Mehr als Wein und Architektur

13. März 2017 Mehr

Weinverkostung / Melgaço / CORREIA/RAGAZZI ARQUITECTOS

Im Wein, im Weinbau und der Verkostung, bzw. dem Genuss von vergorenen Trauben liegen schon einmal ein paar Jahrtausende Tradition und Kulturgeschichte. Schon 5000 Jahre vor unserer Zeitrechnung lässt sich im Südkaukasus, im heutigen Georgien, sowie in der vorderasiatischen Landschaft Sumer (heute südlicher Irak) erstmals der Anbau von Weinreben durch Menschenhand nachweisen. Das Produkt der Rebe, der Wein, wurde als Getränk der Götter angesehen. Der griechische Gott Dionysos, beziehungsweise sein römisches Pendant Bacchus, ware in der Mythologie dem Wein gewidmet.

 

Weingut in Malgaco

 

Es ist also nicht verwunderlich, wenn in Weinkellern, Gewölben und damit zusammenhängenden Architekturen immer auch ein gutes Stück Zeit sichtbar wird. Steinmauern, unverputzte Ziegelwände, Lehm – all das verbindet man in der Vorstellung mit der Kultur und dem Geist des Weines.

 

Weingut in Melgaco

 

Aber es geht auch anders, wie das Beispiel der CORREIA/RAGAZZI ARQUITECTOS in Melgaço, der nördlichsten Region Portugals zeigt: Ein Grundstück mit einer Komposition aus Häusern und Ruinen, kultiviertem Land und einem Pinienwald – das war der Besitz der Auftraggeber. Diese beabsichtigten das Gebäude zu retten und zu vergrößern, um einen landwirtschaftlich/ländlich angehauchten Tourismusbetrieb mit Wohnmöglichkeit zu entwickeln. Und da die Auftraggeber Weinbauern waren, sollten auch ein Weinkeller und eine Weinverkostung dazukommen. Die zu errichtende Erweiterung sollte sich in einem neuen Gebäude manifestieren. Sie steht im Dialog und in Beziehung zu der schon existierenden, vor Ort befindlichen Steinmauer. Mit einem Wort, ein Neu- oder Zubau in der Tradition und im Kontext des Ortes.

 

Die Architekten wiederholten unter respektvoller Berücksichtigung des Maßstabes das vorhandene Volumen des alten Hauses. Bei dem renovierten Bauteil behielt man die Steinmauern aus Granit und das traditionelle Satteldach samt Ziegeldeckung bei. Der neu hinzugefügte Körper definiert sich selbst durch eine zeitgemäße Materialität, welche den Dialog mit dem Alten bereichert. Die Außenseite ist mit einer Struktur, welche seit Jahrzehnten in den umliegenden Weingärten vorkommt, überzogen: Es sind vorgefertigte, aus Beton gegossene Befestigungssäulen für Weinstöcke. Aus der Ferne wirkt sie fast wie Wellblech, erst aus der Nähe kommt die harte, haptische Oberfläche richtig zum Tragen.

 

 

Die Inneneinrichtung beider Bauteile ist – im Kontrast zu ihrem harten Äußeren – aus Holz und bietet eine angenehme, warme Atmosphäre. Verschiedene Details im Inneren, wie ein aus Stäben gefertigtes Geländer könnte man als Referenz an die serielle Anordnung der Weinstöcke im Außenraum interpretieren. Anschließend an eine großzügige Küche befindet sich der Essbereich, der durch ein Atrium mit der darüber liegenden Ebene verbunden ist. Der Wohnbereich liegt ein paar Stufen tiefer, eine im Boden halb versenkte Ledersitzbank bildet den höhenmäßigen Abschluss. Die Fußböden bestehen aus einem eingefärbten Fließestrich.

Zwischen den beiden Volumen, die wie Akteure auf dem Schachbrett stehen, hat man eine grüne Erholungsfläche geschaffen. Dieser Bereich korrespondiert mit dem grünen Dach des Weinkellers und der Weinverkostung. Beide Volumina sind eigentlich mit dem Auge nicht erfassbar, da sie sich unter der Erde befinden. Einzig eine große Öffnung in der Steinmauer erlaubt aus ihrem Inneren den Blick hinaus in die Weingärten und die existierenden Bewässerungsanlagen.

Der Entwurf bietet vom Eingang des Grundstückes an eine bessere Aufschließung und Beziehung der architektonischen Elemente untereinander. Die beiden in die Höhe ragenden Bauten, alt und neu, flankieren und rahmen die existierenden Terrassen. Alle anderen Räumlichkeiten befinden sich, dem Blick entzogen, geschützt von den Bruchsteinmauern der Terrassen, die wieder bis zu ihrer ursprünglichen Ausdehnung rekonstruiert werden konnten, und so Raum für den Weinbau bieten.

 

 

Interessante Zugänge zur Nachhaltigkeit ergeben sich auch aus den Aussagen der Architekten: Sie versuchen nie, trendige Lösungen, technoide Ansätze in ihre Arbeit einzubringen. Zuerst trachten die Planer die hunderte Jahre alten Erkenntnisse der regionalen Baukultur wieder oder weiter zu verwenden, aus dem Wissen der Zeit zu schöpfen. Gerade bei einem derart kleinen Projekt wie diesem sind Sonneneinstrahlung und natürliche Be- und Entlüftung wichtiger als „künstliche“ Lösungen. Lieber sammeln sie alte Bauteile und recyceln bzw. upcyceln diese. Außerdem werden ausschließlich lokale Arbeitskräfte eingesetzt. Hier wurden Sonnenkollektoren verwendet, die so platziert wurden, dass sie nicht sichtbar und nicht über den traditionellen Dachziegeln montiert sind. Die Architektur richtet sich in erster Linie danach, die vorhandene Landschaft zu schützen, einen möglichst geringen Eingriff vorzunehmen und so eine Landschaftsnachhaltigkeit zu erzielen.

 

Plan_ Weingut Melgaco

 

Agroturismo em Melgaço
Melgaço, Portugal

Bauherr: Melgaço Alvarinho Houses
Planung: CORREIA/RAGAZZI ARQUITECTOS
Mitarbeiter:  Juliano Ribas Silva, Marta Pinheiro de Almeida, Rita Breda
Grundstücksfläche: 18.740 m2
Bebaute Fläche: 621,35 m2
Statik: omega
Planungsbeginn: 2013
Fertigstellung: 2016

 

Text: Peter Reischer

Fotos: © Juan Rodriguez

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Kategorie: News, Projekte

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