Raumsequenz aus Ziegeln

26. Mai 2015 Mehr

 

House 1014 / Spanien / HARQUITECTES

Eine rote Ziegelwand spannt sich über eine Lücke zwischen den abbröckelnden Fassaden der angrenzenden Häuser. Eine große, hölzerne Türe wird zur Seite geschoben – dahinter offenbaren sich ein kleiner Hof und eine Parkgelegenheit. Man befindet sich auf der Rückseite des Projektes ‚House 1014‘ der HARQUITECTES im Zentrum von Granoller, einer Stadt in der Nähe Barcelonas. Von hier aus betrachtet, lässt nichts auf das kleine Paradies mit Innenhöfen und einem zentralen Garten, das sich zwischen hohen Feuermauern auf dem schmalen Grundstück von einer Straße zur nächsten erstreckt, schließen.

 

 

Das Grundstück ist mitten im historischen Stadtkern mit einer urbanen Mischung diverser Wohnbauten situiert. Der zur Verfügung stehende Platz ist nur 6,5 Meter breit, jedoch 53 Meter lang, der Zugang kann von beiden, es begrenzenden Straßen erfolgen. Aufgrund des abgewohnten und devastierten Zustands der Bestandsgebäude beschloss man, nur eine der Hauptfassaden – die einen gewissen denkmalschützerischen Wert hatte – zu erhalten. Der Wunsch der Eigentümer war, das Haus in zwei Zonen aufzuteilen: den häuslichen Bereich, in dem das tägliche Familienleben stattfinden sollte und ein zweiter Bereich, davon eher getrennt. Dieser sollte funktional unabhängig vom Ersten sein und als Wohnraum, für allfällige Feste mit Gästen und auch für gemeinsame Essen und Zusammenkünfte benutzt werden können.

Auch Baugesetze und Straßensituation drängten eine solche Lösung förmlich auf. Der häusliche Bereich wurde zur Hauptstraße hin orientiert während die Westseite des Grundstückes – isoliert und getrennt durch den zentralen Garten – die Seite für die Zufahrt und Anlieferung wurde. Die Ost-West-Orientierung des Areals und die Enge der Zufahrtsstraßen machten es sehr schwer, über die Straßenfassaden eine gute Sonnenbelichtung zu erreichen. Dieser Umstand, zusätzlich mit dem Wunsch der Auftraggeber, Privatheit im Erdgeschoss zu erzielen, brachte die Architekten zu der Lösung, das Gebäude von der Straßenflucht zurückzusetzen und so Innenhöfe auf den beiden Schmalseiten des Grundstückes zu erzeugen. Diese Höfe ermöglichen nun die Sonneneinstrahlung von oben und bilden gleichzeitig Übergangsbereiche. Und zwar physisch, zwischen Straße und Haus und atmosphärisch, zwischen außen und innen. Halb überdachte und benutzbare Räume mit beweglichen Abdeckungen ermöglichen sowohl in der Winterzeit genug Sonneneintrag wie auch in der Sommerzeit die notwendige Belüftung und Luftzirkulation. Auf diese Weise wurde sowohl der Fußgängereingang von der Straßenseite wie auch die Fahrzeugzufahrt von der Rückseite gelöst, ohne die oft unbenutzbaren Sekundärflächen zu erzeugen. Die Qualitäten der Privatheit, das Licht und der thermale Komfort dieser Areale ermöglichen es, das Haus von einem Ende bis zum anderen vollkommen zu benutzen. Ohne verborgene oder sonstige Restflächen.

 

 

Diese bioklimatischen Zonen der Höfe sind der erste Schritt in einer Sequenz von Bereichen, die eine Straße mit der anderen verbindet. Sie bietet eine Vielzahl von unterschiedlichen Bedingungen, Charakteren und Aneignungsmöglichkeiten, die sich jedoch klar voneinander unterscheiden. Die Addition erzeugt eine 53 Meter lange Ebene mit 345 m2, auf der die meisten und vor allem die gemeinschaftlichen Funktionen des Hauses ablaufen. Man kann sie als lange Durchgangshalle betrachten, von der man Zugang zu den privaten Bereichen in der oberen Ebene oder auch dem Keller erlangen kann. Jeder Bereich ist sorgfältig, eigenständig gestaltet und doch mit dem nächsten verbunden. Er definiert klar seine Funktion und ist auch gleichzeitig Teil eines Ganzen. Durch diesen Anspruch erhalten die Außenbereiche die Qualitäten von Wohnräumen und werden zu Innenräumen des Hauses. So sind im Erdgeschoss verschiedene Zonen kombiniert, mit hohen und niedrigen Decken oder Dächern, halb überdachten bioklimatischen Bereichen genauso wie bedeckte und unbedeckte Außenräume. Auch eine Art der Verwischung zwischen innen und außen, zwischen Natur und Architektur, wird so erzielt. Die Kombination von Bepflanzung und keramischem Material schafft geniale Landschaftsimpressionen ohne echte Ausblicke in die Natur.

Die Konstruktion und Organisation der Architektur, basierend auf den Raumsequenzen, ist völlig auf die Struktur des Hauses ausgerichtet. Die Materialität der Wände verstärkt die Typologie: Lastabtragende Mauern umfassen die Bereiche, begrenzen so die Größe und geben auch die Proportionen der Öffnungen und Verbindungen zwischen den Bereichen vor. Variationen in der Oberfläche, verschiedene Texturen und Wandstärken bestimmen die Atmosphäre und gleichzeitig auch die Kapazität der Feuchtigkeitsaufnahme und die thermische Speichermasse/Trägheit, die zur Temperierung genutzt wird. Der Raum ist die Struktur und die Struktur konfiguriert Räume.

Tragende Wände sind nicht monoton, sondern mit zufällig wirkenden Streifenmustern im Ziegelverband versehen – sie wirken manchmal wie Adern. Dünnere und stärkere Ziegel im Erdgeschoss wechseln mit größeren, perforierten in den Obergeschossen. Die hier verwendeten Unterschiedlichkeiten in der handwerklichen Ausführung der Mauern beziehen sich als Referenz auch auf die – als einzige erhaltene – Außenmauer zur Straße hin.

 

 

Durch Materialien und Raumabfolgen wird auch das bestmögliche ‚passive‘ Verhalten der Architektur gewährleistet, es beginnt mit den bioklimatischen Höfen, die eine konstante Temperatur zwischen 15 und 25 Grad ermöglichen – ein angenehmes und erprobtes Klima. Die Höfe reduzieren auch den Energiebedarf der unmittelbar an sie angeschlossenen Bereiche. Dieses System und eine Außenwand aus zwei Ziegelscharen, mit 10 Zentimetern isolierender Holzwolle dazwischen, garantieren eine gute Wärmedämmung und Ausnutzung der thermischen Speichermasse. Die Sonnenschutzelemente (Jalousien) an den Außenwänden, die übermäßigen Hitzeeintrag während des Sommers verhindern, sind losgelöst von den Öffnungen und deutlich größer – sie ermöglichen einen störungsfreien Blick aus den Innenräumen. Als zusätzliche Klimatisierungsmöglichkeit dient Geothermie mit einer Fußbodenheizung im Erdgeschoss. Alles zusammen bietet ein – über das ganze Jahr – durchgehend angenehmes Klima im Haus bei niedrigem Energieverbrauch.

 

House 1014

Barcelona, Spanien

Bauherr: privat
Planung: HARQUITECTES
Mitarbeiter: D. Lorente, J. Ricart, X. Ros, R. Tudó
Statik: DSM arquitectes
Grundstücksfläche: 673 m2
Planungsbeginn: 2010 – 2011
Bauzeit: 2012 – 2014
Fertigstellung: 2014

 

Text: Peter Reischer / Fotos: Adrià Goula

Buchtipp: Die Mitte und das Ganze — Gedanken zum Bauen — Verlag Anton Pustet

 

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Kategorie: Projekte

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