Ein Hof mit vielen Schichten

17. September 2026 Mehr

Mit Augustine’s Garden in Riga verbindet Sampling Architects die Instandsetzung eines straßenseitigen Jugendstil-Miets­hauses mit dem Umbau ehemaliger Hofgebäude zu Wohnungen. Das Projekt arbeitet mit den Schichten des Bestands: mit historischen Fassaden, veränderten Werkstattbauten, vorhandenen Materialien und einem Hof, der vom Nebenraum zum gemeinschaftlichen Garten wird.

 

 

Der Hof war der Ausgangspunkt des Entwurfs. Zwischen straßenseitigem Mietshaus und niedrigen Hinterhofbauten lag ein durch Umbauten geprägter Innenraum, dessen Orientierung zur Sonne und vorhandener Bewuchs ein wohnräumliches Potenzial erkennen ließen. In Riga werden solche rückwärtigen Flächen häufig als Abstellräume des Alltags genutzt – für Autos, Fahrräder, Geräte oder provisorische Einbauten. Hier wurde der Hof stattdessen als gemeinschaftlicher Garten mit Pflanzflächen und kleinen Übergangszonen vor den Wohnungen aktiviert. Die Architekten beschreiben ihn als sozialen und räumlichen Kern des Projekts: Nicht die einzelne Wohnung allein, sondern das Verhältnis zwischen Innenraum, Schwelle und gemeinsam genutztem Außenraum prägt den Alltag.

 

 

Aus mehreren Zeiten

Das straßenseitige Mietshaus, ein von Aleksandrs Vanags entworfener Jugendstilbau in der Ausprägung der lettischen Nationalromantik, wurde energetisch ertüchtigt und in seiner Fassadenwirkung wieder lesbar gemacht. Auf der Straßenseite erfolgte die Dämmung von innen, um die historische Fassade nicht zu überformen. Rau und glatt verputzte Flächen wurden wiederhergestellt, die monochrome Grundhaltung blieb erhalten. Karminrote Akzente an Blechdach und Fensterbänken sowie ein olivgrünes Tor ergänzen den Bestand, ohne ihn formal zu überzeichnen. In der Tordurchfahrt wurden historische Wölbungen freigelegt und mit zeitgenössischer Beleuchtung ergänzt. Die dafür notwendige historische Recherche übernahmen Sampling Architects selbst. Archivmaterial bildete die Grundlage für die Abstimmung mit der Denkmalabteilung der Stadt Riga und für die Entscheidung, welche Elemente wiederhergestellt, ergänzt oder unverändert belassen wurden.

 

 

Im Hof zeigt sich ein anderes Bild. Die ehemaligen Industrie- und Werkstattbauten tragen Spuren verschiedener Bauphasen: keramischer Ziegel, Metallträger, weißer Kalksandstein aus sowjetischer Zeit und diverse über die Jahre geschlossene Öffnungen. Die Architekten nahmen die unterschiedlichen Bauphasen nicht als Defizit, sondern als vorhandene Ordnung ernst. Anstatt die Fassaden zu bereinigen, arbeiteten sie mit den sichtbaren Brüchen weiter. Neue Bauteile treten als solche auf: Betonsteine an den Dachrändern, ein rauer weißer Putz auf den gedämmten Flächen, anders materialisierte Füllungen ehemaliger Öffnungen. Das Ergebnis ist keine vereinheitlichte Oberfläche, sondern ein Gefüge, in dem die verschiedenen Eingriffe nachvollziehbar bleiben. Diese Ordnung entstand nicht allein am Zeichentisch. Viele Entscheidungen wurden erst im Abgleich mit der Baustelle präzisiert. Die Architekten arbeiteten mit Fotografien, Skizzen und Mustern vor Ort, um die verschiedenen Zeitschichten der Fassaden nicht nachträglich zu glätten.

 

 

Erhalten, prüfen, ergänzen

Die Umnutzung der Hofgebäude erforderte unterschiedliche Eingriffe. In einem Bau hatte eine frühere Lagerhausnutzung bereits tragende Wände durch Fertigteile und Stahlstützen ersetzt; dadurch war eine innere Dämmung mit begrenzten strukturellen Maßnahmen möglich. Bei einem anderen Baukörper waren die Eingriffe in den Bestand so weitreichend, dass eine Außendämmung notwendig wurde. Dort wurden punktuelle statische Ergänzungen in die Fassade eingefügt, die größere Öffnungen im Erdgeschoss ermöglichten. Die allgegenwertig vorhandenen Holzbalken wurden nicht pauschal ersetzt, sondern im Hinblick auf die neue Nutzung neu bewertet. Da für Wohnungen geringere Nutzlasten anzusetzen sind als für die frühere Lagerfunktion, entstand Spielraum für ihren Erhalt – sofern Zustand, Querschnitte und Anschlüsse tragwerksplanerisch nachgewiesen werden konnten. Für den längeren Baukörper war zudem eine neue Treppe notwendig, um aus der ehemaligen Werkstattstruktur eine brauchbare Wohnorganisation zu entwickeln. Auch dieser Eingriff musste zwischen räumlicher Effizienz und dem Erhalt der vorhandenen Konstruktion vermitteln.

 

 

Wohnen am Hof

Die Wohnungen reichen von kleinen Studio-Duplexeinheiten bis zu größeren Apartments mit Terrassen und französischen Balkonen. Insgesamt entstanden 34 Wohneinheiten: vier Duplexwohnungen, 18 Apartments und zwölf Hofhäuser. Die Mischung richtet sich nicht an ein einheitliches Bewohnerprofil. Gedacht waren unterschiedliche Lebensphasen und Haushaltsformen – von jungen Einzelpersonen über Familien bis zu älteren Bewohnerinnen und Bewohnern. Die Innenräume führen den Umgang mit dem Bestand fort. Vorhandene Materialien bleiben erkennbar, werden aber durch gezielte Farbakzente und neue Oberflächen in eine wohnliche Atmosphäre überführt. Der frühere Werkstattcharakter wird nicht ausgelöscht, sondern in die neue Nutzung eingebunden.

 

 

Pflegen, ernten, begegnen

Die Grundrisse sind zudem auf eine enge Beziehung zum Außenraum angelegt. Besonders im Erdgeschoss setzen große Fensteröffnungen und breite, niedrige Betonfensterbänke die Schwelle zwischen Wohnung und Hof herab. Sie dienen als Sitzflächen, als informelle Aufenthaltsorte und als räumliche Vermittler zwischen privatem Innenraum und gemeinschaftlichem Garten. Auch die privaten Außenbereiche sind nicht hart abgegrenzt. Kleine Terrassen liegen auf einem tragfähigen Kiesuntergrund und können von den Bewohnerinnen und Bewohnern mit Möbeln besetzt werden. Sichtschutz entsteht nicht primär durch bauliche Barrieren, sondern durch Vorhänge, Möblierung und den mit der Zeit dichter werdenden Bewuchs. Diese Offenheit ist kein zufälliger Nebeneffekt, sondern Teil des Wohnkonzepts. Der Hof soll Begegnung ermöglichen, ohne Privatheit vollständig aufzugeben.

 

 

Auch die Bepflanzung folgt diesem Ansatz. Der Garten wurde als essbarer und gemeinschaftlich nutzbarer Außenraum gedacht. Ein Gewächshaus ergänzt die Freiflächen sowohl als Ort für weitere Pflanzen, als auch als geschützter Treffpunkt. Damit bleibt der Garten nicht bloße Freifläche, sondern wird Teil der Wohnpraxis. Pflege, Ernte, Aufenthalt und beiläufige Begegnungen sind fest in die Nutzung des Ensembles eingeschrieben.

 

 

Vorhandenes nutzen, Wandel vorbereiten

Ökologisch liegt der Schwerpunkt vor allem in der Weiterverwendung. Durch den Erhalt vorhandener Bauteile wurden Abbruch, neue Materialien und damit verbundene Ressourcen reduziert. Technisch kombiniert das Ensemble Fußbodenheizung mit dezentraler Lüftung. Der vorhandene Gasanschluss blieb zunächst als Wärmequelle erhalten; die Anlage ist jedoch auf eine spätere Umstellung auf Wärmepumpen vorbereitet. Die energetische Strategie bleibt damit pragmatisch: Sie nutzt vorhandene Voraussetzungen und hält zugleich Spielraum für künftige technische Anpassungen offen.

 

 

Augustine’s Garden
Riga, Lettland

Bauherr: Hanzas nami
Architektur: Sampling Architects
Landschaftsplanung:ALPS

Bruttogeschossfläche: 1.568 m²
Grundstücksfläche: 830 m²
Wohneinheiten: 34
Wohnungstypen: 4 Duplexeinheiten, 18 Apartments, 12 Hofhäuser
Baubeginn: 08/2023
Fertigstellung: 06/2025

www.sampling-architects.com

 

 

Text: Andreas Laser
Fotos: Madara Kuplā

Kategorie: Allgemein