Im Osten oder Westen? DongZhuang Building Museum

24. Oktober 2017 Mehr

 

DongZhuang-Building Museum of Western Regions / Tuoli Township
Xinjiang Wind Architectural Design & Research Institute Co. Ltd

 

 

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Ein Rückgriff auf traditionelle Materialien und Techniken tut mancher Architektur gut. Vor allem im Hinblick auf die viel zitierte Nachhaltigkeit. Neben der Verwendung von natürlichen, nachhaltigen Materialien berief sich das Büro Xinjiang Wind Architectural Design & Research Institute Co. Ltd beim Bau dieser Museumsarchitektur auch auf die Theorie des „Uncertain Design“ (siehe Kasten), das sich am ehesten mit „nicht zielgerichtetes Design“ übersetzen lässt. Gemeint ist damit, die nicht ausschließliche Ausrichtung eines Design- oder Bauprozesses auf nur ein Ziel oder ein Ergebnis. Es soll eine gewisse Unsicherheit, eine Flexibilität in den Lösungen enthalten sein, deren Ergebnis zu akzeptieren ist.

(Design)Kriterien für Bau und Planung
1 Das Gebäude sollte dauerhaft und stark genug sein, um den starken Stürmen, Sandstürmen und der UV-Strahlung zu widerstehen.
2 Das Gebäude sollte nicht Reichtum und neue Technologien vermitteln, speziell in dieser armen Gegend sollten örtliche Materialien und traditionelle Baumethoden benutzt werden.
3 Es geht nicht um „Schönheit“, denn diese ist oft nur von kurzer Dauer, da sich ästhetische Trends und Moden ändern. Ein angenehmes und gut ausgestattetes Gebäude ist ein gutes Bauwerk.
4 Für ein Bauwerk im Hinterland einer Wüste ist es vorzuziehen, dass es in Harmonie mit der Natur steht und im Lauf der Zeit von selbst verschwindet.
5 Natürliche Belichtung steht über künstlichem Licht, da Letzteres zu viel Technik und Input benötigt und Sonne und Mond reichlich und kostenlos zur Verfügung stehen.
6 Der innere und der äußere Raum des Gebäudes sind homogen, Bewegung und Stillstand sind wechselseitige Beziehungen von Ursache und Wirkung, weil der Raum aus sich selbst exisitiert
Starke Ansagen
Das DongZhuang-Building Museum of Western Regions liegt in Tuoli Township der Nanshan Steppe, 30 km von Urumqi City, in einem nordwestlichen Zipfel Chinas zwischen Kasachstan und der Mongolei. Deshalb wird die Gegend in China als „westlich“ und in Europa als „östlich“ bezeichnet. Es befindet sich auf einem Grundstück eines ehemaligen Getreidehandels, der schon seit mehr als 60 Jahren nicht mehr existiert. Das Museum, das im Süden auf die Stadt blickt und im Norden von den Bergen begrenzt wird, unterliegt keinerlei Beeinflussung durch die umgebende Naturlandschaft und Vegetation. Aus der Ferne betrachtet wirkt die Architektur wie ein matter, weißer Stein, der von den Bergen herabgerollt ist und nun majestätisch in der offenen Weite der Wüste Gobi im Inneren Eurasiens steht. Die Grobheit, Unbehandeltheit der Außenwände, prinzipiell ungefärbte Materialien lassen den Eindruck einer fast utopischen, ja Endzeitarchitektur entstehen. Etwas Aufregendes (im westlichen Denken vielleicht sogar Bedrohliches) hat die Architektur hier schon. Auch der Kontrast zu ein paar halb verfallenen Wohnbehausungen in unmittelbarer Nachbarschaft wirkt surreal.

Raum, Masse und Material
Ein Teil des architektonischen Volumens ist als Gästehaus mit einer privaten Galerie konzipiert, der andere Teil ist für die Allgemeinheit geöffnet. Menschen können hierherkommen und auch eine Rast machen, sich einfach aufhalten und die Ausblicke genießen. Zement, Sand, notwendiger Stahlbeton und so wenig Glas wie möglich sind alle Komponenten des Baus. Der Grund liegt im Umweltschutz und der Schonung der Ressourcen. Dicke Wände und kleine Fensteröffnungen schützen gegen die sengende Sonne im Sommer und die Kälte des Winters. Beim Bau verwendete man traditionelle Methoden, Prinzipien und Technologien, um die gekrümmten Wände und ein verlässliches, einfaches und dauerhaftes Gebäude zu errichten. Gestampfte Erde, sonnen- und luftgetrockneter Ziegel, Steinschichtungen etc. Die Textur der verwendeten Materialien wird an deren Oberfläche noch betont, um eine „natürliche“ Vollständigkeit eines nichtspezifischen, unbestimmten Raumes nach der Theorie des „Uncertain Designs“ zu erzielen. Der Design- und Bauprozess richtete sich zwar nach technischen Parametern, statischen Notwendigkeiten und Daten, der ökologische Zyklus des Baus reflektiert hingegen die Diversität, Freiheit und auch Nachteile des regionalen Lebens und gibt dem Bau so seine Vitalität.

 

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Ein neues Konzept des Bauens, der Architektur, verwendeten die Architekten des Büros Xinjiang Wind Architectural Design & Research Institute Co. Ltd beim Bau des DongZhuang-Building Museum of Western Regions in China. Das Ergebnis ist für westliche Augen gewöhnungsbedürftig, aber wahrscheinlich ein Modell der Zukunft in der Architektur.

 

Architektur im Einklang
DongZhuang ist eine transparente Erscheinung trotz ihrer Massivität, ohne eindeutige Ebenen im Inneren, mit ungewissen Möglichkeiten, verschiedensten Nutzungsvarianten und einem sogenannten UDLR (up-down-left-right) Leitsystem für die Erschließung. Natürlich gibt es alle technisch notwendigen Räume wie zum Beispiel Nasszellen. Die Architektur nutzt die Vorteile der Natur in einer „smarten“ Art und Weise, um sich gegen Wind, Schnee und Sonne zu schützen. Gleichzeitig realisiert sie in ihrem Inneren natürliche Ventilation und Belichtung. Die perfekte konkav-konvexe Abstimmung seiner Außenhülle, der existierende „herausgemeißelte“ Raum und der Raum für funktionale Bedürfnisse schaffen ein Konzept zwischen Harmonie und Container. Es ist ein gutes Beispiel für Masse und Material, wobei die Masse hier zwischen Brutalismus und Le Corbusier pendelt, das Material großteils in einen ökologischen Kreislauf rückführbar ist und die Ideologie des Baus eindeutig der Zukunft zuzurechnen ist.

Die Texturen der Ziegelwände und der keramischen Böden wurden von den Planern mit 23 Arbeitern aus Artux (eine kreisfreie Stadt des Kirgisischen Autonomen Bezirks) hergestellt. Im Norden ist die Mauer speziell gegen den starken Wind verstärkt. Im Osten bietet eine Öffnung den Blick auf den blauen Himmel und die Wolken sowie die existierenden Bauten, einen kleinen Fluss und die Berge. Im Süden kann man grüne Hügel erblicken, sich in der Sonne aufwärmen und im Westen die untergehende Sonne zwischen den Obstbäumen bewundern. Man kann das Oberlicht im Dach öffnen, Mond und Sterne betrachten und den zwitschernden Schwalben zuhören.

 

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In der schneebedeckten Landschaft am Rand der Wüste Gobi wirkt die Architektur unwirklich. Alle Oberflächen sind unbehandelt und verstärken diesen Eindruck.

 

Was sich hier wie eine romantische Beschreibung liest, ist das Ergebnis grundlegender, ökologiebezogener Planungen. Früher gab es an der Nordwes­t­ecke eine Menge Vogelnester. Man pflanzte also Blumen und schuf zwischen der Stiege und dem Wassertank einen – nach Süden für die heimkehrenden Schwalben offenen – Raum für den Bau neuer Nester. Ebenso wurde vor Baubeginn eine Menge Apfelbäume, russische Olivenbäume und Ulmen aus dem Hof in die südöstliche Ecke des Grundstückes transferiert. Nach Ende des Bauprozesses wurden diese wieder zurückgepflanzt und bieten jetzt die schönen Aussichten.

 

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Entsprechend der Theorie des „Uncertain Design“ kann man ein Bauwerk mit einer Kartoffel vergleichen. Der Samen der Kartoffel wird in unregelmäßige Stücke geschnitten und in der Erde vergraben. Niemand weiß, wie hoch oder groß der Samen wachsen wird, oder wie er ausschauen wird. Aber er wird von selbst wachsen, das ist sicher. Die Kartoffel entwickelt ihr eigenes „Image“, ihre natürliche Haut, entsprechend den Einflüssen der Umgebung, der Erde und der Nahrungszufuhr. Die „Uncertain Design“-Theorie versucht nun, dem Raum einen „Raum“ voller Luft, Sonnenschein, Feuchtigkeit, Hitze, Kälte, Schnee und Regen und all den zahllosen Einflüssen und Parametern zum Wachsen zu geben. Das führt zu den Bedingungen des Lebens und der Reproduktion. Beständigkeit, Kontinuität, Nicht-Utilitarismus, Einfachheit der Materialien, Arbeit und Kosten, freie und flexible Raumnutzung, Leere – das waren essenzielle Gedanken und Handlungsmuster für das Design des Museums.

 

DongZhuang-Building Museum of Western Regions
Tuoli Township, China

Bauherr:            Xinjiang Urban & Rural Planning Institute Fo Design & Research Co. Ltd
Planung:            Xinjiang Wind Architectural Design & Research Institute Co. Ltd
Mitarbeiter:       Liu Xu, Zhang Haiyang, Liu Erdong, Zhang Zhong, Zhang Qing, Zhang Jian
Statik:                 Zhang Zhong

Grundstücksfläche:      1.990 m2
Bebaute Fläche:             800 m2
Nutzfläche:                    7.700 m2
Planungsbeginn:          07/2014
Fertigstellung:              06/2017
Baukosten:               3,4 Mio. Euro

 

Fotos: ©Yao Li

Text: ©Peter Reischer

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Kategorie: Projekte

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