Der Eingang zur Unterwelt

25. Juni 2014 Mehr

Ein Glaskörper wie ein Kristall, gestreift, reflektierend und doch transparent: Das ist der Eingangspavillion zum 9/11 Museum am Ground Zero in New York. Entworfen wurde er vom Architektenbüro Snøhetta und diesen Mai eröffnet.

Ein Museum für das, was übrig blieb

Fahrräder mit staubbedeckten Sätteln samt dem dazugehörigen Fahrradständer, Schuhe, Hüte, Uniformen, ein zerstörtes Feuerwehrauto, ein Flugzeugfenster, ein Ehering – Objekte ohne Worte. Manch einer empfand die Zurschaustellung dieser oft intimen Gegenstände wie einen Schlag in die Magengrube, zu sehr sind die Dinge mit Emotionen verbunden. Zu finden sind sie im 9/11 Memorial Museum am Ground Zero in New York. Am 15. Mai wurde das Bauwerk, entworfen vom Architekturbüro Snøhetta, feierlich von Präsident Obama eröffnet. Wohl kein Bauwerk der westlichen Welt hat einen derartigen Symbolcharakter und eine unbestrittene Öffentlichkeit wie dieses Memorial. Als Mahnmal für die Tausenden Opfer der Attentate vom 11. September 2001. Und sie sind sehr präsent in dieser Architektur.
Im Jahr 2004 wurde Snøhetta mit dem Entwurf des einzigen, oberirdischen Gebäudes auf der Erinnerungsstätte des Ground Zero beauftragt. In den darauffolgenden Jahren wurde das Programm mehrmals geändert, immerhin blieb es bei einer Kulturstätte. Das Design des Bauwerkes reagiert nun sorgfältig und behutsam auf die Ebene des Gedenkplatzes. Trotzdem schafft es einen Bereich mit einer belebten Form, die es dem Besucher ermöglicht, den Ort und die Stadt in einem umfassenderen Sinn zu begreifen. Craig Dykers, einer der Gründer von Snøhetta, versucht dies mit folgenden Worten zu vermitteln: „Unser Wunsch war, dem Besucher einen Ort vorfinden zu lassen, der die natürliche Grenze und auch eine Vermittlung zwischen dem Alltagsleben der Stadt und der einzigartigen spirituellen Qualität des Memorials darstellt. Es ist wichtig, dass die Menschen sich physisch mit dem Gebäude auseinandersetzen und begreifen, dass es ihnen einen Zugang zu dem Ort des Museums und zu anderen Gedanken über ihre Erfahrungen verhilft.“
Der Pavillon, den die Architekten entworfen haben, markiert den Eingang zum unterirdischen Museum unter dem Platz.

Das Museum selbst wurde von dem in New York ansässigen Architekturbüro Davis Brody Bond gestaltet. Snøhettas kristallähnliches Bauwerk ist die einzige an der Oberfläche sichtbare Architektur. Es befindet sich
in der Mitte zwischen den beiden, von Architekt Michael Arad und dem Landschaftsarchitekten Peter Walker, errichteten Gedächtnisbrunnen. Als ‚Brücke zwischen zwei Welten‘ stellt der Glaskörper, mit seiner eher niedrigen, horizontal gerichteten, aber doch sich leicht aufrichtenden Form den Eingang in die Unterwelt des unterirdischen Ausstellungsbereiches dar. Ein Mittler zwischen hell und dunkel, zwischen individueller und kollektiver Erfahrung, zwischen Leben und Tod.

Das Volumen des Körpers und sein Design vermitteln zwischen den Skyscrapern im Hintergrund und der völlig ebenen Fläche der Gedenkstätte. Die Außenhaut stellt eine Mischung aus Transparenz, Reflexion, und gestreiften Oberflächen dar – sie erregt durch ihre Gestaltung die Aufmerksamkeit der Passanten und führt dazu, dass sie durch die Glasscheiben ins Innere blicken wollen.

Gleichzeitig spiegelt sie die Umgebung. Gelingt doch ein Blick ins Innere, sieht man ein Paar Stahlsäulen, verrostet und beschädigt – Überreste der zerstörten Twintower. Obwohl sie nicht mehr am Originalort stehen, ist es doch durch ihre Ästhetik eine zwar stumme, aber erschütternde Geste.

Das Bauwerk entspricht natürlich den Richtlinien der Nachhaltigkeit: Optimierter, minimaler Energieverbrauch, Tageslicht von oben, Grauwasserwiederverwendung, schadstofffreie und aus lokalen Quellen stammende Materialien sind selbstverständlich und führen zu einer angestrebten LEED Zertifizierung in Gold. Auch die Wahl der Materialien entspricht ganz dem eher kontemplativen, besinnlichen Inhalt der Architektur. Die Planer verwendeten für die Fußböden im Innenraum Esche Stabparkett, für Wände und Decken ebenfalls Paneele aus Esche, ferner polierten Beton und Kunstharz an den Wänden. Außen kamen rostfreier Stahl und Isolierglas zum Einsatz. Einmal ins Innere gelangt, überblickt der Besucher das Atrium und beginnt die physische und mentale Transition in die Welt unter dem Erdboden – der Weg hinunter in das 9/11 Museum. (rp)


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Kategorie: Nachrichten

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