The Three Cusps Chalet

14. März 2017 Mehr

Zeitachse – von damals bis heute

The Three Cusps Chalet / Braga / Tiago do Vale Architects

 

Die Tiago do Vale Architects haben sich die Mühe gemacht, mit Liebe und Kreativität ein kleines Häuschen in der portugiesischen Stadt Braga zu erneuern. Sie haben aber keinen reinen  Restaurationsprozess durchgeführt, sondern mit viel Geschick ein durchaus zeitgemäßes Design in den Innenräumen verwirklicht. So drückt diese Architektur den Kontrast zwischen Vergangenheit und Moderne aus – eine Zeitachse wird sichtbar.

 
The Three Cusps Chalet Braga

 

Vor über 2000 Jahren wurde „Bracara Augusta“ vom römischen Kaiser Augustus gegründet und lag an einer der römischen Hauptstraßen auf der Iberischen Halbinsel. Es war der Verwaltungssitz des Imperiums und wurde später von Kaiser Caracalla zur Hauptstadt der römischen Provinz „Gallaecia“, dem heutigen Galizien, erhoben. Die Diözese von Braga ist die älteste Portugals und konkurrierte im Mittelalter mit Santiago de Compostela um Macht und Bedeutung. Hier ging einer der Wege nach Santiago entlang, als diese Pilgertradition mit der christlichen Rückeroberung und Gründung Portugals eine größere Bedeutung zu gewinnen begann.

 

The Three Cusps Chalet Braga

 

Heute ist Braga in Portugal – eine der ältesten Städte des Landes – eine vibrierende Stadt voller Jugendlicher, die an ihren Universitäten studieren. Seit den 70er Jahren versucht man, auch die architektonischen Kostbarkeiten der Stadt zu erhalten und zu restaurieren. So restaurierten die Tiago do Vale Architects ein kleines Häuschen, das Teil eines Ensembles mit der Bezeichnung „The Three Cusps Chalet“ ist. Die Übersetzung des englischen Begriffes „cusps“ nimmt auf die drei spitzen Giebel und die in der Fassade immer wieder auftauchenden Dreiecksformen Bezug. Die drei, nebeneinanderstehenden Häuschen flankieren einen kleinen Platz und befinden sich in der Mitte zwischen den römischen und den mittelalterlichen Stadtmauern von Braga. Es ist ein besonders sonniger Ort mit zwei Seiten: Eine richtet sich zur Straße nach Westen und die andere zu einem hübschen, östlich gerichteten Innenhof. So haben die Häuser den ganzen Tag Sonnenlicht.

Das „Three Cusps Chalet“ ist ein sehr eigentümliches, mit viel Geschichte behaftetes Gebäude. In ihm dokumentiert sich die lokale Geschichte, in einer Kombination der typischen portugiesischen Architektur des 19. Jahrhunderts mit urbanem Design und unerwarteten Einsprengseln. Diese „nördlich-alpinen“ Motive waren von Wellen wohlhabender portugiesischer Rückkehrer im 18. Jahrhundert aus Brasilien mitgebracht worden, wiederum beeinflusst von den mitteleuropäischen Gebäuden, welche die zweite industrielle Revolution nach Brasilien gebracht hatte.

Die Identität der Architektur war in den 120 Jahren seiner Geschichte durch die unterschiedlichsten, unqualifizierten Eingriffe und Veränderungen verloren gegangen. Das Raumgefüge war im Inneren zerteilt worden, man hatte das Tageslicht ausgesperrt und die Öffnung zur Straße hin verschlossen. In ähnlicher Weise war die Fassade verfälscht worden. Moderne Aluminiumfenster und Sonnenschutzvorrichtungen hatten den Rhythmus der Öffnungen zerstört. Der Maßstab in der Architektur, die Proportionierung und die ursprüngliche Ansicht von der Straßenseite stimmten nicht mehr. Und überhaupt befanden sich die drei Häuschen in einem eher abgewohnten und verfallenen Zustand.

 

 

Das Projektziel war, wieder Klarheit in die Räume und Funktionen des Hauses zu bringen, ihm sein ehemaliges Aussehen wieder zu geben, Wohn- und Arbeitsmöglichkeit zu schaffen und es gleichzeitig fit für die heutigen Ansprüche des Lebens zu machen. Es sollte so auch eine Anregung für weitere Projekte in der Nachbarschaft entstehen. Also wurde die Fassade restauriert und wieder in ihren alten Glanz gebracht, die dekorative Giebelverkleidung wieder hergestellt, die originalen hölzernen Fensterrahmen erneuert. So stört heute nicht einmal das elektrische Kabel, welches mit südländischer Nonchalance über die Fassade des frisch restaurierten Gebäudes hängt. Die Innenräume bekamen wieder ihre räumliche und funktionale Aufteilung, Holzböden und -decken und die Originalstiege. In den Nassräumen und im Erdgeschoss verlegte man Estremoz-Marmor aus Portugal.

Das neue Raumprogramm beinhaltet einen Arbeitsbereich und Wohnmöglichkeiten. Dadurch, dass der Innenhof um 1,5 Meter höher als die Straßenebene liegt, konnte man den Arbeitsbereich zur Straße hin nach Westen orientieren und auch mit der Öffentlichkeit in Beziehung setzen. Diese Seite wird von der Nachmittagssonne beleuchtet. Die Wohnfunktionen richten sich zum Innenhof und der Morgensonne hin. Im Hof sind einige Orangenbäume gepflanzt – sie geben in den Sommermonaten ein interessantes Schattenspiel ab und in der Winterzeit bieten sie ein hübsches Display, bedeckt mit leuchtenden Früchten. Aufgrund der limitierten Grundfläche behielt man die ursprüngliche Strategie einer nach oben hin abnehmenden, hierarchischen Anordnung von Räumen und Funktionen bei. Die Stiege wird nach jedem Treppenlauf enger, entsprechend der Natur der Zonen, welche sie verbindet. Das Stiegenhaus filtert auch sehr effizient die visuellen Beziehungen zwischen den Arbeits- und Wohnfunktionen, gleichzeitig erlaubt es durch ein im Dach angebrachtes Oberlicht, dass natürliches Licht von den oberen Ebenen in die Tiefe dringt.

Auf der ersten Ebene finden die gemeinschaftlichen Funktionen und Programme des Hauses statt. Indem sich die Architekten der natürlichen Tendenz von Aufteilungen verweigerten, definiert nun das Stiegenhaus die Grenzen zwischen Küche und Wohnraum. Es entstand ein offener Raum mit einer, den ganzen Tag andauernden, natürlichen Belichtung: Das Licht kommt am Morgen durch die Küche, den ganzen Tag durch das Stiegenhaus und am Nachmittag durch das Wohnzimmer.

 

 

Wenn man den letzten, engsten Stiegenlauf erklommen hat, gelangt man in den Schlafbereich. Hier wirkt das Dach, dessen Struktur – weiß gestrichen – sichtbar bleibt als Hauptakteur. Weiß als Farbe wird konsequent an allen Wänden, Decken, Handläufen, Tischlerarbeiten und im Marmorboden wiederholt. Auf der anderen Seite der Stiege ist ein Ankleideraum, der von einem Badezimmer abgeschlossen wird.

Der erwähnte Ankleideraum ganz oben ist dann die Überraschung an der höchsten Stelle, sozusagen als Abschluss der Architektur: Hier verblieben sowohl Fußboden wie auch die Dachstruktur in ihrem ursprünglichen Zustand – holzfarben. Auch die Schranktüren sind aus Holz. Man könnte diese Inszenierung wie eine kleine Holzschachtel interpretieren, als Kontrast mitten in einer weißen Box und als Kontrapunkt zu der Marmorbox des Bades.

 

 

Three Cusps Chalet
Braga, Portugal

Bauherr: Tiago do Vale Architects
Planung: Tiago do Vale Architects
Statik: Constantino & Costa

Grundstücksfläche: 171.60 m2
Bebaute Fläche: 57.20 m2
Nutzfläche: 114.20 m2
Planungsbeginn: 2012
Bauzeit: 11 Monate
Fertigstellung: 2013

 

Text: Peter Reischer

Fotos: ©João Morgado

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Kategorie: News, Projekte

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