Weinkeller in Bordeaux

18. Oktober 2016 Mehr

Der Geist des Weines.
Weinkeller / Bordeaux / Luc Arsène Henry jun. und Phillippe Starck

Philippe Starck sagt von sich und seiner Frau Jasmine, dass sie die meiste Zeit in einem Flugzeug verbringen, in der „Mitte von Nirgendwo“. Trotzdem findet der international bekannte, französische Designer Zeit zu landen und auch Architektur zu machen. Seine Entwürfe sind ja bekanntermaßen außergewöhnlich, sei es eine Zitronenpresse, eine Yacht, ein E-Mobil, eine Windmühle oder eben ein Weinkeller.

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So präsentiert sich auch die neue Weinverarbeitung des Château Les Carmes Haut-Brion in Bordeaux, die er zusammen mit Architekt Luc Arsène Henry jun. gestaltet hat, als eine scharfe, metallene Klinge, wie von Außerirdischen einfach in die Landschaft, besser gesagt in eine Wasserfläche versenkt. Oder war sie immer schon da? Assoziationen zu dem berühmten schwarzen Kubus Stanley Kubrick‘s „2001: Odyssee im Weltraum“ werden (bewusst) wach gerufen.

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Dabei ist dieser 20 Meter lange, wie eine riesige Orangenspalte aus Metall geformte Bau – von Starck entworfen und dem Architekten geplant – der sich jeglichem proportionalen Vergleich und damit einer Einordnung in Zeit und Kultur entzieht, keine schlechte Idee: Der Körper steht mitten in dem Flussbett des Le Peugue, der das Weingut durchfließt, dadurch sind die unter der Wasseroberfläche liegenden Räume immer und konstant gekühlt. Es sind die idealen Bedingungen für die Lagerung und Erzeugung eines hochqualitativen Weines. Und dafür ist die Gegend um Bordeaux schließlich bekannt. Starck wiederum ist bekannt dafür, dass er seine architektonischen Arbeiten immer in einem Kontext zur Umwelt versteht und auch Interesse an deren Schutz hat. Außergewöhnlich und beachtenswert ist auch der Kontrast zu dem alten Schlösschen im Hintergrund.

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Im Februar 2013 begannen die jetzigen Besitzer des Gutes mit einer grundlegenden Renovierung und Anpassung an die Technik der heutigen Zeit. Dazu wurde unter anderem auch der Zugang zum Gut verlegt, um es der Öffentlichkeit/der Stadt zugänglich zu machen. Man hat zudem die hydraulischen Brunnensysteme aus dem 15. Jahrhundert erneuert und restauriert. Die Eigner waren der Meinung, dass nur eine Hightech Konstruktion die Talente eines Kellermeisters derart unterstützen könne, dass schlussendlich das Mysterium eines guten Weines dabei entstünde.

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Man könnte den Entwurf auch als ein sehr schmales Schiff verstehen, schließlich sind von Bordeaux aus immer schon Weine in alle vier Himmelsrichtungen verschifft worden. Das würde den in einem Wasserbecken ruhenden Körper, der nur über vier schmale Stege (wie bei einem Schiff im Hafen) betreten werden kann, auch erklären. Solche Zuschreibungen sind jedoch banal, wenn man die Architektur in ihrer Form einfach auf sich wirken lässt. Die verwendeten rohen und technischen Materialien – einfacher Beton, Glas und Stahl – sind im Hinblick auf eine theatralische Ästhetik arrangiert und ergeben dabei eine stützenfreie Struktur ohne Unterbrechung im Inneren, betont durch Lichteffekte.

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Die Architektur – wie eine rohe Metallklinge in das Erdreich geschlagen – erstreckt sich über 2.000 m2 und enthält auf ihren vier Ebenen auch einen Empfang und Technikräume. Der Fasskeller, der 300 Holzfässer aufnehmen kann und die Weinerzeugung verbergen sich unter der schützenden Wasseroberfläche. So können Temperaturschwankungen und Unterschiede in der Luftfeuchtigkeit ausgeglichen werden. Gleichzeitig werden eine gute Luftqualität und eine energetische Nachhaltigkeit erzielt. Auf der zweiten Ebene gibt es einen Bereich von ca. 200 m2 – hier wird die Ernte gesammelt.

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Er steht in einer direkten Verbindung mit dem 1.200 Hektoliter großen Fermentierungstank, welcher durch die Schwerkraft (von oben nach unten) beliefert wird. Die Bottiche für den Wein sind in unterschiedlichen Formen und Materialien gemacht: Holz, rostfreier Stahl und Beton, alle passen perfekt für die Vinifikation (Weinerzeugung) aus den verschiedensten Reben- und Bodenqualitäten des Weingutes. Die Pichet Gruppe, der das Weingut gehört, sucht jedes Jahr einen Künstler aus, der eines der neuen Fässer mit einem Werk verzieren darf. So wurde nach der Eröffnung der Architektur das Fass Nr. 18 von Ara Starck, der Tochter des Designers gestaltet.

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Der Weinverkostungsraum liegt auf der obersten Ebene – mit Blick in den Fasskeller. Schlussendlich gibt es noch ganz oben eine Aussichtsterrasse mit 350 m2, von der aus man das gesamte Gelände überblicken kann. Dazu ist zu bemerken, dass die Restaurierung des Schlosses auch das umgebende Nassgebiet als Biotop berücksichtigte. Der Abfluss wurde reguliert und trägt so zur Erhaltung der einzigartigen Biodiversität des Areals bei.

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Seit 2009 wird auch der gesamte Anbau nur mit natürlichen, organischen Mitteln betrieben, die Trauben handgepflückt und sogar Traktoren sind mittlerweile von Pferdewägen ersetzt worden. Die das Areal umgebende Landschaft ist derart gestaltet, dass natürliche Feinde der Weinpest angezogen werden. Auch das gehört zur Architektur, die ja nicht losgelöst von der Umwelt oder Landschaft betrachtet werden kann.

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Weinkeller
Bordeaux, Frankreich
Bauherr:
Patrice Pichet
Planung: Luc Arsène Henry jun.
Design: Phillippe Starck
Bebaute Fläche: 3.500 m2
Nutzfläche: 2.500 m2
Planungsbeginn: 06/2013
Bauzeit: 2 Jahre
Fertigstellung: 01/2016
Baukosten: 10 Mio. Euro

 

Fotos: ©Philippe Labeguerie

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Kategorie: Projekte