Zu Gast im Lagerhaus – Armazém Luxury Housing

13. Juni 2018 Mehr

Armazém Luxury Housing / Porto / Luís Sobral with Pedra Liquida

Auch in Hotels und Herbergen wird gewohnt und seit neuestem auch in Lagerhäusern. Und zwar manchmal schöner und besser als in Eigenheimen. Ein Beweis dafür ist die Wiederherstellung und Umgestaltung eines alten Lagerhauses für Eisenwaren aus dem 19. Jahrhundert in einen luxuriösen Wohn- und Hotelkomplex. Das Projekt mit der Bezeichnung „Armazém luxury housing“ liegt in einer bekannten Straße in Porto, Portugal, ist heute ein Hotspot in der Stadt und bietet, mittels strategisch klug positionierter Fenster, tolle Ausblicke auf die Umgebung. Das Gebäude sitzt auf einem kleinen, charmanten Platz in der Stadt, von der aus in früheren Zeiten Expeditionen in die ganze Welt starteten. Heute ist Porto ein Lieblingsziel von Touristen.

Es war fast unmöglich, das tatsächliche Alter der Architektur zu bestimmen. Einige Elemente konnten zurück bis ins 15. Jahrhundert datiert werden. Antikes war aber nicht gerade das, was die Besitzerin interessierte. Für sie war es wichtig, ein helles, freundliches Haus in diesem dichten, farbenfrohen Quartier entlang des Flusses Douro zu schaffen. „Armazém“ bedeutet übrigens auf portugiesisch „Lagerhaus“ und „housing“ wird hier im Sinn von „Gästehaus“ verwendet. Die Verwandlung eines abgewirtschafteten Lagerhauses in ein Boutiquehotel ist sicherlich ein größeres Unterfangen, doch drei Jahre scheinen dafür eine lange Zeit zu sein. Im Fall des Armazém Luxury Housing bot der nicht gerade gedrängte Zeitplan dem Architekten Luís Sobral und der Besitzerin Fernanda Gramaxo allerdings genug Zeit, sehr behutsam und überlegt die Umsetzung zu planen. Es wurde eine bescheidene, um nicht zu sagen, von Understatement geprägte herzliche Hommage an die Geschichte des Hauses, in dem früher Baumaterialien und Eisen gelagert waren.

 

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Ein abgewirtschaftetes Lagerhaus in Porto, Portugal, hat Architekt Luís Sobral in ein anmutiges, modernes Boutiquehotel transformiert. Dabei ist sowohl nachhaltig im Sinn verwendeter Baumaterialien als auch ziemlich kreativ im Umgang mit der alten Substanz gearbeitet worden.

 

Die Straßenfassade ist nur sieben Meter breit, aber das Innere erstreckt sich mehr als 35 Meter in die Tiefe. Diese Eigenheit versuchte Architekt Sobral so gut wie möglich beizubehalten, indem er horizontale Sichtlinien nach Möglichkeit nicht unterbrach. Auf der Erdgeschossebene überblickt die Rezeption durch Glastüren den Platz vor dem Haus. Im Untergeschoss profitiert die Frühstücks­ebene von den Vorteilen des Lichthofes, der fast die halbe Gebäudebreite einnimmt. Darüber – auf vier Ebenen verteilt – befinden sich acht Standard-Gästezimmer und eine Suite, die sich über das gesamte Dachgeschoss ausdehnt. Ein frei schwebendes Stiegenhaus verbindet die oberirdischen Ebenen. Die Korridore vor den Zimmern bieten immer wieder Überraschungen: Loungeecken zum Relaxen und Lesen oder Fenster mit Ausblicken auf die mittelalterlichen Mauern.

Alter Granit und neuer Stahlbeton, Stahl und Tannenholz bestimmen die Atmosphäre der Innenräume. Das ist nicht nur einer Kostenreduktion geschuldet, sondern auch ein Tribut an die industrielle Geschichte dieser Architektur. Denn warum sollte man luxuriöse Materialien in einem Lagerhaus verwenden? Diese utilitaristische Einstellung, die momentan auch modern ist, findet ihre Entsprechung auch bei den Nasszellen – diese gleichen eher (von außen zumindest) Stauräumen oder großen Kästen. Die Stauräume sind übrigens teils am Boden und teils an der Decke aufgehängt befestigt. Die minimalistisch wirkenden Betten mit vier Pfostenbeinen sind speziell entworfen und von lokalen Handwerkern angefertigt. Der Kopfteil des Bettes in der Penthouse-Suite enthält einige Stufen aus Holz. Diese dienen als Schubladen, und wenn man auf der obersten Stufe steht, erblickt man durch das Dachfenster die Türme der historischen Kathedrale der Stadt.

 

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Die Mischung und Vermengung von unterschiedlichsten, aber doch einfachen Materialien sorgt für den Reiz der Innenräume.

 

Sobral meint, die größte Herausforderung bei der Arbeit an einem Hotel sei, eine Persönlichkeit in die Architektur zu bringen und die Gäste zu überraschen. Während er am Entwurf feilte, befasste sich die Besitzerin mit den Möbeln und den Textilien. Sie ließ sich dabei von der Idee leiten, Kontraste und Gegensätze, sozusagen als zweite Ebene, in Bezug auf die industrielle Vergangenheit zu implementieren. Um die Einrichtung zu vervollständigen, kaufte man auch Stücke aus der Türkei und Indien, um einen Hauch von Shabby-Chick und Vintage-Look einzubringen. Leinen und Samt bedecken die Fronten der Waschzellen und der Stauräume. Samtvorhänge in gedämpften Farben schützen in den Zimmern die Gäste vor der grellen Sonne Portugals. Wände sind absichtlich frei gehalten, um ihre ursprüngliche Rohheit zu betonen.

Die einzige Ausnahme in dieser Hinsicht ist die Rezeption, hier zeigen große Farbfotografen die Architektur in ihrem Originalzustand. Das ist als eine Art „portugiesischer Weltschmerz“ zu verstehen, eine Liebe zum Alten, zum Vergangenen. Alles in allem – eine fast magische Stimmung aus historischer Essenz und Modernität.

 

 

Armazém Luxury Housing
Porto, Portugal

Bauherr: Fernanda Gramaxo
Planung: Luís Sobral mit Pedra Liquida
Team: Luís Sobral, Teresa Novais, Carlos Campos, Maria Barreiros, Filipe Madeira, Tiago Antero, Diogo Mesquita
Statik: Ana Vale, Miguel Vale
Innenarchitektur: Luís Sobral with Fernanda Gramaxo
weitere Fachplaner: Raul Bessa, Telmo Mesquita, Luís Oliveira, Rui Ribeiro

Nutzfläche: 958 m2
Planungsbeginn: 2013
Fertigstellung: 2016

Fotos:©José Campos

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Kategorie: Projekte