubt in einer kreisrunden Öffnung eine Bepflanzung, die auch zum Bioklima im Inneren beiträgt und das Regenwasser auffängt.

Das Gebäude hat eine deutliche Präsenz auf der Straßenebene. Ein Windfang schützt den Eingang zur Garage und vergrößert auch den Bereich für den Zugang der Besucher zum Can Batlló Park. Auch die Fassadengestaltungen verdeutlichen diese Absicht: Auf einem Sockel aus geriffelten, dunklen Stahlteilen scheint der helle, weiße Körper mit seinen vertikalen Teilungen und Linien fast zu schweben. Die schmalen, bis auf wenige Zentimeter raumhohen Öffnungen in den Wohneinheiten sind außen mit schmalen Sonnen- und Sichtschutzblenden aus Aluminium versehen, jeweils ein, zwei oder drei Module pro Fenster. In ihrer Form und Richtung bilden sie ein starkes vertikales Element.

Der chromatische Kontrast der Außenseiten ist auch im Inneren bemerkbar: Kräftige Farben und große weiße Zahlen markieren die Eingangstüren zu den Wohnungen. In den Wohnungen findet man die für Spanien so typischen Zementfliesen mit ihrer geometrischen Formgebung an den Böden.

Den Zutritt über den Windfang bestimmt eine Eingangshalle, in der die Verbindungswege, die Räume für das Service, Aufzüge und das geschützte Stiegenhaus situiert sind. Man gelangt direkt in den Hof, über den die Verteilung zu den einzelnen Wohnungen erfolgt. Die Architekten haben sechs Wohnungen pro Geschoss untergebracht, alle Zimmer außer der Waschküche haben eine natürliche Belichtung und Belüftung. Die Grundrisse der Wohnungen sind praktisch ident – jeweils zwei oder drei Schlafzimmer, eine Kochnische im Wohnbereich und Nebenräume. Im fünften Obergeschoss konnten sie aufgrund der Fassadengestaltung zwei 4-Zimmer­einheiten statt der 3-Zimmereinheiten realisieren. Die Feuermauer zum Nachbarn ist als Platz für den Aufzug samt Motor und dem Stiegenhaus gewählt. Somit konnte man allfällige Geräuschbelästigungen für die Bewohner minimieren.

 

Social Housing Can Batlló
Barcelona, Spanien

Bauherr: Patronat Municipal del l‘Habitatge Barcelona
Planung: Espinet/Ubach
Statik: Josep M. Delmuns, Josep Zalvídar

Bebaute Fläche: 3.949 m2
Planungsbeginn: 2013
Bauzeit: 2015 – 2016
Fertigstellung: 2018
Baukosten: 2,68 Mio. Euro

 

Fotos:©Pedro Pegenaute

Text:©Peter Reischer

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Kategorie: Projekte

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