Nachhaltigkeit in der Architektur

16. Februar 2017 Mehr

Das Thema Energie ist vielschichtig. Begriffe wie Effizienz, Nachhaltigkeit, Effektivität spielen hier eine große Rolle. Die meisten Menschen verstehen unter Nachhaltigkeit eine Verlängerung der Lebensdauer, der Qualität, der Effektivität. Also einfach ein MEHR aus etwas herauszuholen.

Doch leider ist das Ergebnis dieser Anstrengungen oft nur eine Maximierung des Profits, der Ausbeute, der Nutzung.

Das Wort hat einen ähnlich schalen Beigeschmack bekommen, wie seinerzeit die Bezeichnung „green“. Derart etikettiert wurde jedes Produkt leichter verkäuflich und notabene auch teurer. Vielleicht auch deshalb haben Industrie und Wirtschaft dann „blue“ kreiert – so wurde der Absatzmarkt wieder vergrößert. Viele wollen heute die Bezeichnung „nachhaltig“ überhaupt nicht mehr hören, verwenden deshalb einfach den Anglizismus „sustainable“. Klingt besser, ist aber dasselbe.
Das Grundproblem bei der Degradierung von an und für sich positiven Begriffen liegt in deren Werthaltigkeit. Wir neigen dazu, etwas „Gebrauchtes“ als weniger (manchmal nicht zu unrecht) wertvoll anzusehen. Was wäre aber, wenn wir statt nach immer Neuem (Ungebrauchtem) zu trachten, lernen das Neue im Alten zu erkennen? Die folgenden Beispiele sollen eine kleine Anregung sein, was alles möglich ist. Wie man eine alte Architektur erhalten und Sinn bringend aufwerten kann. Denn nicht immer ist der Baggerzahn die beste Lösung. So gesehen ist das Entdecken von neuen Möglichkeiten in alter Architektur ein Mehrwert, der aber oft mit einer Reduktion einhergeht. Das kann auch Nachhaltigkeit sein!

Lernen von der Natur
Man nehme zum Beispiel ein „Abfallprodukt“ der Landwirtschaft, das fast kostenlos und ohne lange Transportwege zu haben ist: das Stroh. Nicht nur ein im Projektteil dieses Magazins beschriebenes Strohhaus in Griechenland (noch nicht gebaut), sondern auch ein Beispiel aus Österreich ist ausgesprochen nachhaltig und innovativ. Architekt Georg Bechter hat für einen privaten Kunden in Vorarlberg ein Strohhaus entworfen (für den Bauherrenpreis 2016 nominiert). Eigentlich sollte es eher ein experimenteller Ansatz sein, doch dann ist ein voll funktionsfähiges Einfamilienhaus daraus geworden. Aus 120 cm dicken Wänden aus Strohballen errichtet, außen mit Kalk und innen mit Lehm verputzt, braucht es keinerlei zusätzliche statische Konstruktion. Die Wände tragen das Dach, welches selbstverständlich auch mit Stroh gedämmt ist. Und diese Architektur benötigt keinerlei Heizungstechnik, die Speichermasse des Strohs und die Fußbodenplatte genügen zusammen mit einem Kachelofen für den gesamten Wärmebedarf. Ein Heißwasserboiler ist die einzige Heiztechnik im Haus.

Fotos:©Adolf Bereuter

Neues im Alten
Wie ein alter Taubenschlag zu einem Kinderspielraum wird, zeigt das Projekt der portugiesischen AZO Sequeira Arquitectos Associados. Der Taubenkobel befand sich im letzten Grundstückswinkel des Auftraggebers und sollte eigentlich abgerissen werden. Auf einer Steinmauer, leicht abgehoben, befindet sich nun ein ganz einfacher Betonkörper, dem man aber seine Schwere und auch den Beton gar nicht ansieht. Form und auch einige Details wie das dreieckige Einflugloch für die Tauben erinnern noch an Vergangenes. Die deutlichen Abdrücke der Schalungsbretter im Beton lassen den Körper fast wie aus Holz gemacht erscheinen. Da der Körper auf einer Mittelstütze aus Stahlbeton schwebt, ergibt sich darunter noch genug Raum für ein Bad mit Dusche für die Sommermonate. Die Grund- und Umfassungsmauern dieses Balneums sind aus alten Steinmauern, in der gleichen Ausdehnung wie zu Zeiten des Taubenfluges.

Fotos: ©Nelson Garrido

Shed reloaded
Dass „Altes“ nicht immer ausgedient hat und abgerissen werden muss, beweisen auch die Sue Architekten wieder einmal im Wienerwald. Ein aus den 30er Jahren stammender, schwarzer alter Holzschuppen neben einem – ebenfalls von den Architekten – liebevoll restaurierten Mansardenhäuschen wurde mit wenig Aufwand in eine Schreibstube, Gästeraum oder Kinderparadies verwandelt. Sogar das moosbedeckte Dach wurde nicht angerührt, die Aufwertung vollzog sich an der Außenseite fast unsichtbar. Einzig die dreieckige Giebelwand ist mit einer Glasscheibe getauscht worden. Ansonsten sind die Dachflächen an der Innenseite gedämmt und mit grau lasiertem Fichtenholz verkleidet sowie ein gemütlicher Dielenboden verlegt worden. Im hinteren Teil dient eine gepolsterte Erhöhung als abenteuerliche Schlafstelle für Gäste. Eine Falltüre aus Messing verschließt diesen Rückzugsort und macht ihn zu etwas Besonderem. Gelüftet wird mit einem bereits vorhandenen Fenster und kleinen seitlichen Luken. Der Raum ist ungeheizt, aber das tut seinem Reiz keinerlei Abbruch. Mit vergleichsweise wenig Aufwand ist aus einem wertlosen Schuppen ein nun sehr wohl beachteter Bau geworden. Im Erdgeschoss bietet sich mit 30 m2 immer noch Raum für Gartengeräte, Holz und diverse andere Funktionen.

Fotos: ©Andreas Buchberger

Das weltweit größte Passivhaus
Mit Platz für 1.400 Mitarbeiterern auf einer Bruttogeschossfläche von 96.000 m2 ist die Mitte September eröffnete neue Zentrale der Wiener Netze in Wien Simmering eine der größten Corporate Immobilien Wiens. Gleichzeitig ist der Smart Campus mit einem Primärenergieverbrauch von unter 120kWh/m2/Jahr und einer Energiebezugsfläche von 35.000 m2 das nach derzeitigem Wissensstand größte Gebäude weltweit, das im Passivhausstandard funktioniert. Der Smart Campus soll den Großteil des Energieverbrauchs selbst decken. Erreicht wird dies neben der hochwärmedämmenden Hülle und der effizienten Haustechnik durch die Verwendung von Grundwasser zur Kühlung und Erwärmung des Gebäudes sowie durch die flächendeckende Anbringung von Fotovoltaikpaneelen auf den Dachflächen. Damit werden 60 Prozent des Gesamtenergiebedarfs aus alternativen Quellen abgedeckt. Dank eines eigens für die Immobilie programmierten Feedback- und Steuerungssystems sollen die MitarbeiterInnen den bewussten Umgang mit Energieressourcen am Arbeitsplatz lernen. Mittels Touchscreens wird ihnen angezeigt, wie sie ihr Verhalten im Hinblick auf Heizen, Kühlen, Lüften und Beschatten der Arbeitsräume sowie das Öffnen von Fenstern besser steuern können.

Fotos: ©Walter Oberbramberger

Biomannequin
Effizienz macht auch vor dem menschlichen Körper nicht halt. Man denke nur an die Optimierungszwänge, denen manche Menschen sich hingeben: Plastische Chirurgie, Ersatzteile etc. Der Mensch ist eben für viele auch Architektur, nur eben etwas komplexer und aufwendiger. Das italienische Unternehmen Bonaveri hat nun nach vier Jahren Forschung das erste, völlig biologisch abbaubare Mannequin präsentiert. Es besteht zu 72% aus biobasiertem Kunststoff aus der Zuckerrohrproduktion, die Farbe ist zu 100% aus natürlichen, erneuerbaren Substanzen hergestellt. Alles zertifiziert und offiziell bestätigt.

Fotos: ©Bonaveri

Bauschaum aus Rinde
Der europäische Forschungsverbund „BioFoamBark“ mit neun Partnern hat neue Rezepturen zur Herstellung Tannin-basierter Bauschäume aus der Rinde von Kiefern und Fichten entwickelt. Dass Schäume auf Basis von Tannin viele Vorteile haben, war schon zu Projektbeginn durch frühere Arbeiten der französischen Partner von der University of Lorraine bekannt. Allerdings wurden solche Schäume bislang nur aus tropischen Baumarten wie Mimosa und Quebracho hergestellt. In „BioFoamBark“ sollten nun Verfahren zur Schaumherstellung aus europäischen Arten erprobt und dabei vor allem das Nebenprodukt Rinde verwertet werden. Zur Herstellung der Schäume entwickelten die Forscher zwei Rezepturen für Tannine aus der Monterey- und der See-Kiefer und eine Rezeptur für Fichtenrindentannin, deren Eigenschaften mit denen aus den tropischen Baumarten im Wesentlichen vergleichbar waren. Da man aus Rinde aktuell vor allem Energie gewinnt, empfehlen die Forscher eine Kaskadennutzung zur Vermeidung von Nutzungskonkurrenzen: Nach der Tannin-Extraktion bleiben 80 bis 85 Prozent der ursprünglichen Biomasse übrig, die weiter als Energieträger zur Verfügung stehen. Außerdem sollen weitere biobasierte Nebenprodukte wie Glycerol oder Furfural abgeleitet werden.

©UNI Freiburg

Mit Holz in die Höhe
Als nachhaltiger Baustoff ist Holz bereits bekannt. Allen Vorurteilen zum Trotz wird er im Hochhausbau immer mehr verwendet. HAUT, ein 21 Stock hoher Holzbau in Amsterdam, soll einer der höchsten Holztürme der Welt werden. Die Architektur wird von Team V Architecture entworfen und mit dem Bau will man 2017 beginnen. Die Verwendung von Holz im Hochhausbau ist ein wichtiger Schritt zu karbonneutralen Städten. In den kreuzweise verleimten Holzplatten dieses Skyscrapers sind allein mehr als drei Millionen Kilo CO2 gespeichert.

©Team V Architecture

Noch höher hinauf wollen die C.F. Møller Architects mit 34 Geschossen in Stockholm. Bei diesem Projekt setzt man auf Vollholz und CLT-Teile, an der Außenseite befinden sich Wintergärten, die mit Glasscheiben geschützt, als thermische Barriere wirken. Diese – aus einem Wettbewerb 2013 als Sieger hervorgegangene – Architektur soll bis 2023 realisiert werden.

©C.F. Møller Architects & DinellJohansson

Bei solchen Höhenflügen darf natürlich London nicht nachstehen. Hier sollen Holzhochhäuser die Skyline nachhaltig verändern. 80 Geschosse und 300 Meter hoch soll der Bau werden, wünscht sich Bürgermeister Boris Johnson. Deshalb arbeiten Forscher der Cambridge University zusammen mit PLP architecture und Ingenieuren von Smith and Wallwork an einer Studie für die Entwicklung von Holzhochbauten in London. Ein Kriterium der Entscheidung für Holz als Material für die städtische Nachverdichtung ist seine größere Akzeptanz unter den Menschen, im Vergleich zu Glas, Stahl und Beton.

©PLP architecture

Auch in Österreich ist man mit dem HoHo und rund 84 Metern Bauhöhe gut im Rennen. Auf rund 4.000 m2
Grundstücksfläche soll bis 2018 in „aspern – Die Seestadt Wiens“ ein 84 Meter hohes Hochhaus in Hybridbauweise entstehen. Das HoHo genannte Holzhochhaus, geplant vom Architekturbüros Rüdiger Lainer + Partner ZT GmbH, steht auf einem von insgesamt vier Baufeldern, die der Investor Günter Kerbler in der Seestadt Aspern hält. Bei 24 Geschossen sind die Anforderungen hinsichtlich effizienter Nutzung, Brandschutz und Tragwerksplanung besonders brisant. Das bewusst einfache Bausystem verwendet die Stapelung von vier vorgefertigten, seriellen Bauelementen: Stützen, Unterzug, Deckenplatten und Fassadenelemente. An die tragenden Gebäudekerne aus Stahlbeton werden die Grundflächen aus Holzverbunddecken angelagert, die auf Holzstützen in der abschließenden Fassadenschicht aufgelagert sind. Die Stützen wiederum bilden mit den ebenfalls vorgefertigten Außenwandmodulen aus Massivholz und der „erdigen“, mineralischen Sandwichschale als Fassadenoberfläche ein gemeinsames Montageelement.

©RLP Rüdiger Lainer + Partner

Text: Peter Reischer

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Kategorie: News, Projekte

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