»WIEN. DIE PERLE DES REICHES« PLANEN FÜR HITLER

18. Februar 2015 Mehr

 

19.03. – 17.08.2015

ERÖFFNUNG: MI, 18.03.2015, 19 UHR | PRESSEKONFERENZ: MI, 18.03.2015, 11 UHR

„… diese Stadt ist in meinen Augen eine Perle! Ich werde sie in jene Fassung bringen, die dieser Perle
würdig ist, und sie der Obhut des ganzen Deutschen Reiches, der ganzen Deutschen Nation anvertrauen.
Auch diese Stadt wird eine neue Blüte erleben.“ Adolf Hitler anlässlich der Begrünung durch den Bürgermeister der Stadt Wien, Hermann Neubacher, am 9.4.1938. 

Erstmals wird in einer umfassenden Ausstellung im Architekturzentrum Wien das breite Spektrum des Wiener Baugeschehens während des Nationalsozialismus gezeigt. Die Bau- und Planungstätigkeit im Dritten Reich am Beispiel Wiens veranschaulicht die weitreichenden Zusammenhänge und Verflechtungen der NS-Ziele – Architektur wird für eine aggressive Expansionspolitik des NS-Regimes instrumentalisiert, Städtebau und Raumplanung werden zum Machtinstrument für eine nationalsozialistische Bevölkerungspolitik. Dem paradoxerweise weit verbreiteten Mythos, Wien würde nur eine untergeordnete Rolle im Planungsgeschehen des Dritten Reiches spielen, wird in der Ausstellung nachgespürt. Mit der Schaffung von Groß-Wien steigt die Donaumetropole nach Berlin zur zweitgrößten Stadt des Reiches auf. Infrastruktur-, Industrie- und Bebauungskonzepte bezeugen die mächtige Funktion Wiens als Drehscheibe und Transitraum von und nach Südosteuropa.

In den Geschichts- und Sozialwissenschaften wurde in den letzten 70 Jahren vergleichsweise viel über den Nationalsozialismus in Österreich geforscht und publiziert, im Bereich der Architekturgeschichte blieb dies jedoch bisher aus. Durch die Übergabe des Archivs von Klaus Steiner an das Az W 2011, welches sich durch eine Vielfalt an Originalmaterialien (Pläne, Fotos, Schriftdokumente, Akten etc.) auszeichnet, wurde der Grundstein für diese Forschungstätigkeit gelegt und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema erst möglich. Vieles, was bisher im Verborgenen lag, konnte durch die eindringliche Beschäftigung im Zuge der Vorbereitungen zu dieser Ausstellung zu einer weiteren Aufarbeitung dieses Abschnitts der Geschichte beitragen. Erkenntnisreich ist das Wirken vieler ArchitektInnen und die Kontinuität ihrer Arbeit von der Zwischenkriegszeit, über das Dritte Reich und die Nachkriegsjahre bis in die Gegenwart. Architektur, Stadt und Raumplanung wurden als Machtinstrumente für monumentale Selbstdarstellungen und Neugestaltungen vereinnahmt und ihre Protagonisten wurden zu „Verbündeten“ eines totalitären Systems. Der Berufsstand der ArchitektInnen erlebte in der Zeit des Nationalsozialismus eine ungeahnte Blüte, ihr Einfluss reichte weit bis nach Kriegsende in das Planungs- und Baugeschehen hinein. Viele ArchitektInnen wie auch BeamtInnen der Stadtplanung haben die Entnazifizierung überstanden und setzten nach Kriegsende „unbescholten“ ihre Tätigkeit fort.

Wien sollte eine besondere Rolle im Dritten Reich spielen und zur Gauhauptstadt avancieren. Hitler, der Zeit seines Lebens ein zwiespältiges Verhältnis zu Wien hatte, möchte der Stadt eine Vorreiterposition im Bereich der Künste verschaffen – Wien als Kunst-, Theater- und Musikhauptstadt und als Vermittler „deutscher“ Kultur zwischen Ost und West. Wien sollte aber nicht nur Kunst-Metropole, sondern auch Drehscheibe und Angelpunkt zum Südosten werden. Hitlers Bewunderung für die Ringstraße und ihre imperialen Bauten lässt sich in der Planung für die Neugestaltung des Helden- und Rathausplatzes ablesen, die als geschlossene befestigte Aufmarschplätze zur Bühne der Selbstdarstellung umfunktioniert werden sollten. Doch die meisten dieser monumentalen Planungen, wie auch die normal zur Donau verlaufende Monumentalachse und die damit verbundene Umgestaltung des 2. und 20. Bezirks, wurden nie realisiert. Nach Kriegsende ist vieles in den Schubladen der Verantwortlichen verschwunden und ein Stück weit in Vergessenheit geraten.

DIE AUSSTELLUNG

Das Ziel der beiden Kuratorinnen Ingrid Holzschuh und Monika Platzer ist, anhand von neun Themenbereichen die Veränderung, Überformung, Inszenierung und Modernisierung der Stadt nachvollziehbar zu machen. In den ersten beiden Themenbereichen geht es um die Frage nach der Rolle von Wien im Grossraum Europas. Am 9. April 1938 prägt Hitler bei der Ansprache im Rathaus den Begriff Wien. Die Perle des Reiches. In der Wiener Stadtplanung löst Hitlers Ausspruch eine regelrechte Planungseuphorie aus und markiert den Anfang eines der umfangreichsten Bauprogramme des 20. Jahrhunderts. Im Abschnitt Rasse und Raum werden die Disziplinen der Raumplanung und Raumforschung vorgestellt, die die wissenschaftlichen Grundlagen für die Gebietserweiterung von Groß- Wien bilden. Die Kapitel Macht und Symbolpolitik und Monumentalisierung behandeln die Vereinnahmung von Architektur als Propaganda. Die Stadt wird monumentalisiert und mit Repräsentationsbauten der Partei ausgestattet. Das gesamte Bauprogramm dient dem alleinigen Zweck, Wien zu einer Gauhauptstadt nationalsozialistischer Gesinnung umzuformen. Die monumentalen Planungen stehen in direktem Zusammenhang mit dem Ausbau der Reichsbahn, dem Neubau der Reichsautobahn und der Erweiterung der Hafenanlagen, wie das Kapitel Reaktionärer Modernismus über die Infrastrukturplanungen zeigt. Die Auflockerung der Kernstadt und die Schaffung von neuem Wohnraum für die „deutsche Volksgemeinschaft“ thematisiert der Teil Die Neue Stadt. An den Planungen des NS-Wohnbauprogramms ist eine Vielzahl von ArchitektInnen beteiligt, die im Aufbauprogramm der Nachkriegszeit auf ihre in der NSZeit entstandenen Entwürfe zurückgreifen. Im Kapitel Totaler Krieg geht es sowohl um die Mobilmachung für den Eroberungskrieg im Osten als auch um den Beginn des Luftkrieges. Der Schwerpunkt der Planungen liegt nun auf der Sicherung des zivilen Luftschutzes und dem Ausbau der Stadt zur
„Luftschutzfestung“. Im letzten Ausstellungsabschnitt Planungsgebiet Ost werden die Planungen in
Bratislava, Prag und Krakau fokussiert. Städte, die für Wiener Architekten ein umfangreiches Betätigungsfeld bieten, wobei sich auch hier die Frage nach der Rolle des Berufsstandes bei der Neuordnung der Ostgebiete stellt. Groß-Wien war zentraler Schauplatz, an dem die politischen Ziele einer rassistisch und antisemitisch strukturierten politischen Ordnung mit den wirkungsmächtigen Instrumenten der Architektur, Raumforschung und Raumplanung realisiert werden sollten. Es ist die Visualisierung von Tätergeschichte, in deren Zusammenhang sich die Frage nach der Funktion und der Verantwortung von Architektur und ihren AkteurInnen stellt.

Ein Rückblick in die Architektur- und Stadtgeschichte von Wien zeigt die Aussparung der nationalsozialistischen Ära, ein Zeichen für die stattgefundene Verdrängung und die Externalisierung der Mitschuld. Die Einbindung des Nationalsozialismus in das Gesamtbild und die damit verbundene Zusammenschau von historischen Ereignissen sind jedoch unerlässlich für ein Verständnis der Gegenwart. Kontexte, Rahmenbedingungen und Folgewirkungen sind zwar heute andere, dennoch zeigen sich in den NS-Planungen Parallelen und Kontinuitäten zur Jetztzeit.

Die Objekte der Ausstellung stammen fast ausschließlich aus dem Az W Sammlungsbestand Archiv Klaus Steiner und wurden punktuell mit Dokumenten aus anderen im Az W aufbewahrten Architektennachlässen erweitert. Weiters wird die Ausstellung mit Material aus Amateur- und Propagandafilmen ergänzt.

Text: Az W / Fotos: © Architekturzentrum Wien, Sammlung

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Kategorie: Veranstaltungen

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