Was heute noch Bestand hat?

28. Februar 2018 Mehr

De Waterhond / Sint-Truiden / Klaarchitectuur

Viele Fragen und wenige Antworten
Die Beneluxländer sind Staaten, in denen das Profanieren oder weltliche Weiterverwenden von Kirchengebäuden eher an der Tagesordnung ist als in Österreich (siehe Kasten). Während bei uns Kirchen, vor allem am Land, still vor sich hin verfallen, werden sie in Belgien einfach um- und weitergenutzt. Aber selbst vielen Nichtchristen wird unbehaglich, wenn aus einer Kirche eine Diskothek oder ein Gourmettempel wird, in dem die Gäste zwischen gotischen Bögen, Säulen und Kirchenfenstern logieren und speisen. Da ist ein schummriges Gefühl, dass vielleicht doch etwas dran ist an einem Gotteshaus – etwas Heiliges, zumindest Mystisches, vielleicht? Oder ist es die Empfindung der Vergänglichkeit dessen, was für die Ewigkeit erbaut schien?
Architekten, die sich an ein derartiges Projekt wagen, legen sich immer eine Strategie zurecht, mit der sie den Schritt in eine neue Realität rechtfertigen können. Das ist auch begrüßenswert, denn es fördert die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Aber können Bilder und Ergebnisse eines perfekten Designs über ein diffuses Gefühl der Unrichtigkeit hinwegtäuschen?
Klaarchitectuur, ein belgisches Architektenteam, nutzt für sich selbst eine profanisierte Kapelle als Büro, aber auch als Mehrzweckraum für öffentliche Belange der urbanen Nachbarschaft. Seit einem Jahr arbeiten sie in ihrem neuen Büro. Das Projekt mit dem Namen „De Waterhond“ (The Waterdog) ist ein State-of-the-art-Beispiel eines Arbeitsraumes. In dieser ehemals katholischen Kapelle wird Arbeiten fast zu einem spirituellen Erlebnis. Es ist sicherlich kein einfältiges oder uninteressantes Office. Es ist ein inspirierender Raum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfließen und untrennbar miteinander verbunden sind.

Ein Grundkriterium für das Projekt war, dass der denkmalgeschützte Bau der Kapelle erhalten bleiben und sein historischer Charakter und Ausdruck unangetastet bleiben sollte. Trotz verfallender Mauern, abbröckelnder Farben, abgeblätterten Wandmalereien und der gigantischen Weite des Kirchenschiffes wollte man keinerlei Veränderungen an der Substanz vornehmen. Jegliche Nachbesserungen hätten mehr Schaden als Nutzen erzielt und eine Minderung der reichen Vergangenheit bedeutet. Also stellte man eine völlig neue, von der Kirchenhülle unabhängige Konstruktion ins Innere. Diese steht in starkem Kontrast mit den alten Wänden, die noch immer die Geschichte der Vergangenheit erzählen. Diese Entscheidung traf man, trotz all der Schäden, welche die Zeit bereits angerichtet hatte. Indem nun eine Serie von verschiedensten Büroblöcken, Raumkuben und Ebenen in den unterschiedlichsten Höhen übereinandergestapelt wurde, kreierte man einen Arbeitsbereich, der einen Eindruck steter Dynamik vermitteln sollte. Dieses Konglomerat spielt sich eher im hinteren Teil des Kirchenschiffes ab. Vorne, dort wo einst der Altar stand, ist ein glänzender, kubischer Nirosta­stahlblock mit Abwasch als Küche positioniert. Und in einem kreuzförmigen Behältnis am Ende des Chors: Mikrowelle und Backrohr.

 

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Die neuen Büroräume in der ehemaligen Kapelle sind nüchtern, ganz wie es sich für Architekten gehört. Der Charme entsteht durch die sichtbare Spannung zwischen modern und historisch.

 

Der Einbau steht frei in der Kirche, und lehnt sich nur an die Rückwand an. Die tragende Konstruktion besteht aus Stahlträgern, Fußböden sind trittschallgedämmt, die Wände der einzelnen Boxen isoliert, natürlich nicht in dem Ausmaß, als wenn sie im Außenraum stünden. Geheizt oder gekühlt wird in den einzelnen Boxen mittels Klimaanlage, der große Freibereich hat eine Fußbodenheizung. Die Stirnseiten der allesamt weißen Boxen sind mit raumhohen Glasscheiben verschlossen. Durch sie kann man entweder den Innenraum der Kapelle oder die außen liegenden Erschließungstreppen erblicken. In den rechteckigen Arbeitsräumen dominieren insgesamt die Farben Schwarz und Weiß. Lichtbänder sorgen für die Grundbeleuchtung und unterstreichen die kubischen Formen. Auch in den Nassräumen und WCs setzt sich dieses Design fort. Einzig auf der obersten Ebene durchschneiden die Balken des Kirchendachstuhles die Kuben. Man fühlt sich wie in einem Dachausbau mit frei liegendem Gebälk. Hier tritt auch ein Kubus aus dem Dach der Kirche ins Freie hinaus, er ist ebenfalls mit einer Glaswand abgeschlossen und bildet im Außenraum ein Symbol, ein Signal für das innere Geschehen. Auch diese Durchdringung des Kirchendaches wurde von den Behörden anstandslos genehmigt.

Das Öffnen des historischen Raumes für die Öffentlichkeit war ein wichtiger Ausgangspunkt zu Beginn des Entwurfsprozesses. Das Team von ­Klaarchitectuur erhebt den Anspruch, mit der Öffnung als vielfältig nutzbarer Raum und der Veranstaltung von Events, einen Beitrag zur Entwicklung und Verbesserung der Stadt zu erzielen. So kann hinsichtlich der Nutzung argumentiert werden, dass die Kirche in der Vergangenheit eine große Rolle im Leben vieler Menschen in der Stadt gespielt hat, und es durch die neuen, in ihr implementierten Funktionen auch weiterhin tun wird. So wird die Architektur der Öffentlichkeit dienen. Und die Philosophie oder der Auftrag eines Architekturbüros ist schließlich, in den Projekten immer ein akzeptables Ergebnis für den Kunden – sei es Wohnraum, Büro oder Verkaufslokal – zu realisieren.

 

 

De Waterhond
Sint-Truiden, Belgien

Bauherr: Klaarchitectuur
Planung: Klaarchitectuur
Bauzeit: 9 Monate
Fertigstellung: 4/2016

In Belgien, einst eine Wiege des europäischen Katholizismus, werden Dutzende von Kirchen geschlossen. In der Kirche von Saint-Hubert in Watermael-Boitsfort sollen Wohnungen entstehen, die Kirche der Heiligen Familie in Schaerbeek wartet auf einen Investor. In Malonne wurde die Kapelle von Piroy in ein Restaurant umgewandelt. Die Saint-Jacques-Kirche von Namur ist jetzt ein Kleidungsgeschäft; die 1749 in Namur errichtete Kirche Notre Dame wurde 2004 profaniert und ist jetzt ein „Kulturhaus“. Dutzende von Ausstellungen, Konzerten und Modeschauen wurden bereits in der Kirche veranstaltet. In Tournai wurde die Kirche St. Margherita zu einem Apartmentgebäude umgebaut. Die Kirche der gesegneten Sakramente in Binche im Herzen einer mittelalterlichen Stadt in der Nähe von Brüssel wurde acht Jahrhunderte nach ihrer Einweihung für den symbolischen Kaufpreis von einem Euro verkauft. Im flämischen Mechelen wurde in einer berühmten Kirche ein Luxushotel eröffnet.

 

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Fotos:©Toon Grobet, Valerie Clarysse – Flos

Text:©Peter Reischer

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Kategorie: Projekte

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