Der Wiener Nordbahnhof

10. Februar 2017 Mehr

Ein Stadtteil zwischen Wohnen und Freizeit.
Die Brachflächen des ehemaligen Nordbahnhofs in Wien sind die letzten unbebauten Areale in Zentrumsnähe. Früher wurde in diesem Viertel ein Frachtenbahnhof betrieben – heute befindet sich auf dem unbebauten Teil des 2. Wiener Gemeindebezirks nur noch eine Mischung aus Wildwuchs, abbruchreifen Bauwerken und Sperrmüll. Dies wird sich in den nächsten Jahren ändern.

Das Gelände stellt mittlerweile nämlich eines der größten und wichtigsten innerstädtischen Entwicklungsgebiete der Stadt Wien dar. Bis 2025 sollen auf 185 Hektar Fläche Wohnungen für 20.000 Bewohner realisiert werden, wobei zusätzlich die Schaffung von 10.000 Arbeitsplätzen vorgesehen ist. Dabei wird das Gelände laut der MA 22 kein „homogenes Stadtviertel im eigentlichen Sinn“ darstellen, sondern sich aus mehreren Teilen zusammensetzen. Die Herausforderung wird während der Planung der einzelnen Areale darin bestehen, diese zu einem funktionierenden, gut zusammenspielenden Bezirksteil zu verbinden.

Auf rund 50 Prozent der Fläche des einstigen Frachtenbahnhofs sind die Bauarbeiten schon abgeschlossen. Zu den mittlerweile realisierten Vorhaben gehören die Wohnbauten inklusive Volksschule und Nahversorgern rund um den Rudolf-Bednar-Park – weitere Projekte befinden sich schon in Planung oder wurden bereits errichtet. Zur letztgenannten Kategorie gehört auch der Bildungscampus. Für den Bereich von 6,5 Hektar wurde im Mai 2016 ein mehrstufiger Wettbewerb ausgeschrieben, aus dem der Entwurf der Klammer Zeleny ZT-GmbH als Sieger hervorging.

Wohnen am Bildungscampus
Neben einem Wohn- und Grünraumangebot wird auf der Fläche inmitten von Wohnbauten ein Bildungscampus errichtet. Dieser soll Einrichtungen zur Ausbildung von null- bis vierzehnjährigen Kindern beinhalten. Vorgesehen ist dabei unter anderem die Realisierung einer Musikschule. Beim neuesten Schulbauprojekt der Stadt Wien hat sich der Entwurf des Architektenteams Klammer Zeleny ZT-GmbH aufgrund seiner klaren Position als Solitär sowie der geschickten Baukomposition durchgesetzt. Das Konzept sieht für das Areal ein einfach strukturiertes Gebäude, das in Form einer Blume angelegt werden soll, vor. Dabei wird das Bauwerk über drei Gebäudearme – die so genannten „Blütenblätter“ – verfügen. In denselben wird jeweils ein Bildungsbereich untergebracht, wobei gemeinschaftlich genutzte Bereiche wie die Aula in Form eines Blumenstiels als zusammenführende Verbindung dienen sollen. Im Außenbereich werden den Campus abwechslungsreich gestaltete Spiel- und Grünflächen umgeben. Eine großzügige Freiraumgestaltung nimmt aber nicht nur bei den Bildungseinrichtungen, sondern auch am gesamten Areal des ehemaligen Nordbahnhofs einen wichtigen Stellenwert ein.

Bebauter Rand trifft auf freie Mitte und Wildwuchs
Das Herzstück des Stadtentwicklungsgebiets wird ein mittig angelegter, von Wohnbauten eingerahmter Park darstellen. Durch seine Nähe zu den Wohneinheiten befindet sich dieser „vor der Haustüre“ der ortsansässigen Bevölkerung und kann von dieser in nur wenigen Gehminuten erreicht werden. Zusätzlich zu dieser Grünfläche plant die Stadt Wien auf dem Gelände die Realisierung – oder vielmehr Erhaltung – von zwölf Hektar „Stadtwildnis“. Die Erhaltungswürdigkeit des wild durchwachsenen Abschnitts auf dem Areal wurde gemeinsam von den zuständigen Planern und den Einwohnern Wiens im Zuge eines Bürgerbeteiligungsverfahrens beschlossen. Fortan soll also jene Fläche für jeden Passanten zugänglich gemacht werden und so die Funktion als Nah-erholungsgebiet im Stadtraum erfüllen. Von diesem Grünraum aus wird es dabei möglich sein, sowohl den Donaukanal als auch das Ufer der Donau zu Fuß zu erreichen – dadurch soll die Grünfläche auf dem Nordbahnhof eine wichtige Verbindung zwischen den beiden Freizeitarealen der Stadt darstellen, wodurch auch Personen, die nicht am ehemaligen Nordbahnhof wohnen, in den neuen Stadtteil gelockt werden sollen. Laut der Stadt Wien wird aber nicht nur die „Stadtwildnis“ für die Belebung des Areals sorgen. Bei allen neu gebauten Gebäuden wird nämlich auf eine adäquate Nutzung der Erdgeschosszonen großen Wert gelegt – im Parterre der Wohnhäuser sollen sich in Zukunft also nicht Garagen, sondern Geschäftslokale befinden. Auf diese Weise soll der neue Bezirksteil zu einem lebendigen Viertel in der Leopoldstadt heranwachsen.

Den Grundstein für das heutige Konzept zur Neugestaltung des Stadtentwicklungsgebiets legte die Stadt Wien im Jahr 1994. Damals wurde das Leitbild 1994 entwickelt, welches als Vorbild für das heutige Bebauungsvorhaben des Areals diente. Die Grundsätze dieses Konzepts schlugen eine Nutzung des Gebiets auf Basis seiner Anbindung an den öffentlichen Verkehr vor. Des Weiteren wurden die Bedeutung des Grünraumes und dessen Erhaltungswürdigkeit sowie die Wichtigkeit der ökologischen Aspekte im Städtebau unterstrichen. Gleichzeitig sah das Konzept eine Verschmälerung der ehemaligen Bahntrasse vor. Bis auf den letztgenannten Vorschlag wurden nahezu alle Ideen des ursprünglichen Leitbildes in den neuen Masterplan für das Areal eingearbeitet.

Ideale Bedingungen für Radfahrer und Fußgänger
Das Areal wird sowohl durch die S-Bahn als auch durch die U-Bahn erschlossen. Dadurch sind die Bewohner des Gebiets nicht auf ihren PKW angewiesen. Zusätzlich wird eine Verlängerung der Straßenbahnlinie O bis zur Kreuzung Taborstraße/Leystraße im 2. Wiener Gemeindebezirk angestrebt. Zur Verringerung des KFZ-Verkehrs im Wohngebiet sollen zudem Durchfahrtssperren sowie autofreie Zonen, welche die Lärmbelästigung minimieren und die Verkehrssicherheit erhöhen, sorgen. Kennzeichnend für das Areal des ehemaligen Nordbahnhofes sind im bereits fertiggestellten Wohnviertel große, breite Wege und weitläufig angelegte Straßenräume. Hiermit ist dafür gesorgt, dass Fahrradfahrer und Fußgänger problemlos nebeneinander Platz finden, wodurch ein wichtiger Beitrag zur Attraktivierung des Rad- und Fußverkehrs am ehemaligen Nordbahnhofgelände im 2. Wiener Gemeindebezirk geleistet wird.

Ein neuer Stadtteil schafft über 8.000 Arbeitsplätze
Ein weiteres Projekt, das den Charakter des neuen Stadtteils durchaus prägen wird, ist das Wirtschaftszentrum „Austria Campus“, welches sich derzeit noch in Bau befindet. Auf 303.000 m² Fläche werden im Süden des ehemaligen Nordbahnhofareals fünf Bürogebäude erreichtet. Daneben will der Bauträger Signa auf dem Gelände ein Ärztezentrum, einen Kindergarten, Einzelhandelsketten sowie ein Hotel realisieren. Diese Einrichtungen werden mit einer eigenen Infrastruktur ausgestattet und verfügen durch die Nähe zur S-Bahn-Station „Praterstern“ bereits jetzt über eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Dies hat den Vorteil, dass selbst Personen, die nicht in der Nähe des Nordbahnhofes leben, den „Austria Campus“ selbst ohne PKW leicht erreichen können und zusätzlich ein umfassendes Angebot an Nahversorgungseinrichtungen zur Verfügung haben.

Um sich ein umfassendes Bild über die Funktionalität und das Zusammenspiel der einzelnen Bereiche im innerstädtischen Stadtentwicklungsgebiet machen zu können, muss die Fertigstellung des Projekts abgewartet werden. Derzeit verspricht die ausgewogene Mischung aus Bebauung und Grünfläche, die gleichzeitig mit einer guten Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz punktet, zu einem für die Stadt Wien prägenden Ortsteil heranzuwachsen. Durchaus positiv fällt jetzt schon die Tatsache auf, dass sich der Stadtteil am ehemaligen Nordbahnhofgelände räumlich öffnet. Im bereits fertiggestellten Wohnviertel wirken die breiten Wege gepaart mit den verkehrsberuhigten Straßen auch auf ortsfremde Passanten einladend. Zudem ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Grünflächen und Parkanlagen im nördlichen Abschnitt des Gebiets zu einem für die Stadt Wien wichtigen Naherholungsgebiet avancieren.

Text & Fotos: ©Dolores Stuttner

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