Text: Gudrun Gregori
Bilder: Andreas Penkler
Erwiesenermaßen fallen über 70% der Kaufentscheidungen unbewusst.
„Die Verführung zum Einkauf“ kann daher von der Werbung stark gesteuert werden. Aber auch
Shopgestalter setzen zunehmend auf psychologisch durchdachte Konzepte. Der Garant für einen
höheren Umsatz? Ein Gespräch mit dem schwedischen Innenarchitekten Martin Thörnblom.
Welche
Rolle spielt die Architekturpsychologie aus Ihrer Sicht heute für die Innenarchitektur?
Martin Thörnblom: Da der Wettbewerbsdruck bei den Shops immer
größer wird, muss man heutzutage schon sehr genau wissen, für welche Zielgruppe man welche
Projekte in welchem Rahmen präsentiert. Schließlich will ich als Gestalter nicht meine
persönlichen Bedürfnisse, sondern die des Konsumenten erkennen, wecken und bedienen.
Insofern kommt man heute ohne psychologische Überlegungen in der Shopgestaltung nicht weit.
Die Werbewirtschaft ist ständig den neuesten Produkttrends auf der
Spur, die ja auch das Kaufverhalten generell beeinflussen. Wie reagieren Sie darauf?
Wenn ein Shop langfristig funktionieren soll, muss man dem
Zeitgeist immer einen Schritt voraus sein. Das bedeutet extrem zukunftsorientierte
beziehungsweise auch visionäre Planung. Die Frage ist, was will der Konsument heute, morgen
und vor allem in 5 Jahren? Natürlich hängt das aber auch vom Shop ab. Für eine Boutique
kalkulieren Sie eine andere „Ablaufzeit“ als für ein Tischkulturgeschäft. Aber oft
bestimmen auch rechtliche Veränderungen das Konsumverhalten. Und diese rechtzeitig zu
erkennen, ist wieder eine eigene Kunst.
Können Sie
uns ein Beispiel nennen?
Bei den Apotheken wird sicher bald etwas Entscheidendes passieren.
In Österreich unterliegen sie noch einer Reglementierung, in anderen Ländern funktionieren
sie jedoch längst wie eine Drogerie. Das bedeutet für diesen Markt eine Verstärkung des
Wettbewerbes und vor allem auch eine Veränderung des Konsumverhaltens. Wir haben daher
beispielsweise die Allerheiligen Apotheke in Wien ganz im Sinne eines mündigen Kunden nach
neuen Richtlinien gestaltet. In diesem Konzept vollzieht sich die Wandlung von der
klassischen Apotheke hin zum modernen Shop.
Mit welchen
konkreten Mitteln der Shoparchitektur?
Das Geschäft hat nun insgesamt einen starken
Selbstbedienungscharakter mit so genannten Freiwahl- und Sichtwahlsegmenten. Im
Selbstbedienungsbereich können Sie sich selbstständig über bestimmte Waren und Produkte,
deren Wirkungen und Nebenwirkungen informieren. Bei den Sichtwahlprodukten steht der
Apotheker als Fachmann für die Beratung zur Verfügung. In den toten Ecken des
Geschäftslokales haben wir interaktive Informationsbereiche eingerichtet, wo der Kunde mit
vielseitigen Beiträgen sehr zielgruppenspezifisch erreicht wird. Produkte, die solchermaßen
beworben werden, erzielen übrigens einen deutlich höheren Umsatz. Wir sind hier einer zu
erwartenden Entwicklung einen Schritt vorausgegangen und haben mit innovativer
Shoparchitektur ein neues Einkaufs- und Informationsverhalten angeregt. Auch das ist mit
psychologisch durchdachter Gestaltung möglich.
Sie
beeinflussen also mit gestalterischen Mitteln bewusst den Verkaufsprozess?
Ja und das ist ein unglaublicher Mehrwert für den Shopbetreiber,
wenn ich mit Gestaltung bestimmte Szenarien oder Situationen erzeugen kann. Auch das
Unternehmen Augarten ist ein gutes Beispiel für ein gesteuertes Shoperlebnis: Augarten ist
eine Manufaktur und verkauft als Weltmarke durchwegs exklusive Produkte. Die Frage war, wie
kann man mit neuer Shoparchitektur die Exklusivität der Waren besser vermitteln und
gleichzeitig den Kunden zum verstärkten Kaufen anregen? Die Lösung lag in einer Reduktion
und einer neuen Präsentationstechnik der Waren.
Wie sieht
das in der Praxis aus?
Die besonders teuren Stücke haben wir in sichtbare Tresore
gestellt. Der Großteil der Waren wurde aber in Verkaufspulten, die mit speziellen
Ausziehfächern ausgestattet wurden, versteckt. Verlangt der Kunde nun beispielsweise nach
der Obstschale eines bestimmten Services, so wird ihm zunächst nur diese, während des
Verkaufsgespräches jedoch das komplette Service präsentiert. Am Ende ist der Tisch fertig
gedeckt. Dem Kunden wird auf Wunsch Kaffee oder Tee serviert. Das intensiviert das Szenario
und erhöht die Kaufbereitschaft des Kunden.
Ist nun
eine solchermaßen psychologisch durchdachte Shopgestaltung ein Garant für mehr Umsatz?
Natürlich wirkt sich funktionierende Architektur auch in den
Umsatzzahlen aus. Wenn die Kunden sich wohl fühlen, kaufen sie mehr. Der coolste Laden
nützt eben nichts, wenn das Konzept insgesamt nicht passt.
Schaut man
auf die großen Marken, so gilt anscheinend die Regel „Je exklusiver, desto besser!“
Das kommt auf das Produkt an. Sicher brauchen exklusive Produkte
einen exklusiven Rahmen. Wenn der Kleiderproduzent Prada sich Michael Koolhaas als
Gestalter nach New York und Los Angeles holt, dann stylt man die Marke mit einer Marke.
Aber: Ein Shop muss auch rentabel sein. - Wie viele Shops können davon leben, am Tag 5
Shirts zu verkaufen? Was ich damit sagen will, ist, dass Sie in der Regel mit guter
Shopgestaltung alleine auch nicht alles bewirken können. Denn insgesamt funktioniert ein
Gestaltungskonzept nur in der Einheit von Marketing, guter Verkaufspsychologie und
professioneller Warenpräsentation. Zum anderen gibt der Kunde auch nur so viel aus, wie er
in der Brieftasche hat. Und hier enden die Möglichkeiten der gestalterischen Kaufmotivation.
Da wäre dann die Wirtschaft gefragt. Denn: Wenn alles spart, hilft das beste Design nichts!
Wie sehen
Sie den modernen Konsumenten?
Der moderne Kunde will sich mit dem Design und den Waren
identifizieren können, er ist kritisch und neugierig - das merkt man vor allem bei den
Shoperöffnungen. Aber leider lässt sich auch eine von der Globalisierung geprägte
Einheitskultur feststellen. Die großen Einkaufscenter zeichnen sich oft durch
Austauschbarkeit aus. Und das Resultat ist die Einheitlichkeit des Kunden. - Der typische
weibliche Teenager von heute ist vom Rucksack bis zu den Turnschuhen uniform gestylt. Ich
sehe meine Aufgabe daher auch darin, mit kreativen und psychologisch durchdachten
Gestaltungskonzepten diesem Trend ein wenig entgegenzuwirken.
Wir danken
für das Gespräch!
Lesen Sie in den nächsten Ausgaben von shopstyle mehr zum Thema Gestaltungspsychologie!
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