„Mag. Job´s Marienapotheke“ in Eisenstadt
Nein, mit einer Job-Börse für Akademiker hat „Mag. Job´s“ nichts
zu tun. Rein gar nichts. Mag. Thomas Job ist der glückliche Inhaber einer rundum erneuerten
Apotheke im Altstadtkern von Eisenstadt, geplant von der jungen Architektengruppe „Purpur“
mit Sitz in Graz und Wien.
Der Eisenstädter Altstadtkern besteht im Wesentlichen aus 3
parallelen Straßenzügen, wobei die „Hauptstraße“ der mittlere ist. „Mag. Job´s
Marienapotheke“ liegt am östlichen Ende der „Hauptstraße“, in einem Eckhaus „Beim Alten
Stadttor“. Vor der Neu-Adaptierung war die Situation weniger glücklich. Erst 1997 zuletzt
umgebaut, war der Verkaufsraum mit 35 m2 geradezu winzig und wurde von 20 Mitarbeitern
versorgt. Doch das benachbarte Eckhaus, in dem sich früher eine Schuhhandlung befand, stand
leer und konnte dazugekauft werden. Dieses größere Objekt war in 2 Bauabschnitten errichtet
worden, einer 1974 und einer 1976. Die Herausforderung für die Architekten bestand nun
darin, die vergleichsweise üppigen neuen Möglichkeiten entsprechend zu nutzen und die 3
unterschiedlichen Bauteile zu einer Einheit zusammenzufassen.
Am zugekauften Objekt wurden die Fassadenöffnungen völlig neu angeordnet, sodass das
Gebäude von außen wie neu aussieht. Im Erdgeschoß wird die Gebäudekante des älteren Hauses
beim neueren Haus geradeaus weitergeführt, während die Fassade in den oberen Geschoßen
einen Knick macht. Dadurch entsteht eine Art Passage, die die beengte städtebauliche
Situation verbessert und die Kunden näher an das Gebäude heranzieht.
Diese neue innere Fassade ist vollständig aus Glas und erlaubt Einblicke auch in die
Diensträume der Apotheke wie Labor und Nachtdienst. Der neue Eingang ist eigentlich als
Ausgang gedacht, die Kunden sollen hauptsächlich über den alten Eingang kommen und zuerst
die dort angeordnete Freiwahlzone durchqueren. Je nachdem, ob man es eilig hat oder sich
umschauen möchte, kann man direkt auf das Verkaufspult zugehen oder der mäanderförmigen
Wegführung folgen. Im Zentrum des Ladens befindet sich ein großzügiger „Sammelplatz“, auch
„Offizin“ genannt, und dahinter das Herzstück der Apotheke: Ein 40 Jahre alter Olivenbaum -
der eigens aus der Toskana nach Eisenstadt gekarrt wurde - in einem kleinen
Heilkräuter-Schaugarten mit Baldrian, Eibisch, Fenchel, Johanniskraut, Kamille, Lavendel,
Melisse, Salbei, Thymian und anderen heimischen Sorten. Der Apothekenbesuch kann so zu
einem anregenden Erlebnis werden, weil auch die Hintergründe des Apotheker-Berufes sichtbar
werden. Der Innenhof für Baum und Garten wurde extra in das Gebäude eingeschnitten, ist
aber in der „Hauptstraße“ von Eisenstadt ein absolut typisches Element. Fast jedes Haus
besitzt einen Patio, da die Häuser ähnlich den burgenländischen „Hakenhöfen“ mit der
Schmalseite zur Straße stehen und in die Tiefe gebaut sind. Der Kräutergarten sorgt nicht
nur für Flair, sondern ist auch ein Hinweis auf die Eigenproduktion von „Mag. Job´s“.
Moderne Apotheken müssen sich am Markt positionieren wie andere Geschäfte auch. Der Slogan
von „Mag. Job´s“ lautet: „G´sund bleiben“ statt kurieren. Daher präsentiert sich die
Apotheke hauptsächlich als Anbieter von Wellness-Produkten. Die nicht-medizinischen Bereiche
wie Kosmetik, Pflegeprodukte, Vitalität, Entschlackung, Kräuter, Babies+Kinder nehmen einen
größeren Platz ein als die pharmazeutischen Bereiche.
Das Gestaltungskonzept wurde als Gesamtkonzept zusammen mit einer Werbeagentur entwickelt.
Architektur und Corporate Identity sind eine Einheit. Für zukünftige Werbeauftritte wurden
eigene Layout-Vorlagen vorbereitet und ein Grafikarbeitsplatz im Büro eingerichtet. Sogar
ein eigenes Fotoatelier ist vorhanden, damit die Apotheke ihre Marketing-Aktionen
selbstständig am Laufenden halten kann. Neben ihrer Präsentation als „Wohlfühl-Apotheke“
bietet „Mag. Job´s“ die Einsehbarkeit in alle funktionellen Bereiche. Zwar gibt es eine
unausgesprochene Barriere vor dem Verkaufspult, und die Apotheke ist nicht als
Schau-Apotheke gedacht, aber man hat überallhin Sichtverbindungen. Der Kräutergarten wird
gerne persönlich hergezeigt. Und in der Selbstbedienungszone ist eine Fachkraft angestellt,
die beratend zur Verfügung steht. Für Kinder gibt es eine eigene Spielecke mit Spielzeug,
wo sie sich vergnügen können, während die Eltern in den weitläufigen Gängen flanieren und
die Inhaltsangaben der Produkte studieren.
Der neue Eingang ist behindertengerecht, für eine Apotheke eine scheinbare
Selbstverständlichkeit, die aber bei weitem nicht jede bietet. Das Nachtdienst habende
Personal muss nicht aus der Wohnung geklingelt werden, sondern hat einen Schlafplatz direkt
hinter der Nachtklingel. Weitere Bereiche sind die Anlieferung samt Stauraum, das Labor,
ein Sozial- und Besprechungsraum, eine Garderobe mit WC, die Magazinschränke mit den
Arzneimitteln, der Sichtwahlbereich hinter dem Verkaufspult, das Büro, die Zubereitung nach
Rezeptur und der Auslagenbereich. Das Lager befindet sich im Keller. Mit diesem Raumangebot
lassen sich die Apothekertätigkeiten umfassend zelebrieren. Die Schaukästen vor den
Auslagen sind verschiebbar und beidseitig bespielbar, zum Zweck des Befüllens auch drehbar.
Das mäanderförmige Vitrinenband an der Fassade ist eine Analogie zur Anordnung der Regale
im Grundriss und soll einen sanft fließenden Energiestrom versinnbildlichen. Zusätzlich
knüpft es eine optische Verbindung zwischen dem älteren und dem neueren Gebäudeteil. Die
Apotheke gibt sich außen und innen strahlend weiß. Als farbiges Rückgrat dienen Einbauten
aus kräftig gemasertem Olivenbaumholz. Der Fußboden im Verkaufsraum besteht aus Fließbeton
mit einer Wachsschichte in gebrochenem Weiß, in den hinteren Räumen aus Bambus-Stabparkett.
Die Regale bestehen weitgehend aus Hartglas, die Laden zu den Magazinschränken aus gebogenem
Corian.
Es ist nicht zuletzt die bunte Grafik der diversen Verpackungen, die dem Laden seine
Lebendigkeit einhaucht. Die Apotheke wirkt angenehm luftig und entspannt und erinnert
möglichst wenig an bittere Medizin und was es hier sonst noch an unerfreulichen Dingen zu
kaufen gibt. Zum Trost kann man sich einen duftenden Tee oder ein pflegendes Schaumbad
mitnehmen und muss sich nicht gar so arm vorkommen. Wer geht schon gerne in eine
gewöhnliche Apotheke, wenn er nicht muss? Wo auf engem Raum viele kranke Leute herumstehen,
um sich nach schwer auszusprechenden Mitteln gegen ihre Leiden zu erkundigen? Bei Mag.
Job´s ist das gründlich anders. In dieser Apotheke kann man auch ohne besonderen Anlass
jederzeit vorbei schauen, einfach weil sie schön ist und um sich etwas Gesundes zu schenken.
Die cleane und wohlgeordnete Aufreihung der vielfältigen Produkte wirkt beeindruckend und
macht neugierig. Man fühlt sich ein wenig wie in einem Reformhaus, aber die Stimmung ist
weihevoller und einprägsamer. Mag. Job´s Marienapotheke ist eine gelungene
Neu-Interpretation einer klassischen Bauaufgabe, die Schule machen sollte!
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Mag. Job´s Marienapotheke
A-7000 Eisenstadt, Hauptstr. 56
|
| Bauherr: |
Mag. Job |
| Planung: |
Purpur.Architektur, Wien |
| Mitarbeiter: |
Janina Adolphi, Heinz Schmiedhofer |
| Statik: |
Reinhard Pötscher, Graz |
| Grundstücksfläche: |
580m² |
| Bebaute Fläche: |
580m² |
| Umbauter Raum: |
2.232m³ |
| Planungsbeginn: |
August 2003 |
| Bauzeit: |
Juli 2004 bis Jänner 2005 |
| Fotos: |
© Hertha Hurnaus |
| Text: |
Irmgard Brottrager |