Victoria Gate in Leeds

5. Januar 2017 Mehr

Shopping hinter Diamanten.
Victoria Gate / Leeds / ACME

Nicht nur zu Weihnachten sind Shoppingcenter, Malls und dergleichen in den Städten ein Eldorado für die Konsumwut unserer Gesellschaft. Abgesehen davon sind einige auch während des Jahres, also ohne Festbeleuchtung, schön anzusehen. In ihrer räumlichen Großzügigkeit werden sie sogar von manchen Architekturpropheten als die Kathedralen unserer Zeit bezeichnet. Wie zum Beispiel das Victoria Gate in Leeds, England, entworfen von den ACME Architekten aus London.

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Im Briefing für das Architekturbüro ging es um die Schaffung eines neuen, vibrierenden, urbanen Körpers im Zentrum der Stadt Leeds, er sollte Verkaufsflächen beherbergen, einen Departmentstore aber auch Entspannung und Vergnügen und genügend Parkflächen in einem angeschlossenen Parkhaus bieten. Die optische Sichtbarkeit und Identität des Stores war einer der wichtigsten verlangten Punkte. Der Entwurf sollte eine Erweiterung der Headrow, der wichtigsten Verkehrsachse der Stadt sein. Der Bauherr wollte auch von Anfang an, dass die Architektur nicht nur einfach eine Mall, sondern vielmehr eine dem 21. Jahrhundert entsprechende Erweiterung der viktorianischen Arkaden, für die Leeds so berühmt ist, darstellt.

Victoria Gate, im Osten des Stadtzentrums von Leeds gelegen, fungiert als eine natürliche Erweiterung des gleichnamigen Bezirkes und des Einkaufsviertels von Leeds. Die Architektur beherbergt den neuen John Lewis Departmentstore, ein mehrgeschossiges Parkhaus und die Arkaden mit einem Mix von Shops, Restaurants und Freizeitangeboten. Der Baukörper gliedert sich so in drei individuelle Elemente mit eigenen Identitäten, alle drei stehen miteinander und mit der Architektur von Leeds in Beziehung.

 

Der John Lewis Departmentstore stellt das Herz der Anlage dar. Mit fünf Einkaufsebenen und einem Restaurant am Dach ist es der größte Einkaufstempel der Nachkriegszeit außerhalb Londons. Er bildet ein sichtbares Eingangstor in das Stadtzentrum. Seine Ansicht wird von einem diagrid-ähnlichen Muster aus mit Säure behandelten, weißen Betonstreben repräsentiert. Die daraus resultierenden diamantförmigen Flächen enthalten Füllungen, welche auf das interne Layout (Raumprogramm) und den unmittelbaren Kontext reagieren: Die gläsernen Füllungen bieten Transparenz und die bronzenen und elfenbeinfarbigen die Ornamentierung, den Schmuck der Architektur an der Außenseite.
Die Ansicht referiert an eine Großzahl der am Headrow situierten Architekturen mit deren aus Stein gefertigten Attributen und Dekoren. Die Grundrisse der einzelnen Geschosse sind von einem Säulenraster bestimmt. Diese Pfeiler beginnen unten senkrecht, weichen dann in der Höhe langsam zurück, um dem nach oben kleiner werdenden Muster des Diagrids an der Fassade eine zusätzliche, perspektivische Dimension zu verleihen.

Über einen verglasten Verbindungsteil gelangt man in die Arkaden. Dieses Element der Anlage ist als zweigeschossiger Bau angelegt. Der zweihüftige Arkadenkomplex mit einer verglasten Dachlandschaft führt die Tradition von Leeds‘s Arkaden aus dem 19. Jahrhundert weiter. Unter dem Glasdach, das alle Räume mit Naturlicht versorgt, befinden sich die gedeckten Einkaufsstraßen.
Die Innenräume der Arkaden orientieren sich auch an der viktorianischen Tradition und der Verwendung gebogener Glasflächen sowie dem Fischgrätmuster der Textilien, welches sich im Bodenmuster wiederfindet. Dieser Fußbodenbelag ist in 15 Grauschattierungen verlegt. Die Arkade kann komplett mit Tageslicht beleuchtet werden. Darüber sitzt noch ein großes Kasino, so entsteht eine viergeschossige Eingangsfront zu den Verkehrsflächen hin. Am Treffpunkt der Nord- und Südarkade mit dem Departmentstore ergibt sich ein großer, öffentlicher Platz unter einem 22 Meter hohen Glasdach.

 

Die dreidimensionale Fassade des Arkadenteils ist vom Art déco und den viktorianischen Umgebungsbauten (Getreidebörse und Stadthalle) beeinflusst. Die Außenansicht entwickelt sich aus der Sprache dieser Bauten des 19. und 20. Jahrhunderts und der umgebenden – im Bloomfield- und viktorianischen Stil erbauten – Ziegelbauwerke.
Seine Materialität bezieht die Architektur aus den historischen Terracottafassaden (meist produziert von einer lokalen Fabrik) der Stadt. Sie stellt eine moderne Interpretation des traditionellen Materials dar und ist auch von den Strukturen der textilen Vergangenheit von Leeds beeinflusst – als darübergelegte Terracottahaut ist sie eine Referenz an gewebte Stoffe. In den höheren Ebenen sind Bronze und verrostete Metalle in die Ansicht integriert, um eine „Familie“ ziegelfarbenähnlicher Materialien zu schaffen, als Referenz an die traditionellen Terracottafarben. Die skulptural gefalteten Ziegelmuster und Ausstülpungen sind in, mit Ziegelmuster versehenen, vorgefertigten Paneelen wiederholt. Produziert wurden die Teile nach exakten Computervorlagen aus insgesamt 460.000 Ziegeln. In Rhythmus und Größe variieren sie, je nach Kontext und Lage.

Das zum Gesamtkomplex gehörige Parkhaus ist von allen städtischen Zufahrtsstraßen gut sichtbar. Sein Design dient dazu, es von der Mall zwar zu trennen, aber trotzdem die gemeinsame Nutzung und Zugehörigkeit durch die optische Wirkung zu betonen. So schaffen verdrehte Aluminiumlamellen an der Außenseite wieder ein Diagrid-Muster, welches durch die Schattenwirkungen noch vertieft wird und die Verbindung zum Departmentstore herstellt. Diese Fassade bietet einen effizienten Schutz der parkenden Fahrzeuge, Tageslicht und natürliche Ventilation.

 

Victoria Gate
Leeds, England
Bauherr: Hammerson
Planung: ACME
Statik: Waterman
Grundstücksfläche: 21.000 m2
Bebaute Fläche: 47.500 m2 Retail, 25.700 m2 Parkplätze
Planungsbeginn: 05/2013
Bauzeit: 31 Monate
Fertigstellung: 10/2013
Baukosten: 192 Mio. Euro
 

Fotos: ©Jack Hobhouse
Pläne: ©A
Text: rp

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Kategorie: News, Projekte