Mit vollen Segeln in der Seestadt – Seeparkcampus

19. April 2018 Mehr

Seeparkcampus West / Wien / Arch. DI Lutter ZT GmbH

Der Wind bläht die Segel, diese bewegen sich leicht nach links oder rechts, aber das Schiff bleibt stehen, bewegt sich nicht. Denn hier handelt es sich nicht um ein Gefährt zu Wasser, sondern eine Architektur, fest in der Erde verwurzelt. Dass sie trotzdem mit segel­ähnlichen Flächen versehen ist, dankt sie der Idee von Architekt Lutter aus Wien. Die beweglichen, weißen Teile vor den Öffnungen an der Fassade dienen dem Sonnenschutz und der Lichtregulierung.

Der Betrachter, der vor dieser erstaunlichen, kinetischen Fassade verharrt, befindet sich im 22. Gemeindebezirk im Nordosten Wiens. Hier entsteht seit Jahren „aspern Die Seestadt Wiens“ – eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Ein neuer, multifunktionaler Stadtteil mit Wohnungen, Büros sowie einem Gewerbe-, Wissenschafts-, Forschungs- und Bildungsquartier. Tausende Menschen sollen letztendlich in der Seestadt Arbeit finden – in den Segmenten Büro und Dienstleistungen sowie in den Bereichen Gewerbe, Handel, Forschung, Gesundheit und Bildung. Ein fünf Hektar großer See liegt im Zentrum und gibt dem neuen Stadtteil seinen Namen. Das Gebiet wird bis 2028 entwickelt. Dann wird man sehen, wie weit die Prognosen der Planer und Politiker zutreffen.

 

main entrance

Eine Architektur mit einer kinetischen Fassade aus Sonnenschutzelementen errichtete Arch. DI Lutter in „aspern Die Seestadt Wiens“. Das Bürogebäude ist multifunktional benutz- und vermietbar. Ein fünfgeschossiges Atrium mit Glasdach und einer skulpturalen Stiegenanlage sorgt für die vertikale Erschließung. Der Hingucker sind allerdings die „Segel“ an der Fassade.

 

Das Projekt
Der Plan war, ein Bürogebäude zu entwickeln, in dem sich auf jeder Geschossebene drei voneinander unabhängige Büroeinheiten befinden, die durch ein großzügiges Atrium verbunden sind. Im Bereich des Atriums sollten Nebenräume, Archive, Teeküchen und Nassräume angeordnet sein. Diese Anordnung würde die Möglichkeit großer Flexibilität für Vermietungen mit sich bringen. Die einzelnen Büroeinheiten könnten getrennt oder gemeinsam als eine Einheit vermietet werden. In der weiteren Projektentwicklung und aufgrund konkreter Mieterwünsche wurden die Stiegenhäuser neu positioniert, das Atrium nach Norden hin geschlossen und mehr Bürofläche an der Westfassade geschaffen. Durch die Vermietung an drei Magistratsabteilungen der Stadt Wien und durch ein weitaus umfangreicheres Raumprogramm als ursprünglich geplant, musste auch das Atrium wesentlich verkleinert werden und der gewonnene Raum für alle Nebenräume wie Teeküchen, Abstellräume, Toiletten genutzt werden.

Die Zitatebene
Die Form des Gebäudes entwickelte sich aus der inneren Gestaltung der unterschiedlichen Bürobereiche und der äußeren Gestaltung der Freiräume. Eine akzentuierte Sockelzone, die dem städtebaulichen Konzept der Seestadt folgend vier Meter hoch ist, prägt sein Erscheinungsbild. Darüber stapeln sich nun vier bzw. fünf weitere Geschosse. Das Achsmaß von 1,35 Meter ermöglichte die Realisierung aller, sehr unterschiedlicher Mieterwünsche. Durch die Festlegung auf diesen Raster für flexible Bürogestaltung entstand eine schlichte Fassade mit einer regelmäßigen Abfolge von geschlossenen und offenen Flächen. Vor die Fassade im Abstand von ca 80 cm wurden als architektonische Elemente, die gleichzeitig den Sonnenschutz gewährleisten, bewegliche Sonnensegel gesetzt. Nicht umsonst erinnern diese „Segel“, aus Stahlblechpaneelen hergestellt, an Schiffssegel und sind ein Zitat der „See“stadt.

Die Hardfacts
Durch den Haupteingang im Norden und einen weiteren Zugang im Westen betritt man das Gebäude. Man erreichte nach der Eingangslobby ein Atrium mit einer Freitreppe, die alle Geschosse verbindet. Dieses ist ein turmartiger Innenraum mit Glasdach über dem 5. Stock. Zwei Aufzüge und ein Stiegenaufgang erschließen alle Geschosse. Die Stiegenläufe sind als ein an den Wänden rundum laufendes Band konzipiert. Durch unterschiedliche Stufenbreiten der einzelnen Stiegenläufe und durch unterschiedlich hohe Brüstungselemente wird das Atrium zu einem skulpturalen Element. Die Treppenläufe sind Stahlbetonfertigteile. Dies ermöglicht, dass die glatte Betonoberfläche naturbelassen bleiben kann und kein weiterer Belag notwendig ist. Die Podeste wurden in Ortbeton mit einem üblichen Bodenaufbau ausgeführt. Der fertige Belag ist eine polierte, selbstnivellierende Bodenbeschichtung auf Zementbasis. Die Brüstungen sind weiß gemalte Stahlbetonfertigteile mit einer Massivholzabdeckung aus Eiche mit integriertem Lichtband, um die Kontinuität der Geometrie zu betonen. Durch dieses fünfgeschossige Atrium kann man die innere Struktur des Gebäudes erfassen. Das Atrium ist, auch in der nun verkleinerten Form bis zum Glasdach über der letzten Decke, offen und erschließt alle Geschosse.
Das Bürogebäude ist als Stahlbetonskelettbau geplant. An der Fassade sind zwischen den tragenden Stahlbetonteilen großflächig vorgefertigte Holzwand­elemente aus Brettsperrholz eingesetzt. Diese Elemente haben einen mehrschichtigen Aufbau, der den Wärme- und Schallschutz gewährleistet.
Die gesamten Elemente samt Fenster wurden im Werk vorgefertigt und dann eingebaut. Außen sind die Elemente verputzt, raumseitig wurde die Holz­oberfläche der Brettsperrholzwände naturbelassen. Durch die regelmäßige Abfolge dieser Holzbauteile und durch die unregelmäßig großen Büroräume ergeben sich unterschiedliche Wandbilder. Die Räume erhalten durch die naturbelassene Innenseite einen warmen Charakter.

 

playschool

Helle, klare Räume mit viel Licht prägen die Architektur.

 

Setzt die Segel!
Als Maßnahme gegen den Brandüberschlag wurden geschossweise waagrechte Betonfertigteile von rund 80 cm Tiefe vor die Fassade gesetzt. Diese Betonelemente boten die Möglichkeit für die Befestigung von Beschattungselementen. Darauf sind nun die „Segel“ montiert. Diese zweite Schicht verändert das Fassadenbild je nach Sonnenstand. Nach Festlegung auf das Material Stahlblech wurden für die industriell hergestellten Blechbahnen mit einer Breite von ca. 1.50 m Segelformen entworfen. Jedes Segel sollte eine opake und eine gelochte Fläche aufweisen. Da die Blechbahnen nicht beliebig gelocht werden können, sondern nur orthogonal, und der Verschnitt möglichst gering zu halten war, wurde mit einer leichten Drehung der Segel-Grundform in der Blechbahn gearbeitet. Durch Drehen und Spiegeln der ausgeschnittenen Formen wurde trotzdem eine Vielzahl an Variationen möglich, um die Fassade zu beleben. Die Segel bewegen sich automatisch dem Sonnenstand folgend entlang der Fassade in zwei Ebenen und können die Fenster beschatten. Es ist immer eine gemeinsame Wirkung von zwei Segeln, die das möglich macht. Dadurch kann die Fassade “offen” oder “geschlossen” wirken. Ein wesentlicher Aspekt dieses Sonnenschutzkonzepts ist, dass in jeder Position ein direkter Ausblick ins Freie möglich ist, wenn auch nicht immer frontal. Dadurch entsteht ein entscheidend besseres Raumgefühl als bei herkömmlichen Raffstores, die ja bei Sonneneinstrahlung geschlossen bleiben müssen.

 

 

Seeparkcampus West
Wien, Österreich

Bauherr: Cetus Baudevelopement GmbH
Planung: Arch. DI Lutter ZT GmbH
Mitarbeiter: J. Bredel, S. Fard, J. Carvajal, N. Michel, B. Kübler
Statik: Fröhlich & Locher und Partner
Aufzüge: Kone AG

Grundstücksfläche: 4.055 m2
Bebaute Fläche: 2.583 m2
Nutzfläche: 11.640 m2 oberirdisch und 2.420 m2 unterirdisch
Planungsbeginn: 2014
Bauzeit: 03/2016 bis 09/217
Fertigstellung: 09/2017
Baukosten: 18 Mio. Euro

 

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Fotos:©Bruno Klomfar

Text:©Peter Reischer

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Kategorie: Projekte

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