Freiluftbibliothek vom Leipziger Büro Karo Architekten

6. Februar 2011 Mehr

Wettbewerbssieger: „European Prize for Urban Public Space“ – Die Frage nach dem öffentlichen Raum ist eine sehr schwierige, schon allein deswegen, weil die Definition fast unmöglich erscheint. Denn wenn man zum Beispiel Österreich nimmt, dann gehört der öffentliche Raum eigentlich dem Auto(fahrer). Es gibt hierzulande nur sehr wenig Beispiele für wirklich öffentlichen Raum. Alles gehört irgendjemandem oder wird von Funktionen oder „Besitzern“ besetzt.

Von den zwei Siegerprojekten, die in der beachtenswerten Schau mit dem Titel „Platz da!“ im Architekturzentrum Wien noch bis 31. Jänner 2011 zu sehen sind (siehe auch architektur 07), ist das eine Projekt die norwegische Nationaloper in Oslo von Snøhetta Architekten. Der an der Osloer Bucht gelegene, imposante Bau bindet nicht nur die Stadt enger an das Hafengelände an, er ist mit seinem marmorverkleideten Rampendach zugleich auch eine Art öffentlich begehbare Gebäudelandschaft und löst damit die klassischen Grenzen zwischen Platz und Bauwerk auf.
Das zweite Siegerprojekt ist eine Freiluftbibliothek iim Magdeburger Stadtteil Salbke vom Leipziger Büro Karo Architekten, bei der die Grenzen zwischen Gebäude und Freiraum zwar ebenso fließend sind, die aber im Verhältnis zum protzigen Operngebäude einen völlig anderen planerischen Ansatz bietet.

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„Die Freiluftbibliothek in Magdeburg ist ein sehr unvoreingenommenes Projekt“, erklärte der spanische Architekt Rafael Moneo, der heuer den Juryvorsitz innehatte. „Es zeigt ein gewisses Desinteresse am allgemeinen Verständnis von Formensprache, und doch – oder vielleicht gerade deshalb – öffnet sich das Projekt für viele unterschiedliche Nutzungen und breit gefächerte Kulturaspekte.“
Denn dem Ansatz dieses Projektes des Leipziger Architekturbüros Karo (in Zusammenarbeit mit Architektur + Netzwerk) liegt ein sehr sozialer Kern zugrunde: Die Stadtbücherei, die sich einst an diesem Platz befunden hat, brannte in den 1980er-Jahren ab. Vor einigen Jahren gab es nun eine Postkartenaktion, in der die Bevölkerung aufgefordert wurde, Bücher zu spenden, um die literarische Wissenslücke im kollektiven Gedächtnis nach 20 Jahren ohne eigene Stadtteilbibliothek endlich wieder zu schließen. Es kamen so viele Bücher zusammen, dass niemand mehr wusste, wohin damit. Also beschlossen die Magdeburger aktiv zu werden und setzten gemeinsam mit den Architekten einen Forschungsantrag beim Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung. Dieser Antrag wurde genehmigt.
Bei der Entwicklung des neuen Projekts bezogen die Architekten die Anrainer mit ein, es gab öffentliche Entwurfsworkshops, in deren Rahmen einmal sogar ein Eins-zu-eins-Modell des Gebäudes mit leeren Bierkisten errichtet wurde.
Im Sommer 2009 wurde die Freiluftbibliothek schließlich in die Realität umgesetzt – mitsamt zahlreichen Sitznischen, wetterfesten Büchervitrinen sowie einem teils offenen, teils geschlossenen Bühnenturm für diverse Lesungen, Band-Auftritte und Theater-Aufführungen des benachbarten Kindergartens. Die charakteristischen Aluminium-Waffelpaneele an der Fassade stammen von einem alten, bereits abgerissenen Horten-Kaufhaus aus den 1960er-Jahren, somit wurden auch der Recyclingaspekt und die Nachhaltigkeit berücksichtigt. Wo einst die Stadtbücherei gestanden hat, befindet sich heute ein ungewöhnliches Mischding zwischen Architektur, Kunstinstallation und kleiner, aber feiner Parklandschaft. Kinder sitzen auf den Holzbänken und blättern in Büchern, Jugendliche hocken in verglasten Nischen, Mütter machen Pause von einem Spaziergang mit Kinderwagen und Knirps oder rasten mit schweren Einkaufstaschen.
Alles völlig natürlich und öffentlich!

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Kategorie: Projekte

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