Die Herrengasse rollt die Teppiche aus

23. Mai 2017 Mehr

Welchen Mehrwert können (Licht-)Kunstinstallationen im öffentlichen Raum bieten? Funktionieren sie auch als Informationsträger? Können sie jenseits der Ästhetik auch eine Identität des Ortes begründen?

 

Die Herrengasse liegt im Herzen Wiens und hat eine lange Geschichte vorzuweisen. Sie verläuft entlang der ehemaligen römischen Limesstraße, die wiederum aus dem Mittelalter als Hochstraße bekannt ist. Im Barock schließlich siedelte sich – wegen der Nähe zur Hofburg, der Hochadel an und errichtete prunkvolle Stadtresidenzen, wie zum Beispiel das Palais Kinsky, das Palais Harrach, Trauttmansdorff, Batthyany oder Porcia mit ihren wunderschönen Innenhöfen. Das Palais Ferstel, ursprünglich als Bank- und Bürogebäude errichtet, glänzt mit einer eleganten Passage, die wiederum mit den Innenhöfen des Palais Harrach verbunden ist.

 

Licht- Kunstinstallation Herrengasse

 

Am Standort des ursprünglichen Stadtpalais Liechtenstein wurde in den Zwanzigerjahren das erste Wiener Hochhaus erbaut, welches ein weiteres architektonisches Highlight des Straßenzugs darstellt. Dessen Eigentümer haben sich auf Initiative des Juristen Dr. Wolfgang Spitzy mit den Besitzern anderer Objekte zu einer Interessentengemeinschaft zusammengetan und entschieden, im Sinne ihrer Immobilien in eine grundlegende Neugestaltung zu investieren und die Herrengasse als Gesamtes aufzuwerten.

In Abstimmung mit der Stadt Wien wurde sie – als mutig finanziertes PPP-Projekt – in eine Begegnungszone umgewandelt. Für die Gestaltung der Oberflächen wurde der schon für die Neugestaltung von Kärntner Straße, Graben und Stephansplatz verantwortliche Architekt Clemens Kirsch gewonnen, der mit großformatigen Granitplatten und pferdehufbeständigem Betonpflaster auf einheitlichem Niveau der Herrengasse eine ungeahnte Großzügigkeit verliehen hat. Nicht zuletzt trägt die teilweise Umleitung der Fiaker- und Taxirouten über die Bankgasse zur Entschleunigung des Straßenzugs bei.

 

Licht- Kunstinstallation Herrengasse

 

Das Lichtkonzept wurde von podpod design beigesteuert, die in enger Kooperation mit der „MA 33 – Wien Leuchtet“ einen entsprechenden Lösungsansatz erarbeiteten. Die Seilhängeleuchten wurden entfernt und in den engeren Straßenquerschnitten durch historische LED-Wandlaternen, in den breiteren durch Kandelaber ersetzt. Das ermöglicht den freien Blick nach oben und lässt die Fassaden der Palais erst wahrnehmbar werden. Diese sollen sukzessive neu beleuchtet werden und zur stimmungsvollen Inszenierung beitragen. Bereits umgesetzte Beispiele sind das Palais Ferstel, das Palais Kinsky, sowie die miteinander verbundenen Palais Batthyany und Trauttmannsdorff.

 

Virtuelle Teppiche und Go-Steine

Ein Highlight stellen zwei Kunstinstallationen dar: Die überdimensionalen Go-Steine von Gregor Eichinger in der Fahnengasse beim Hochhaus thematisieren den Fortschritt der künstlichen Intelligenz – wurde doch unlängst der Go-Weltmeister erstmals von einem Computer besiegt. Die Lichtkunstinstallation „Die Herrengasse rollt die Teppiche aus“ von podpod design weist auf die zunehmend verschwimmenden Grenzen von öffentlichem und privatem Raum hin. Die Idee entstand beim Studium des verzweigten Netzwerks von Innenhöfen und Durchgängen, wie beim Palais Harrach oder beim Ferstel, die der Herrengasse eine ungeahnte zweite Dimension geben. Doch wo hört die Öffentlichkeit auf, und wo beginnt das Private? Wir konnten die Eigentümer der wichtigsten Palais der Herrengasse davon überzeugen, ihre Tore abends für die Allgemeinheit zu öffnen und den Außenraum fließend in den Innenraum übergehen zu lassen. Wie eine einladende Geste werden täglich ab Einbruch der Dunkelheit in regelmäßigen Intervallen aus Licht gewobene Teppiche des Museums für angewandte Kunst und Gegenwartskunst in Wien ausgerollt. Das MAK besitzt eine der bedeutendsten Knüpfteppichsammlungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert – eben aus jener Zeit, in der viele der Palais erbaut wurden. Orientteppiche waren begehrte, repräsentative Sammlungsstücke. Die Installation lässt viel Raum für Geschichte(n), wie ein solcher Teppich ins Palais gekommen sein mag. Hat Gräfin Eleonore Batthyany von ihrem engen Vetrauten Prinz Eugen nach seinem Sieg über die Osmanen einen erbeuteten Teppich geschenkt bekommen? Oder vielleicht bekam der Graf Harrach ein solches Prachtstück als diplomatisches Geschenk aus dem Iran?
Technisch war das Projekt jedenfalls eine Herausforderung, galt es doch, die über das Internet gewarteten Projektoren möglichst versteckt und denkmalamtskonform zu platzieren und das projizierte Bild innerhalb der von der MA 46 – Verkehrssicherheit vorgegebenen Grenzen zu halten. Das hatte komplexe Entzerrungsprozeduren zur Folge, dank der Umsetzung durch die LB Electronics wurden aber immer Lösungen gefunden.

 

Virtuelle Teppiche

 

Nachtruhe

 Doch auch an die Umwelt wurde gedacht: Bevor spätabends die Palais ihre Tore schließen und nur mehr wenige Nachtschwärmer durch die Herrengasse ziehen, werden auch die Teppiche für den Rest der Nacht wieder eingerollt; Ruhe muss schließlich auch sein – akustisch und visuell.

 

Text & Fotos: © podpod design

 

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Kategorie: Licht, News

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