Shaken, not stirred!

30. Juni 2015 Mehr

 

Bombay Sapphire Distillery / England / Heatherwick Studio 

Gin — das Getränk der Engländer

Auch Fleming‘s James Bond trank Cocktails mit einer Mischung aus Martini und Gin. Zumindest in seinen Büchern, und zwar ‚geschüttelt, nicht gerührt‘! Neben dem Whisky ist Gin eine der meist verbreiteten Spirituosen englischer Provenienz. Die wenigsten Menschen wissen allerdings, wie er hergestellt wird und dass sein Namensgeber das holländische Vorläufergetränk Genever war. Gin erhält seinen charakteristischen Geschmack aus der Aromatisierung mit Gewürzen, darunter vor allem Koriander und Wacholderbeeren. Die Aromatisierung geschieht nicht nachträglich, sondern während der Destillation. Die Bestandteile wechseln von Hersteller zu Hersteller, beispielsweise Ingwer, Muskat, Orangenschalen (Flavedo), Paradiesapfel-Kerne (Calville-Äpfel). Insgesamt kommen bei der Gin-Herstellung etwa 120 verschiedene Zutaten als Aromen und Wirkstoffe zum Einsatz.

 

 

Der britische Designer Thomas Heatherwick hat kürzlich den neuen Komplex der Gin-Destillerie Bombay Sapphire in Hampshire, England, fertiggestellt – ein durchaus architektonisch und olfaktorisch interessantes Stück Architektur. Heatherwick, dessen profilierte Projekte auch den englischen Pavillon auf der EXPO 2012 in Shanghai beinhalten, renovierte einen, aus roten Ziegelbauten bestehenden, Gebäudekomplex der Laverstoke Mill – hier wurde früher das Papier für die englischen Banknoten hergestellt. Die Gebäude waren in der viktorianischen Zeit gebaut worden, dann verfielen sie zusehends, wurden aufgegeben bis sie von der Gin-Marke Bombay Sapphire (weltweit bekannt durch die einzigartige, blaue, durchscheinende Glasflasche), die zum Bacardi Konzern gehört, erworben wurde. Sie beauftragten den Designer mit einer gründlichen Überholung des Geländes und der Schaffung einer neuen Destillerie samt Besucherzentrum.

Heatherwick erstellte einen Masterplan für das Projekt. Im Zentrum stand dabei der kleine Fluss Test, der sich durch das Gelände schlängelt. Die ehemalige Papiermühle war wassergetrieben, jedoch war der Fluss kaum mehr sichtbar, da er im Lauf der Jahre durch die intensive Bautätigkeit auf dem Areal in ein schmales Betonbett kanalisiert und fast zur Gänze überbaut worden war. Die mehr als 40 Gebäude – teilweise in architektonisch und historisch erhaltungswürdiger Ausführung – wurden als Teil des Masterplans restauriert. Der Fluss wurde zum zentralen, organisierenden Element des Grundstückes und der Anhäufung von Bauwerken. Wieder sichtbar gemacht, erweitert, an seinen Ufern geöffnet und bepflanzt bildet er einen Pfad, der die Besucher durch das Areal zu einem neu geschaffenen Garten in der Mitte leitet. Gesäumt wird der Weg von den historischen Architekturen.

 

 

Die Zusammenarbeit mit der Ginproduktionsfirma war von einem gegenseitigen Vertrauen getragen – so war die Schaffung von etwas völlig Neuem, abseits der ausgetretenen Pfade und Prozesse möglich. In dem ersten Anforderungsprofil des Auftraggebers war ein separates Besucherzentrum vorgesehen. Das Design-team hielt das nicht für notwendig und zog es vor, dem Publikum eine authentischere Erfahrung, ganz nahe am Destillationsprozess zu bieten und ihm die original erhaltenen Kupferkessel der Ginproduktion im Gebrauch zu zeigen. Der Masterplan beinhaltete den Bau zweier Glashäuser für die zehn exotischen Pflanzen, die zur Aromatisierung des Gins im Destillationsprozess benutzt werden. Diese Glashäuser – eines enthält eine feuchte, tropische Atmosphäre und das andere ein trockenes, mediterranes Klima – dehnen sich von einem der nördlich gelegenen Destillationsgebäude in die Gewässer des erweiterten Flusslaufes aus.

Aus einem der roten Ziegelbauten der alten Papiermühle bersten zwei in Kupfer gefasste, gläserne Rüssel heraus – sich ausdehnend wölben sie sich in den Himmel und versinken im Wasser des nahen Flusses. Die Verbindung zum Destillationsgebäude hin erlaubt es die Abwärme aus der Ginproduktion zur Gewinnung der Wärme, die für das Gedeihen der tropischen Pflanzen notwendig ist, zu benutzen. Durch die langen rüsselförmigen Rohre wird die heiße Luft aus dem Destillationsprozess aufgenommen und in die Glashäuser geleitet. Wie mit einer Nabelschnur verbinden sich Natur und Architektur, Hochprozentiges mit Biologischem. Die von Metallbändern eingefassten Glasflächen formen die glockenförmigen Volumina der beiden Glashäuser. Diese fließende Geometrie wird durch die neuesten Errungenschaften der Glastechnologie und das reiche Erbe der Tradition britischer Glashauskultur (z.B.: Crystal Palace von Joseph Paxton) ermöglicht. Als botanische Destillerie erhielt das Projekt als erstes weltweit, die BREEAM Bewertung für Nachhaltigkeit.

 

 

Bombay Sapphire Distillery

Laverstoke, Hampshire, UK

Bauherr: Bombay Sapphire
Design: Heatherwick Studio
Mitarbeiter: Thomas Heatherwick, Eliot Postma, Katerina Dionysopoulou Alma Wang, Ville Saarikoski
Statik: ARUP
Grundstücksfläche: 20.235 m2
Bebaute Fläche: 4.500 m2
Nutzfläche: 2.000 m2
Fertigstellung: 09/2014

 

Gin

Der Agraralkohol für die Herstellung von Gin wird aus beliebigen stärkehaltigen Ausgangsstoffen gebrannt, meist Getreide oder Melasse. In der Europäischen Union und der Schweiz muss Gin heute einen Alkoholgehalt von mindestens 37,5 Volumenprozent besitzen. Die besseren Abfüllungen sind jedoch zum Teil deutlich stärker, da sonst der Geschmack vor dem Hintergrund der Gewürzaromen unrund wirkt.

 

Text: Peter Reischer / Fotos: Iwan Baan

 

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Kategorie: Projekte

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